BR24 Logo
BR24 Logo
BR24

Das Bücherjahr 2020 – ein zweischneidiger Rückblick | BR24

© Audio: BR / Bild: BR/Lisa Hinder

Im Corona Jahr wurde mehr gelesen, die Verkäufe waren gut, den Autorinnen und Autoren aber fehlen die Einnahmen durch Lesungen

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Das Bücherjahr 2020 – ein zweischneidiger Rückblick

Geschlossene Läden, abgesagte Messen und Lesungen: Corona betraf auch den Buchmarkt. Doch gerade in der Krise entdeckten viele Menschen das Lesen wieder für sich, die Verkäufe waren gut. Nur: Was ist mit den Schreibenden?

Per Mail sharen
Von
  • Cornelia Zetzsche

Es war das Jahr der Alarm-Botschaften: "Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrte bayerische Politikerinnen und Politiker, diesen offenen Brief senden wir als lauten Hilferuf an die bayerische Landespolitik. Die Lage der AutorInnen ist prekär. Wir AutorInnen wurden mit Beginn der Hilfsprogramme völlig allein gelassen." So etwa begannen Stefanie Gregg und Angela Eßer, zwei Schriftstellerinnen im Namen vieler Kollegen und Kolleginnen, ihren SOS-Brief. Lesungen, die Haupteinnahmequelle zwischen den Honoraren für Bücher, entfielen. Verlage reduzierten ihre Programme um 30%, kürzten Vorschüsse auf bis zu 50%.

Der Tod kommt leise...

Autoren und Autorinnen sterben einen leisen Tod, sagt Stefanie Gregg: "Ich selbst kenne zwei Kollegen, die nicht mehr wissen, wie sie die Miete zahlen sollen, und dem einen habe ich auch erst mal für den nächsten Monat weitergeholfen. Und dann haben wir eigentlich gesagt, dass kann doch nicht angehen. Söder hat sich hingestellt und 370 Millionen versprochen und nun stehen Menschen aus Kunst und Kultur auf der Straße."

Bisherige Hilfen griffen nicht. 3000 Euro für Soloselbständige setzten Betriebskosten voraus. Aber welcher Autor hat schon ein Büro und Angestellte? Selbst wenn: 3000 Euro für sechs Monate sind 744 pro Monat! Und wem nützen Steuersenkungen ohne Einkommen? Oder die "November-Hilfe", die sich am November-Verdienst 2019 orientiert, wenn eine Autorin ihr Honorar vielleicht im Juni bekam und nichts im November? Das heißt dann: sich arbeitslos melden, Armut bekennen, Grundsicherung beantragen, die jeden Zuverdienst, also ein finanzielles Polster, ausschließt, sagt Lena Falkenhagen vom Verband deutscher Schriftsteller und Schriftstellerinnen. "Ich hätte mir gewünscht, dass wir von Anfang an eigentlich eine Art Kurzarbeitergeld für Solo-Selbstständige, bekommen hätten, also so etwas wie in Baden-Württemberg z.B. wo wir einen Fixbetrag von 1248 Euro monatlich erhalten. Und das eben auch als Unternehmerlohn angerechnet werden und nicht nur für Betriebsausgaben benutzt werden kann."

Die bisherigen Hilfen nützen kaum

Bisher sind die Hilfen vom Freistaat punktuell. Es gab viele Preise für "Bayerns Beste Independent Bücher" etwa und je 5000 Euro an zehn Verlage für neue Bücher. Spielstätten, auch das Literaturhaus München, fanden Unterstützung. Gelder, die indirekt auch Autoren zugute kommen. Die persönliche, existentielle, unverschuldete Not löst das nicht. Und wo sind die 370 Millionen, die Ministerpräsident Söder im Oktober versprochen hatte? "Wir werden zum neuen Jahr ein Stipendienproramm auflegen, 5000 Stück Stipendien auf 5000 Euro. Und jetzt sind wir gerade auf der Zielgeraden für unser Solo-Selbständigenprogramm, das ist dieser fiktive Unternehmerlohn, weil es eben darum geht wo konkrete Ausfälle sind." – antwortete Bernd Sibler, Wissenschafts- und Kunstminister im Kulturstaat Bayern, auf diese Frage. Doch noch fehlt bei diesem fiktiven Unternehmerlohn die Einigung mit dem Bund – fast ein Jahr nach Corona-Beginn!

Das Bundesministerium unterstützt mit dem "Neustart Kultur" Verlage und Veranstalter, auch Literaturhäuser, die sich wegen fehlender Eintrittsgelder in prekärer Lage sehen. Geld für digitale Ausrüstungen und für Lesungen – digital, hybrid oder Open Air, ein Anfang immerhin. Größte Probleme haben Buchhandelsketten wie Thalia und Hugendubel, denn die Kundschaft der Innenstädte bleibt aus. Kleine, beratende Buchhändler in den Stadtvierteln dagegen profitieren. Rosemarie Reif-Ruppert von der Gostenhofer Buchhandlung in Nürnberg beobachtete mehr Kunden und mehr LeserInnen. Mit Fahrradkurieren und Online-Bestellungen hat sie den ersten Lockdown überstanden und Umsatzverluste über die Monate wieder ausgeglichen, auch mit Extra-Angeboten, um Kunden stöbern zu lassen und nicht nur Bestseller übers Telefon zu verkaufen: "Was wir sonst immer kennen, dass sich Kunden sehr lange aufhalten, viel angucken und stöbern, das war gebremst. Wir haben dann angeboten, nach unserer normalen Geschäftszeit auf Anmeldung noch eine Stunde zu öffnen, dass Kunden sich hier umschauen können. Nur für Mitglieder eines Haushalts. Da haben sich dann wirklich viele für die ganze Familie mit Weihnachtsgeschenken eingedeckt ."

Buchhandlungen sind geistige Tankstellen

Mit dem zweiten Lockdown ist das nun auch vorbei. Nun hofft der Börsenverein noch auf den "kontaktlosen" Verkauf, also wieder auf Kuriere und Abholstationen wie in Gostenhof und an vielen anderen Orten. "Buchhandlungen sind geistige Tankstellen", erklärt Karin Schmidt-Friderichs vom Börsenverein. Der erste Lockdown und das gesamte Jahr 2020 hätten gezeigt, wie wichtig den Menschen gerade in solchen Krisenzeiten Bücher sind. "Und damit Buchhandlungen eben auch. Das wird durch die dunkle Jahreszeit nicht entspannter, sondern nochmal wichtiger!"

Bayerns Landesherr mag Lesen nur als Freizeitvergnügen sehen, aber ein Buch ist ein geistiges Lebensmittel für uns alle. Bücher machen und sind resilient. 21% der Leser griffen in diesem Jahr häufiger zum Buch, eine Million hat die Internet- und Telefonbestellung entdeckt. Der November war wie Weihnachten, mit einem Umsatzplus bei Kinder- und Jugendbüchern, Wissenschaft und Belletristik, sogar 16 % bei Hardcovern!

Den Verlagen fehlten zwar die Messen und Festivals als Schaufenster ihrer Bücher. Aber sie sind nochmal davongekommen. Manche sogar besser denn je. Starfruit in Cadolzburg mit dem Kochbuch "Pasta Mia", Maro in Augsburg wegen des Verlagsjubiläums und einer Biographie zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski. Bleibt die Notlage der Schreiber: Autoren und Autorinnen sterben einen leisen Tod.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang.