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"Das Ding ausm Sumpf" macht bayerischen Hip-Hop mit Anspruch | BR24

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Ein Volkswirt und Opernsänger aus dem Bayerischen Wald fängt plötzlich an, auf der Bühne zu rappen! Und zwar heute Abend in München. Er nennt sich "das Ding ausm Sumpf" und wer dem Ding zum ersten Mal begegnet, wird schnell feststellen: Das hat was!

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"Das Ding ausm Sumpf" macht bayerischen Hip-Hop mit Anspruch

Stefan Mühlbauer aus Niederbayern, alias Das Ding ausm Sumpf, hat nicht nur einen Doktortitel in Volkswirtschaftslehre, sondern auch eine klassische Gesangsausbildung. Doch statt Arien zu singen, rappt er: über blinde Flecken und irrationale Gefühle.

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Von
  • Rachel Roudyani

Das Ding ausm Sumpf ist wütend. Wütend und unzufrieden. Und seine Unzufriedenheit muss eben raus. Laut und aufdringlich - inhaltlich und auch im Sound: "Es ist gar nicht so sehr die Unzufriedenheit jetzt systemisch, also mich nerven vor allem ´wir`. Also jetzt irgendwie alles auf Politiker zu schieben ist einfach unzulänglich. Ja, alles auf die anderen zu schieben ist einfach unzulänglich. Und das nervt mich schon irrsinnig, dass wir uns in Grabenkämpfen verlieren und immer auf den anderen zeigen. Und immer wissen wir es besser."

Markenzeichen: Rote Mütze, runde Brille

Dieses Ding, also Stefan Mühlbauer, schaut gar nicht nach Sumpf aus. Rote Mütze, runde Brille und gezwirbelten Schnauzer. Das hat er zu seinem Markenzeichen gemacht. Schubladen findet er schwierig. Schubladen sind bei ihm auch wirklich schwierig. Rapper, Opernsänger, einen Doktor in Volkswirtschaft, erzählt er: "Es sind halt ganz viele andere Dinge passiert und es war aber immer, dass Musik, das Schreiben ein zentraler Teil in meinem Leben war. Nur was alle anderen Wege, die ich dann gegangen bin, gemeinsam haben, ist die Neugier. Wissenschaftler zu sein, ist eigentlich nichts anderes als Rapper zu sein, nur dass man halt nicht so rhythmisch redet und manchmal so redet, dass einen keiner versteht, wobei auch das im Rap normal ist, aber man stellt sich halt Fragen."

Der rappende Doktor

Geboren in den Tiefen des Bayerischen Waldes, zur Schule gegangen in einem niederbayerischen Klosterinternat. Im Herzen trägt das Ding schon immer den Wunsch Rapper zu werden, aber Ahnung von Musik hat er nicht. Weil Gesangsunterricht zu teuer ist, kommt Stefan auf die Idee sich in Plattling (Lkr. Deggendorf) an der Berufsfachschule für Musik zu bewerben. Und muss plötzlich singen statt rappen. Und dann auch noch Oper: "Und dann irgendwie nach ein paar Wochen anzufangen Mozart zu singen, so den Sarastro, so "OHHHH" so total absurd, aber auch total geil und auch total machbar."

Die klassische Musik, in die er da gestolpert ist, fasziniert ihn. Nach der Ausbildung studiert er Operngesang in Augsburg, aber eine chronische Bronchitis stellt den Traum vom Bühnenleben in Frage. Also neuer Weg: Er beginnt parallel Volkswirtschafslehre zu studieren, arbeitet als Dozent und schreibt seine Doktorarbeit: „Und dann hab ich fernab jeglicher Musik und Kunst mein Leben versucht, um möglichst weit wegzukommen. Um diesen Schmerz auch zu verstehen und mit dem Leben zu können. Und weil es dann aber so viele Dinge gibt, die einem passieren, die dann wieder in Papierform oder in Wortform, in Songs wollen, ging's dann wieder recht schnell zurück in die Musik.“

Der Sound wird fetter und dichter

Keine Oper mehr, dafür endlich Hip-Hop. Live zeigt sich, was für ein Musiker das Ding ausm Sumpf ist. Nur er und Gitarrist Amadeus Böhm stehen da auf der Bühne. Beats macht er selber, drückt auf einem Gebilde, das aus viel Technik und der Motorhaube eines Traktors besteht, auf Laptop und Loopstations rum, schlägt selbst den Beat auf einem Mini-Schlagzeug.

Der Sound ist fetter, dichter als auf seinem ersten Album „Raumzeit“. Die Texte auf „kränk“ sind globaler – eben irrationaler, wie er sagt: Wie ist es alt zu werden? Wo sind die blinden Flecken in unserem Weltbild? Und da kann man mit dem Ding ausm Sumpf dann schon mal ins Philosophieren geraten: „Wie falsch ist es, die Welt einfach zu sehen? Wie richtig ist es, die Welt komplex zu sehen und ist komplex Sehen nicht auch manchmal ein Hindernis, weil man einfach gar nicht ins Tun kommt, weil man abwägt und alles immer komplizierter wird, und man sich verheddert? Und ist Einfach nicht auch manchmal zu einfach? Und manchmal aber vielleicht doch genau das, was es braucht, damit ne Idee lebendig wird?“

Das Ding ausm Sumpf ist bayerischer Hip-Hop mit Anspruch, der aber in den seltensten Fällen bairisch klingt und bei dem Anspruch auf keinen Fall den Spaß verliert.

Das Album „kränk“ von Das Ding ausm Sumpf erscheint am 6. März.

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Stefan Mühlbauer aus Niederbayern, alias Das Ding ausm Sumpf, hat nicht nur einen Doktortitel in Volkswirtschaftslehre, sondern auch eine klassische Gesangsausbildung. Doch statt Arien zu singen, rappt er: über blinde Flecken und irrationale Gefühle.