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"Das Virus wird in meinen Bildern unsichtbar überleben" | BR24

© Audio: BR/ Bild dpa/picture-alliance

Coroana-Tagebuch des aus Bayern stammenden Malers Bernd Zimmer.

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"Das Virus wird in meinen Bildern unsichtbar überleben"

Wird die kommende Wirtschaftskrise mehr Existenzen in den Abgrund reißen als das Virus? Das befürchtet Bernd Zimmer. Der aus Bayern stammende Maler schreibt mit seinen Gedanken und Beobachtungen das Corona-Tagebuch fort.

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Der 1948 in Planegg bei München geborene Maler Bernd Zimmer gehörte in den 80er-Jahren zu den "Jungen Wilden". Mit Salomé, Rainer Fetting und Helmut Middendorf stellte er seine heftige Malerei in der Galerie am Moritzplatz in Berlin aus. Seine Werke fanden auch schon den Weg ins Kanzleramt Angela Merkels. Heute arbeitet er in seinem Atelier im bayerischen Voralpenland an großen, farbenfreudigen Gemälden, die meist Natureindrücke wiedergeben. In seinen aktuellen Gemälden nistet sich das Virus ein, wie er im Corona-Tagebuch schreibt.

Wie jeden Morgen überquere ich auf meiner Fahrt in mein Atelier in Oberhausen eine Anhöhe, eine erste Auffaltung in Richtung der Alpen, die den Blick frei in Richtung der Voralpen freigibt. Die ersten schönen Frühlingstage beleuchten die Hänge des Schafreiter und die Benediktenwand, hinter der die Sonne aufgeht. Die Vögel sind hochaktiv, selbst durchs offene Autofenster hört man Ihre Balzgesänge. Der Himmel ist klar wie seit Jahren nicht mehr, keine Kondensstreifen trüben das reine Blau, die Sonne bricht sich an keinen künstlichen Wolken.

Das laufende Radio berichtet vom Virus und seinen tödlichen Auswirkungen. Die Abstufungen der Ausgehverbote und anderer Restriktionen in den unterschiedlichen Ländern werden diskutiert. Politiker übertrumpfen sich in Einschränkungen und Regulierungen, die viele unserer so mühsam erworbenen und erkämpften Grundrechte über den Haufen werfen. Es wird von kriegsähnlichen Zuständen, ja von Krieg selber, gesprochen. Auch die machtvollen Vokabeln der Politiker bekommen einen neuen, teilweise furchteinflössenden Klang. Wortlaute, die eher der Nomenklatur des Faschismus zugerechnet wurden, werden ohne Scham und Rücksichtnahme eingesetzt und ausgesprochen. Aber auch positive Begriffe wie Solidarität und Zusammengehörigkeitsgefühl werden bemüht. Und hier, einer übergreifenden Gemeinsamkeit, müssen wir ansetzen um unsere Zukunft, unsere Zeit nach dem weltumspannenden Experiment neu zu gestalten. Obgleich es nicht uninteressant ist, dem interessantesten, größten Experiment der Menschheitsgeschichte auf globaler Ebene beizuwohnen, mache ich mir sehr große Sorgen über die damit ausgelöste, unweigerlich kommende Weltwirtschaftskrise, die mehr Existenzen in den Abgrund reißen wird, als das Virus selbst. Mal sehen wo die Reise hingeht.

In meinem Atelier angekommen schweift der erste Blick zu meiner Arbeit, meinen Bildern. Teilweise fertige oder begonnene Bilder, grundierte Leinwände, Papier auf den Boden, Farben überall. Mein Arbeitsraum. Aber er hat sich in den letzten Tagen und Wochen verändert. Das Virus lässt mich nicht mehr so weitermalen und arbeiten wie bisher. Mein Thema, mein Anlass zum Malen ist seit Jahren die Natur, das heißt, unsere Natur als Mensch eingeschlossen in der äußeren Natur, die wir so gerne als Idyll sehen oder als touristische Attraktion missverstehen und missbrauchen. Es gibt aber noch Plätze auf der Welt, die Natur bildlich erfahrbar machen. Es sprudelt die Quelle, es existiert der Bach, das Gebüsch, die Frühlingsblumen im Verborgenen, der Löwenzahn, die Weide und die darunter sprießende Brennnessel, der grüne Hügel und die schroffen Berge. Wir als Menschen haben noch nicht alles erobert und zerstört. Aber sehr viel. Immer näher rücken unsere Siedlungen an die Natur. Pflanzen und Tiere werden verdrängt, andere Tiere ziehen in die Städte und bringen unbekanntes Ungeziefer, Bakterien und im schlimmsten Fall Viren in die Ansammlungen und Wohngebiete. Dort suchen sich die - nur mit elektronischen Mikroskopen sichtbaren - fremden Wesen und Viren eine Heimat, einen Wirt, in dem sie sich vermehren können. Das ist jetzt mit uns geschehen: Wir Menschen werden als Wirt von einem nahezu unsichtbaren Etwas in einen Zustand von Angst und Schrecken versetzt. Das Virus hält uns hochintelligente Wesen in Schach und kann uns ohne große Probleme besiegen. Schrecklich, angsteinflößend und gleichzeitig versöhnlich ist diese Gewissheit. Wir Menschen sind erfinderisch, digital in nahezu Lichtgeschwindigkeit unterwegs, wir sind bereit demokratisch oder diktatorisch zu handeln, wir leben Empathie und Größenwahn und sind doch abhängig von unserem Körper und unserer Gesundheit, die gerade in großer Gefahr ist.

Und das alles soll auf meinen Bilder Platz finden, in welcher Form auch immer. Das Virus soll und darf nicht fehlen. Aber welche Farbe soll ich ihm als Maler widmen? Das Gelb, das so oft dem Neid, der Habgier und den Hamsterkäufen zugeordnet wird? Gelb ist meine Lieblingsfarbe. Ich setzte sie ein als Farbe des Lichts, des Himmels, der tiefen religiösen Ideen und der Andersdenkenden. Vielleicht mit der Farbe Blau? Nein sie ist zu sauber, zu tief. Rot? Das wäre das Bild, das uns aus allen Medien anspringt, ein Etwas mit roten coronaren Auswüchsen. Nein das Virus bekommt weder eine Farbe zugeordnet noch eine Form. Und trotzdem wird Corona in meinen Bildern in all seiner Abstraktion und seinen unheimlichen Fähigkeiten einen Platz finden. Das Virus hat sich in unseren Köpfen festgesetzt und zeigt die Kraft und Macht der äußeren Natur, die wir so lange gering- oder unterschätzt haben. Das Virus wird in meinen Bilder unsichtbar, wie es selber uns erscheint, überleben.

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