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So will David A. Sinclair das Alter als Krankheit bekämpfen | BR24

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Der erste Mensch, der 150 Jahre alt wird, ist wahrscheinlich schon geboren, meint Altersforscher David Sinclair

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    So will David A. Sinclair das Alter als Krankheit bekämpfen

    Altern ist eine Krankheit, die man aggressiv behandeln sollte – und gegen die es schon Mittel gibt. Davon ist der in Harvard lehrende Genetiker David Sinclair überzeugt. In seinem Buch "Das Ende des Alterns" prophezeit er eine Revolution der Medizin.

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    "Du kannst dein Leben nicht verlängern noch verbreitern, nur vertiefen", schrieb Gorch Fock, Schriftsteller aus Finkenwerder, nach dem auch das berühmte Schul-Segelschiff benannt ist. Stimmt nicht, lehrt die neuere Altersforschung. Gut 100 Jahre nach Focks Tod hat sie Mittel gefunden, um die Lebensspanne zu verlängern, die sich ohnehin im vergangenen Jahrhundert im Schnitt verdoppelt hat. Und zwar bei guter körperlicher und geistiger Fitness, die den Radius unseres Daseins erweitert. Damit rückt der alte Menschheitstraum näher, der Goethes Faust in die Hexenküche trieb und Cranach den Älteren seinen verführerischen Jungbrunnen malen ließ.

    "Forever Young" als Mission und Credo

    Zu den besonders optimistischen Altersforschern gehört David Sinclair, der seit 25 Jahren nach Ursachen für den Alterungsprozess sucht und nach Mitteln, die ihn aufhalten – oder gar rückgängig machen. Stammzellenforschung und Gentechnik machen es möglich, meint er. "Forever Young" ist für den in Harvard lehrenden Genetik-Professor deshalb keine leerer Slogan, sondern seit 25 Jahren ein hartes Forschungsprogramm. In den Firmen, in denen er mitwirkt, hat er auch schon das ein oder andere Mittel gegen die "Krankheit Altern" entwickelt – drei davon befinden sich gerade in der klinischen Testphase. Nebenbei bemerkt: Sinclair testet die Mittel auch an sich selbst, an seiner Ehefrau und an seinen drei Hunden.

    © picture-alliance / ZB

    Alt und gebrechlich werden sie angekarrt, jung entsteigen sie dem Schönheitsbad: Lucas Cranach der Ältere malt den "Jungbrunnen"

    Für immer jung

    Den Floh mit dem "Immer jung sein" hatte ihm seine Großmutter ins Ohr gesetzt – mit dem wunderbaren Gedicht "Jetzt sind wir sechs" aus "Pu der Bär" von Autor Alexander Milne. Immer wieder habe ihm seine sehr vitale, aus Ungarn nach Australien geflohene Großmutter dieses Gedicht vorgelesen, fast vorgebetet, erzählt Sinclair. Es endet mit den Worten "Doch nun bin ich sechs/und bin schlau – unbeschreiblich./ Und sechs find' ich prima./ Ich glaube, sechs bleib ich." Jetzt, als vernünftiger Genetiker in der Lebensmitte, plant Sinclair also das Anhalten, künftig sogar das Zurückdrehen des Alterungsprozesses: Dann, wenn in den Vierzigern gewöhnlich die Kraft zur Fortpflanzung schwindet und die ersten Auswirkungen der Alterung zu spüren sind.

    Altern als Informationsverlust

    Den Schlüssel zu dieser versprochenen Jungbrunnen-Therapie liefert Sinclair mit seiner Theorie des Alterns: "Alterung ist ganz einfach ein Informationsverlust". Auf diese eine Ursache reduziert und fokussiert der Genetiker die eigenen Forschungsergebnisse und die seiner Kolleg*innen und muss so auch nur eine Ursache bekämpfen: den Mangel an Information.

    Unbestritten in der Altersforschung ist, dass genetische und epigenetische Faktoren entscheidend für unseren Alterungsprozess sind. Also einmal welche Informationen in unserer DNA stecken, und darüber hinaus, wie und ob diese Informationen stimuliert und aktiviert werden. Entscheidend für die Regulierung der Lebensdauer sind zum Beispiel Sirtuine, eine Gruppe von Enzymen, die in verschiedenen Lebewesen vorkommen, von der Hefe bis zum Menschen.

    "Essen Sie weniger!"

    Sirtuine bilden sich zum Beispiel beim Fasten oder beim Sport. Sie sind sozusagen der Stoff, der für die positiven Auswirkungen der Kalorienrestriktion und der körperlichen Anstrengungen verantwortlich ist: Fittness und eine erhöhte Lebensdauer. Als "bombensicheren" Weg, länger gesund zu bleiben und die Lebensdauer zu erhöhen empfiehlt Sinclair: "Essen Sie weniger!" und erinnert daran, dass diese Weisheit schon zu Hippokrates Zeiten bekannt war. Ein Großteil seiner Arbeit besteht darin, Substanzen zu entwickeln, die die Sirtuine auch ohne Fasten oder große Anstrengungen in Gang setzen und damit die Zellabwehr stärken.

    Einige davon haben Sinclair und seine Kolleg*innen auch schon ausgemacht: darunter Metformin, ein Arzneimittel aus der Echten Geißraute, das partiell dieselben Vorgänge wie das Fasten in Gang setzt. Oder NMN, das zum Beispiel auch in der Avocado steckt und bei Mäusen eine klare Verjüngung bewirkt. Und es ist auch das Medikament, das Sinclair, seine Frau und seine Hunde regelmäßig als Nahrungszusatz einnehmen. Vielleicht ist es auch dafür verantwortlich, dass sich der 50-Jährige wie 30 fühlt und – nach Aussagen seiner Ärzte – auch das Herz und Blutbild eines 30-Jährigen hat. Oder Rapamycin, das bislang als Immunsuppressivum bei Organtransplantationen genutzt wird. Allerdings schädigt es auf Dauer die Niere, weshalb wohl noch Optimierungsbedarf besteht, bevor man es gegen die Alterung einsetzt.

    © Brigitte Lacombe

    David Sinclair. Der weltweit bekannte Harvard Professor und Genetiker fühlt sich mit seinen fünfzig Jahren wie dreißig.

    Ein längeres Leben – wollen wir das überhaupt?

    "Wenn wir in der Lage sind, alle diese genetischen Mechanismen zu steuern, werden sich die Medizin und auch unser Alltagsleben grundlegend wandeln," schreibt Sinclair. Aber: Wollen wir das überhaupt? Wollen wir in die innersten Mechanismen unseres Körpers steuernd eingreifen, nur um womöglich 10 bis 20 Jahre mehr zu haben? Was ist, wenn diese Eingriffe in unseren Gen-Haushalt Spätfolgen haben, wie können wir uns davor schützen? Eine gesellschaftliche Debatte ist nötig – und zwar bevor diese Anti-Aging-Substanzen den Markt erobern.

    Und: Sollen wir Sinclair und seinen Kollegen überhaupt glauben, wenn sie vollmundig verkünden: "Kein biologisches Gesetz besagt, dass wir altern müssen!"? Widerspricht das nicht allem, was wir bislang erfahren haben, an uns selbst und an unseren Mitmenschen? Sinclair lässt diese Bedenken übrigens gelten, betont aber im gleichen Atemzug, dass sich die Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch noch nicht vorstellen konnten, zu fliegen, bis die Gebrüder Wilbur und Orville Wright 1903 erstmals abhoben. Und Sinclair erinnert auch daran, dass bei Tumorerkrankungen noch bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nur die Symptome bekämpft wurden. Erst die molekularbiologische Forschung der vergangenen 40 Jahre gebe berechtigte Hoffnung, Krebs ganz zu besiegen. Die heutige Altersforschung sei auf dem Stand der Krebsforschung in den 1960er Jahren.

    Wie es sich anfühlt, alt zu werden

    Aber gehören der Tod, das Ende und in gewisser Weise auch das Leiden nicht zum Leben dazu? Ist nicht die Begrenztheit eine Bedingung für ein erfülltes Leben – nach dem Motto "Carpe diem!"? Und: Ohne gleich Martin Heideggers "eigentliches Dasein" als "Vorlaufen zum Tod" zu bemühen: Verbinden wir nicht auch viele positive Seiten mit dem Alter, wie legitimer Rückzug, Gelassenheit, Weisheit, Zufriedenheit?

    Doch darauf geht Sinclair nicht weiter ein. Stattdessen zeigt er seinen Student*innen und Zuhörern wie es sich anfühlt, alt zu werden, zum Beispiel mit einem "Altersanzug": "Wenn ich Vorträge über meine Forschungsarbeiten halte, bringe ich manchmal einen 'Altersanzug' mit und bitte einen jungen Freiwilligen, ihn anzuziehen. Darin verringert ein Halsband die Beweglichkeit im Hals, bleigefütterte Jacken und Verbände am ganzen Körper simulieren Muskelschwäche, Ohrstöpsel verringern das Hörvermögen, und eine Skibrille simuliert den grauen Star". Nach ein paar Minuten sei jeder froh, den Anzug wieder auszuziehen. Zehn Jahre dauere in der Regel das von den oben skizzierten Alterungsprozessen gebeutelte Leben. Wer wollte all diese Handicaps nach Möglichkeit nicht verhindern?

    Jungbrunnen ohne Kostenexplosion

    Aber: Wer soll das bezahlen? Sinclair geht davon aus, dass eine Verlängerung unserer durchschnittlichen Lebensspanne um 20 und mehr Jahre dem Gesundheitswesen nicht mehr Kosten beschert, vorausgesetzt, die Älteren bleiben bei guter Gesundheit. Der Altersforscher rechnet sogar mit dem Gegenteil und beruft sich dabei auf Studien aus Harvard und von Ökonomen aus der ganzen Welt. Sinclair macht plausibel, dass die Kosten für die Behandlung der gängigen Alterskrankheiten wie Diabetes, Herzerkrankungen, Alzheimer, Osteoporose und Krebs insgesamt weit höher sind als die Ausgaben für Mittel, die den Alterungsprozess insgesamt anhalten und dadurch vor den genannten Krankheiten schützen.

    Im Jahr 2100, so glaubt er, werden Menschen im Schnitt 120 Jahre alt werden. Todesfälle würden zwar nicht so bald eine Seltenheit, aber es werde "nicht mehr lange dauern, bis wir sie immer weiter in die Zukunft verschieben können". Eine Obergrenze gibt es nach Sinclairs Überzeugung nicht.

    Langlebigkeit führt nicht notwendig zur Überbevölkerung

    Wenn dieser Glaube schon schwer nachzuvollziehen ist und eher an Science-Fiction-Szenarien erinnert, dann erst Recht Sinclairs These, dass die Lebens-Verlängerung im großen Stil nicht zur Bevölkerungsexplosion führen werde. Sein Argument ist der globale Rückgang der Familiengröße, wobei Sinclair betont, dass die Bevölkerung zwar zunehmen, aber nicht exponentiell wachsen werde. Eine wirkliche Begründung für diese These bleibt der US-amerikanische Wissenschaftler aber schuldig. Und das ist allerdings symptomatisch für das Schreiben und Arbeiten des gebürtigen Australiers – sein Metier sind Lebensprozesse: Sinclair blendet systematisch aus, was er nicht haben will, was aber zum Leben gehört wie die harte Realität von Geburt und Tod. Da Sinclair schon seit seiner Kindheit das langsame Sterben und 10-jährige Hinsiechen entsetzlich findet, strebt er nach einem raschen schmerzlosen Tod. Der stelle sich bei Langlebigkeit zumindest bei Nagetieren "meist um so schneller" ein, "je länger wir sie leben lassen". Für die Humanmedizin rät er grundsätzlich zur Legalisierung der Sterbehilfe und zum medizinisch begleiteten Suizid.

    Alles ist machbar, Wissenschaft und Technik werden auch die Probleme der Überbevölkerung auf unserem jetzt schon gefährdeten Planeten lösen. Bedenkenträgern hält der Altersforscher gerne entgegen, dass "Pessimismus häufig ein Anzeichen für außerordentliche Privilegien" sei.

    Aber ein bisschen Pessimismus darf schon sein, wenn jemand so vollmundig verspricht, den Menschheitstraum der Unsterblichkeit wahr zu machen!

    David A.Sinclair: "Das Ende des Alterns. Die revolutionäre Medizin von morgen" ist am 1. Oktober in der Übersetzung von Sebastian Vogel bei DuMont erschienen.

    © Dumont Verlag/ Montage BR

    Cover: Das Ende des Alterns von David A.Sinclair

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