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Unsere Katastrophe ist Corona: "Das Erdbeben in Chili" am Resi | BR24

© Audio: BR/ Bild: Sandra Then/Residenztheater

Mit für seine Verhältnisse geringem Material-Aufwand inszeniert Star-Regisseur Ulrich Rasche die Novelle von Heinrich von Kleist. Erst der Zusammenbruch der Ordnung macht dort eine humane Gesellschaft möglich – was allerdings nicht lange anhält.

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Unsere Katastrophe ist Corona: "Das Erdbeben in Chili" am Resi

Mit weniger Material-Aufwand als sonst inszeniert Star-Regisseur Ulrich Rasche Kleists "Erdbeben in Chili". Erst der Zusammenbruch der Ordnung macht dort eine humane Gesellschaft möglich – vorübergehend allerdings. Ist Corona unser Erdbeben?

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Man möchte sich gar nicht trennen von diesem Glück im Unglück, das die Liebenden Jeronimo und Josephe bei Kleist verspüren – von dieser Hoffnung auf einen Neuanfang, der in der Katastrophe liegt. Bei Regisseur Ulrich Rasche ist sie eingetaucht in warmes Licht, vor dem sich in harten Schatten ein Chor als neue Gemeinschaft abzeichnet. Egalitär, friedlich, human. Eine soziale Utopie, fast mystisch anzusehen auf der ewig rotierenden Drehbühne. Verführerisch, weil sich in ihr die rhythmisch getriebene Apokalypse zum melodiösen Paradies wandelt.

"Ein Virus ist nicht einfach nur ein Virus"

In Kleists Novelle ist es das Erdbeben in Chili, das einem sozial geächteten Liebespaar Aussicht auf Liebe und Frieden gibt. Ein Moment von kurzer Dauer. Zu groß das menschliche Bedürfnis nach Erklärungen für Unheil. Zu stark der Einfluss jener, die genau solche Erklärungen liefern. Die von Schuld und Sühne zum Beispiel, eine universale Erzählung. Ob vorgebracht unter dem religiösen Deckmantel des Chorherrn bei Kleist, der die utopische Gemeinschaft in einen Mob verwandelt, dem das Liebespaar zum Opfer fällt.

Oder vorgebracht mit vermeintlich "aufgeklärten" Argumentationen, wie sie heute oft zu hören sind, im Zuge unseres aktuellen "Erdbebens" – nämlich Corona. Dazu Ulrich Rasche: "Ein Virus ist nicht einfach nur ein Virus, sondern ein Virus tritt auf, weil sich Menschen, Menschengruppen oder Nationen falsch verhalten haben. Und wenn wir vielleicht auch keine christliche Erzählung mehr gelten lassen, die Wertvorstellungen, die Struktur, die sind weiterhin 'virulent', die sind aktuell, die sitzen in uns drin. Wir befrachten sie nur mit neuen Inhalten. Und sich das klar zu machen, darüber Aufklärung sich zu verschaffen, ist wichtig."

© Sandra Then/Residenztheater

Szene aus: "Das Erdbeben in Chili" am Residenztheater München

Wut, Ausgrenzung, Suche nach Sündenbock

Am Anfang von Corona und im Lockdown, so Regisseur Ulrich Rasche, gab es auch diesen kurzen utopischen Kleist-Moment. Die Hoffnung auf Solidarität und Umdenken. Jetzt, ein halbes Jahr später, liegt die fatale Wende, mit der Kleist seinen Text enden lässt, näher: Wut, Ausgrenzung und die Suche nach dem Sündenbock. Umso wichtiger ist es für Rasche, die Novelle, die er schon vor fünf Jahren in Bern auf die Bühne brachte, wieder zu erzählen. Dabei aber im Verzicht auf monströse Maschinen und monumentale Überwältigung, sonst Markenzeichen des Regisseurs.

© Sandra Then/Residenztheater

Szene aus "Das Erdbeben in Chili" am Residenztheater München

Abgespeckt: Ulrich Rasches Maschinenpark

Mit neun Darstellern, dem Einsatz der Drehbühne, drei Projektionswänden, Licht, Nebel und Staubregen wirkt die Inszenierung fast schon bescheiden, daran gemessen, was Ulrich Rasche sonst an Maschinenpark auffährt: "Jetzt interessiert mich weniger der Maschinenraum, als die Arbeit mit dem Ensemble, mit den Spielern. Und wenn ich mich sozusagen von den spektakulären Effekten der Bühne etwas zurückziehe, dann bleibt einfach das übrig, was eigentlich der Kern dieses Geschehens ist. Dabei kommt eine Konzentration oder eine größere Auseinandersetzung mit der Musikalität von Sprache, mit der Sprache selbst, mit der schauspielerischen Arbeit zum Tragen." Natürlich sind auch diesmal die skandierenden Chöre unermüdlich in Bewegung, getragen von der minimalistischen Musik von Nico van Wersch. Immer wieder schälen sich aber auch Einzelstimmen heraus.

Der Bruch mit der Sprache Kleists ist im Mix aus Zeitungsartikeln und Politiker-Reden tiefgehend, die Vereinfachung von Problemen in diesen Texten mitunter frappant. Dem politischen Künstler Ulrich Rasche sind diese Brüche aber wichtig. Für ihn sind sie sowohl Spiegel als auch Warnung: "Ich finde die Notwendigkeit ist einfach gegeben, dass es bestimmte Reden politischer Persönlichkeiten gibt, die Brandstifter-Reden sind. Und ich will einfach sagen, wenn ihr auf diese Leute hört, oder auf diese Mechanismen reagiert, die subtil, noch subtil, aber meines Erachtens populistisch eingesetzt werden, dann ist das eine Gefahr, und diese Gefahr muss erkannt werden. Und da möchte ich mich klar zu äußern."

"Das Erdbeben in Chili", inszeniert von Ulrich Rasche hat heute Premiere im Residenztheater.

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