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Darum prägt Ludwig Ganghofer unser Bayern-Bild noch heute | BR24

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Zum 100. Todestag: Der Schriftsteller Ludwig Ganghofer – Erfinder des Alpenkitschs

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Darum prägt Ludwig Ganghofer unser Bayern-Bild noch heute

Er war der Erfinder des Alpenkitschs: Ludwig Ganghofer, König der Heimatliteratur. Seine Werke überschwemmten seinerzeit den Buchmarkt und begeisterten ein Millionenpublikum. Heute vor 100 Jahren verstarb der Erfolgsautor am Tegernsee.

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Nein, Ganghofer war kein Altbayer wie viele meinen, sondern ein waschechter Oberschwabe. Geboren am 7. Juli 1855 in Kaufbeuren, aufgewachsen in Welden nördlich von Augsburg. Erst mit 20 Jahren erblickte der Förstersohn mit dem wilden Lockenkopf, Geheimratsbart und Zwicker zum ersten Mal die Alpen – am Königssee, wo sonst (!) –, und war so ergriffen, dass er sie zum Fundament seines Lebens machte.

Der Erfolg: 40 Millionen verkaufte Hochland-Romane – "Büchl" wie er seinen Förster Kluibenschädel in "Das Schweigen des Waldes" sagen lässt. "Wenn ich a Büchl lies, möchte ich mei Freud dran haben", lässt Ganghofer ihn räsonieren: "Sonst pfeif ich auf die ganze Dichterei!"

Idylle total

Und so waren sie auch, die gut 100 Bücher: "Büchl im Feiertagsgwandl". Von Armut, Elend, sittlichem Verfall, Korruption ist nicht die Rede. Die beginnende Industrialisierung, die Verelendung der Arbeiter, wie bei Lena Christ oder Josef Ruederer, spielen keine Rolle.

Die Ganghofer-Bücher standen wie üppige Kommoden des Gelsenkirchner Barock protzig im Herrenzimmer: Hochlandromane mit glitzernden Almen und saphierenen Seen; Jäger und Förster, saubere Sennerinnen und sittsame Mägde, verwaiste "Zigeunermädln" und edle Gutsherren – das ist sein Personal. Und über allem thront die hehre, reine Natur: "Nebel kräuselt und flattert", Rauchwölklein schwingen sich über geduckte Hütten empor, Seen liegen wie Gottestränen in der Ödnis eines Felsenkares, scheue Rehe tauchen auf im goldenen Glanz der Morgensonne, stolze Hirsche im Abendschatten des Waldes, geheimnisvoll "überschleiert".

Moral muss sein

Und wie von einem obsessiven Jäger nicht anders zu erwarten, wird das Waidmannswerk auch in höchster Vollendung dargestellt. "Liebe kleine Weiberchen" tun nichts lieber als sich um Kinder und Küche zu kümmern, und unbändige Männer, die vor dem Raufen zuerst drei volle Bierfässer aus dem Fenster schmeißen, stemmen Wirtshaustische, kippen nebenbei einen Schnaps und zwinkern ihrem Gspusi zu. Neid, Hass, Gewinnsucht ziehen ein ins Ganghofersche Gebirgs-Idyll, bis die Natur ein Einsehen hat und eingreift: durch Erdrutsch, Blitz, Donner oder sonstige Katastrophen dem Menschenfrevel Einhalt gebietet.

© picture-alliance / akg-images

Stolze Männer, fesche Bärte: Ausschnitt aus "Der Jäger von Fall". Der deutsche Heimatfilm stürzte sich auf die Werke von Ludwig Ganghofer.

Ganghofers Erbe: Heimatsound und Trachtenkitsch

Ganghofer prägt das Bayern-Bild bis heute. Vielleicht ist er an dem Heimatsound-Gebraus auch noch schuld, zuzutrauen wär's ihm. Und an den Heimatkrimis? Schon 1891 wird im "verfeindeten" Berlin sein "Herrgottsschnitzer von Ammergau" aufgeführt, en suite 100 Mal! Am Münchner Gärtnerplatztheater dagegen nur knapp 20 mal. Und im Berliner Kaufhaus Wertheim gibt's plötzlich eine Trachtenabteilung.

1895 reist der literarische "Herrgottsschnitzer" mit dem Schlierseer Terofaltheater bis nach New York an die Metropolitan Opera – ein bombastischer Erfolg. Ganghofer fesselt, auch Sigmund Freud, der nach der Lektüre der "Martinsklause" seine Sommerurlaube im Berchtesgadener Land verbringt und dort in 5 Wochen "Die Traumdeutung" verfasst. Das spricht Bände: Irgendwer muss ja schließlich diese 100 Bücher gelesen haben!

Vom Heimatpoeten zum Literatur-Popstar

Mit Ganghofer avanciert die Alpenwelt zum Sehnsuchtsort. Mit seinem ersten Millionenseller "Der Jäger von Fall", den im katholischen Bayern keiner verlegen wollte wegen einem Bangert, einem ledig geborenen Mädchen, wird Ludwig Ganghofer zum Popstar der Literatur. 1896 kauft er sich im Tiroler Gaistal mit seinen wunderschönen Buckelwiesen ein Jagdhaus, eher ein Schlössl, mit einer 20.000 Hektar großen Jagd.

Baut 12 "Hüttl darein" für seine illustren Gäste. Und während seine Freunde Ludwig Thoma, Kaulbach, Stuck, Richard Strauß, Hugo von Hofmannsthal, Bruno Walter oder Leo Slezak ihre Pirscherlebnisse austauschen, sitzt der Meister des nächtens im Arbeitszimmer und lässt unter folgendem Spruch fleißig Träne um Träne aus seiner Tinte fließen: "Hier ist die hohe Jagdkanzlei, / und Werkstatt der Poeterei, / o, lass, Hubertus, heil’ger Ahn, / herfür aus diesem Stüberl gahn / manch’ wirkungsvollen Hegespruch / und manch’ ein wirkungsvolles Buch!“

© picture alliance/imageBROKER/our-planet.berlin

Ganghofer im Jahr 1910: Der Schriftsteller auf dem Gipfel seines Erfolgs

Ein großer Förderer

Die Winter verbringt der längst nicht mehr arme Poet in München in seiner hochherrschaftlichen Wohnung in der Münchner Steinsdorfstraße, lässt sich dort in sein Wohnzimmer einen Biergarten einbauen – samt Bühne, wo er jungen Talenten eine Chance bietet. Der 14-jährige Schreinerlehrling Ludwig Fey etwa darf hier erste Bühnenluft schnuppern. Und Rilke, der zu Ganghofers Zöglingen gehört, schreibt für seinen Förderer ein Gedicht: " … Da singt die Uhr, die Kinder zittern: / Im grünen Ofen kracht ein Scheit, / Und stürzt in lichten Lohgewittern, / Und draussen wächst im Flockenflittern / Der weiße Tag zur Ewigkeit."

Ganghofer fördert und vermittelt mit einer Großzügigkeit, die unter den oft fressneidigen Kollegen eine Seltenheit ist. Die süffig-wuchtigen Alpenromane beflügeln Druckereien, die wegen der hohen Nachfrage neue Maschinen ersinnen. Mit den knapp 50 Verfilmungen fördert Ganghofer indirekt auch die Filmindustrie. Peter Ostermayr, Regisseur und Pionier der laufenden Bilder, erwirbt die Rechte, jeder Film zieht 4 bis 5 Millionen Zuschauer: der Geiselgasteig, das Hollywood des Isartals, finanziert sich aus Ganghofers Romanverfilmungen! Großes Gefühl, Abenteuer, die Alpen als perfekte Filmkulisse.

Schwer erträgliche Kriegsbegeisterung

Überbordende Gefühle, zügellose Schwärmereien zeigt Ganghofer auch an Abgründen. Seine Kriegsberichte und seine Tagebuchaufzeichnungen, die die Münchner Monacensia nun transkribiert vorlegt hat, sind eine kaum erträgliche Lektüre, mit derselben Glut geschrieben wie seine Hochlandromane. Nur ruhen sie auf einem anderen Fundament. Als Ludwig Ganghofer 1915, im Auftrag seines glühenden Fans, Kaiser Wilhelm II. im Ersten Weltkrieg als erster Kriegsberichterstatter an die Front reist, schreibt der Simplicissimus am 7. September unter einer Abbildung des Kaisers: "Ganghofer ist da, die Schlacht kann beginnen!"

Bis zu seiner Verletzung verherrlicht der Heimatdichter in totaler Verblendung den "Krieg als schöpferische und heilbringende Macht": Soldaten gucken vergnügt aus den Ruinen und schmauchen ihre Maispfeiflein. Die Toten liegen mit einem Lächeln auf der Erde, deutsche Lazarette sind "weiße luftige Erholungshallen", die französischen "Sterbekliniken und Krüppelsäle", Schüsse und Kanonendonner "ein Ohrenschmaus wie aus dem Orchestergraben".

Nach dem Krieg: der Tod

Als der Krieg verloren ist, bricht für Ganghofer eine Welt zusammen. Er verlangt nach seinem Jagdgewehr, unterlässt den Suizid, verkauft sein Jagdhaus und zieht an den Tegernsee, wo er 1920 nach getaner Gartenarbeit nachmittags stirbt.

"Gefühl ist alles", schreibt 1929 der Soziologe und Philosoph Siegfried Kracauer über den Erfolg der Heimatromane, "wenn alles andere fehlt."

Aus Anlass des 100. Todestages von Ludwig Ganghofer zeigt die BR Mediathek die Dokumentation "Ganghofer und seine Erben - Und immer wieder Heimat".

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