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Darum wurde Chemnitz Europäische Kulturhauptstadt 2025 | BR24

© Jan Woitas/BR Bild

Karl-Marx-Büste in Chemnitz

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    Darum wurde Chemnitz Europäische Kulturhauptstadt 2025

    Gerade die vielen Negativ-Schlagzeilen der letzten Jahre haben Chemnitz in diesem Fall geholfen: Die politisch und kulturell vielfach versehrte Stadt will mit dem Titel der Kulturhauptstadt ihre Zukunft deutlich aufhellen – das überzeugte die Jury.

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    Chemnitz? Da denken die meisten an die Ausschreitungen vor zwei Jahren, Ende August 2018, nach einem Messer-Attentat auf dem Stadtfest. Weil es zunächst nur gerüchteweise hieß, ein oder mehrere Asylbewerber hätten den Anschlag verübt, zogen damals Menschenmassen durch die Straßen, darunter viele offenkundig fremdenfeindliche und rechtsextreme Personen. Der nach eigenen Angaben gebürtige Syrer Alaa S. wurde schließlich als Haupttäter ermittelt und am 22. August 2019 vom Landgericht Chemnitz wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von neuneinhalb Jahren verurteilt. Plötzlich stand Chemnitz als Metropole von "Neonazis" da, wo die Stadt doch zu DDR-Zeiten noch Karl-Marx-Stadt hieß und allenfalls mit dem monumentalen, 1971 eingeweihten Bronze-Kopf des Denkers ab und zu für Aufsehen sorgte.

    In Chemnitz wurde das Geld verdient

    Klar, Chemnitz liegt abseits, zwischen Leipzig und Dresden, und es ist aus bayerischer Sicht fürchterlich "leer": Parkplätze sind kein Problem, die mehrspurigen Straßen in der Innenstadt sind vergleichsweise wenig frequentiert. Tristesse liegt über der Stadt, die einst eine wichtige Industrie-Metropole war (Textil, Auto, Maschinenbau). In Chemnitz wurde das Geld verdient, das in Dresden ausgegeben wurde, heißt es mitunter bitter von den Einheimischen. Aber hier lässt sich eben gerade deshalb der Anspruch einer Europäischen Kulturhauptstadt besonders gut einlösen. "Man bekommt den Titel nicht für das, was man ist, sondern für das, wo man hin will", sagte der Leiter des Nürnberger Bewerbungsbüros, Hans-Joachim Wagner, im Vorfeld. Die Entscheidung der internationalen Jury hat ihm Recht gegeben, allerdings wohl anders, als er das erwartet hatte.

    In Fachkreisen lag Chemnitz seit langem deutlich vorn: Konkurrent Magdeburg hatte sich mit seinem Konzept blamiert ("Raus aus der Leere"), Hannover stieg in der Schlussphase de facto aus, weil es demonstrativ am Sinn des Wettbewerbs zweifelte, Hildesheim warb mit Zuckerrüben und einem 1000-jährigen Rosenstock betont "provinziell" und Nürnberg hatte den entscheidenden Nachteil, erstens im Westen Deutschlands zu liegen und zweitens bereits eine renommierte Kulturstadt zu sein. Nach dem Ruhrgebiet 2010 war eine ostdeutsche Stadt einfach "dran".

    © Jan Woitas/BR Bild

    Rauchender Schlot: Chemnitz zeigt Farbe

    Die Chemnitzer wissen, dass die Stadt auf Europas Landkarte (noch) nicht vorkommt und wollen in den nächsten fünf Jahren alles tun, damit sich das ändert. Wie sehr oft kleine Eingriffe in den Stadtraum große Wirkung entfalten können, zeigte sich bei der Sanierung einer Fußgänger-Unterführung. Der als düstere "Bazillenröhre" verrufene Weg wurde für das Kunstprojekt mit dem Titel "Gegenwarten" von der niederländischen Künstlerin Patricia Kaersenhout lichttechnisch aufgerüstet, so dass er jetzt in lila erstrahlt und plötzlich ein beliebtes "Wahrzeichen" wurde. Es sind solche nachhaltigen Aufwertungen, die die zwölfköpfige Jury liebt, die über die Europäische Kulturhauptstadt 2025 zu entscheiden hatte. Darunter waren übrigens nur zwei Deutsche, Barbara Mundel, die Intendantin der Münchner Kammerspiele, und der Historiker und Autor Ulrich Raulff, langjähriger Chef des Deutschen Literaturarchivs in Marbach.

    Skulpturen-Parcours bis ins Erzgebirge

    Chemnitz will auch die ganze Region einbinden, so ist für 2025 ein Skulpturen-Park in Arbeit, der auch Orte wie Annaberg-Buchholz und Freiberg umfassen soll. Bei der Präsentation scheute Chemnitz keinen Aufwand: Fünfzig Akteure waren mit sechs Kamerateams und zwei Kränen beim virtuellen Stadtrundgang dabei. Der führte eben nicht nur zu den einigermaßen bekannten Orten wie der Marx-Statue, sondern gerade auch zu den "Brennpunkten", zu Garagen und Werkstätten, die vielleicht künftig Orte für Kunst und Kultur sein könnten.

    © Hendrik Schmidt/BR Bild

    Herbstliche Perspektive in Chemnitz

    Wer jemals in Chemnitz war, der weiß: Die Stadt hat tatsächlich das Potential, eine ungemein spannende Bühne für europäische Kulturevents abzugeben. Vom Platz vor dem Opernhaus aus, den Passanten noch meist für sich allein haben, fällt der Blick links auf die Kunstsammmlungen, rechts auf ein Art déco-Hotel aus den dreißiger Jahren. Vorn lädt die Oper mit ihrer überraschend imposanten Fassade ein, hinten steht ein Hotel der DDR-Moderne. Eine Stadtlandschaft, die der Krieg mit seinen Zerstörungen möglich machte, natürlich, aber auch eine Topographie, wo deutsche Geschichte auf den ersten Blick optisch greifbar wird.

    Chemnitz hat Bevölkerungs-Rückgang gestoppt

    "Chemnitz steht auch dafür, wie wichtig es ist, die Gefahr von Spaltungen zu überwinden und aktiv für unsere europäischen Werte und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzutreten", sagte der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer mit klarem Verweis auf die Belastungen der jüngsten Vergangenheit. Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig verwies darauf, dass die Stadt endlich zeigen wolle, dass sie für so viel mehr stehe als für die Bilder von Nazi-Aufmärschen. Chemnitz sei eine Stadt voller "zivilgesellschaftlichem Engagement", eine kreative und vielfältige Stadtgesellschaft im internationalen Austausch. Chemnitz hat derzeit 243 000 Einwohner, 1982 waren es fast 80 000 mehr. Die Stadt schrumpfte also deutlich, wenngleich in den letzten Jahren wieder Menschen zuziehen, darunter viele, die die vergleichsweise geringen Mieten zu schätzen wissen, nicht zuletzt Kreative.

    "Ich bin sehr traurig", sagte der Nürnberger Oberbürgermeister Marcus König zur Entscheidung: "Es ist für uns natürlich auch schon bitter." Allerdings kann sich Nürnberg damit trösten, seit Jahrhunderten die Kulturstadt zu sein, die Chemnitz erst noch werden will – vor allem, was die internationale Aufmerksamkeit angeht. So berühmte Autoren, Maler und Architekten wie Frei Otto, Karl Schmidt-Rottluff, Peter Härtling und Stefan Heym sind gebürtige Chemnitzer – aber mit der touristischen Magnetwirkung von Albrecht Dürer können sie es nicht aufnehmen.

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