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Monika Maron ist eine Rebellin gegen Ideologien. Ihre Positionen sind unbequem und streitbar. Zuletzt führten sie zum Bruch mit ihrem Verlag. Nun wird sie 80 – und nicht leiser.

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"Das Entscheidende ist die Freiheit": Monika Maron wird 80

Monika Maron ist eine Rebellin gegen Ideologien. Ihre Positionen sind unbequem und streitbar. Zuletzt führten sie zum Bruch mit ihrem Verlag. Nun wird sie 80 – und nicht leiser.

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Von
  • Cornelia Zetzsche

"Ich war ein antifaschistisches Kind", sagte Monika Maron 1990 in ihrer Münchner "Rede über das eigene Land", erzogen mit dem Traum, nur im Kommunismus könne sich der Mensch frei und allseitig entfalten. Jahre später, als sie in ihrem ersten Roman "Flugasche", die Journalistin Josefa Nadler im Chemie-Dreieck der DDR Bitterfeld als "schmutzigste Stadt Europas" finden läßt, spätestens da war ihr Widerstand gegen alle Ideologien klar. "Alles, was ich bin, darf ich nicht sein", sagt Josefa. "Flugasche" erschien 1981 im Westen, als angeblich "erster Umweltroman der DDR". Monika Maron ging 1988 nach Hamburg.

Recht auf das Vergessen

Ideologien sind die Wurzel ihres Protests. Eine Ideologie hatte sie ihrer Selbstbestimmung beraubt und mit dem Stiefvater entzweit, der Chef der DDR-Volkspolizei und Innenminister unter Ulbricht war. Ideologen hatten den Großvater Pawel ermordet. Und die Mutter "vergaß" im zwangsverordneten Antifaschismus der DDR, dass ihr Vater Jude war, wie Tochter Monika später die eigene Stasi-Akte als IM "Mitsu" vergaß. Typisch für Monika Maron, wie sie in "Pawels Briefe" Ghetto und DDR assoziiert, mit dieser Asymmetrie der Begriffe provoziert und insistiert auf das Recht zu vergessen: "Ich verstehe diese moralische Verteufelung des Vergessens, dieses normalen menschlichen Vergessens überhaupt nicht. Dass eine Gesellschaft etwas nicht vergessen darf, ihre Geschichte, und dass auch der Einzelne, ich sag jetzt mal so ein Wort, bestimmte Lehren nicht vergessen sollte. Aber dass man sich nicht permanent das Unglück dieser Welt ins Bewusstsein ruft, das ist grausam, das den Menschen zu verbieten."

Metamorphosen der Familie

Mit "Pawels Briefe" schrieb Monika Maron keine Holocaust-Geschichte. Sie untersuchte die Metamorphosen ihrer Familie: Wie aus religiösen Großeltern eine sozialistische Mutter und eine antisozialistische Tochter werden konnte, die 1988, im Briefwechsel, Josef von Westphalens ironischem Zynismus verlorener Träume die Lebenswirklichkeit einer Ostberlinerin in Unfreiheit entgegensetzt. Und die ein Jahr danach nur Spott hat für Schriftsteller-Kollegen und Autorinnen, die nach dem Mauerfall zwischen DDR und BRD einen dritten Weg suchten: "Es ist ja entweder tragisch oder komisch, wenn nun allenthalben gefordert wird – also Stefan Heym oder Christa Wolf oder Heiner Müller – jetzt machen sie den richtigen Sozialismus in der DDR, und sie machen eine ökologische Gesellschaft. Da kann man eigentlich nur lachen. Denn sie haben nicht mal Geld für einen Filter in einem Schornstein, das muß auch noch der Westen bezahlen."

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Bildrechte: Bruni Meya akg-images picture alliance

Monika Maron 1996

Ein literarischer Ausbruchsversuch war schon "Die Überläuferin" 1986: Rosalind Polkowski erwacht eines Morgens an den Beinen gelähmt, funktionsuntüchtig für die Gesellschaft und damit frei für eigene Denkwege und Phantasien und ein Theater im Kopf zwischen Realität und Traum. Was bleibt, auch in den folgenden Romanen, ist die Suche nach Selbstbestimmung, nach Glück. "Ach Glück", heißt ein Titel, die Heldin ist wieder eine Frau, denn, so sagt Monika Maron: "Über Frauen weiß ich einfach mehr als über Männer. Also, das ist nicht nur über Frauen, das ist nur aus der Sicht einer Frau, aus der Erfahrung einer Frau."

Nicht Provokation, sondern Reaktion

Ihre Bücher lassen sich als Fortsetzungsromane lesen. "Flugasche" endet im Zimmer Josefa Nadlers, in dem Rosalind erwacht. Achim und Johanna aus "Ach Glück", ein ganz normales Paar, festgefahren in Ritualen der Ehe, gab's schon in "Endmoränen", dem Psychogramm eines Stillstands. Monika Maron ist eine Meisterin der Beziehungsskizzen, Komik und Peinlichkeit inklusive, wie in "Animal Triste", dieser Amour Fou mit einem Dinosaurier als Talisman. Mit diesen Büchern wurden ihre Auftritte zu Pilgerorten ihrer Leserinnen. Kluge, kleine Erzählungen und Romane sind das über große, existentielle Themen: Liebe und Glück, Freiheit und Selbstbestimmung, Glaube und Tod, immer lakonisch, mit Witz, scheinbar leicht. Und zunehmend politisch provokant. Wobei es Maron nicht um Provokation geht: "Ich will ja gar nicht provozieren, sondern ich fühle mich provoziert, über solche Dinge nachzudenken, die mich einfach beschäftigen, die mich auch ein bisschen verrückt machen, und dann reagiere ich."

Eigenes Risiko und Freiheit

"Solche Dinge", die sie im jüngsten Roman "Artur Lanz" benennt, sind Debatten um Gendersternchen, verlorene Männlichkeit, Klimakatastrophe und Islam. Debatten, die sie verleiten, eine Figur von einem "Grünen reich" als "Viertem Reich" reden zu lassen und Grüne Politik mit NS-Terror zu assoziieren, im Konjunktiv, aber doch - auch mit 80 – in der ihr eigenen rebellischen Lust an der provozierenden Asymmetrie der Vergleiche. Bücher, die zum Bruch mit S. Fischer führten, ihrem Verlag seit 40 Jahren. Monika Maron, die Autorin mit dem Pagenkopf, das "antifaschistische Kind", die rebellische Tochter, in Abwehr jeder Bevormundung. Und längst wieder zu Hause in Berlin. "Das Entscheidende ist eben doch die Freiheit", sagt Monika Maron, "Dass die Menschen entscheiden können, was sie tun, wen sie wählen, ob sie hier leben oder dort. Für mich, die ich ja sowieso auf eigenes Risiko lebe, mehr oder weniger, ist die Freiheit das ganz Entscheidende."