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Darum ist Judith Butlers Ethik der Gewaltlosigkeit utopisch | BR24

© Audio: BR/ Bild. dpa-Bildfunk/Morry Gash

Judith Butler, eine der einflussreichsten Denkerinnen der Gegenwart hat eine Ethik der Gewaltlosigkeit vorgelegt.

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Darum ist Judith Butlers Ethik der Gewaltlosigkeit utopisch

Mit ihrer Idee, dass das Geschlecht nicht biologisch festgelegt, sondern sozial geformt ist, wurde Judith Butler zu einer der einflussreichsten Denkerinnen der Gegenwart. Jetzt ist ihr neues Buch erschienen: "Die Macht der Gewaltlosigkeit".

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Von
  • Beate Meierfrankenfeld

"Black Lives Matter": Drei Worte, mit denen in den USA und anderswo gegen Rassismus und rassistische Polizeigewalt protestiert wird. Man kann sie auf zwei Weisen lesen: als Feststellung, dass schwarze Leben zählen – und als Forderung, sie entsprechend zu behandeln. Für einen solchen Anspruch verwendet Judith Butler in ihrem neuen Buch einen ungewöhnlichen Begriff: "Betrauerbarkeit" – "grievability" im amerikanischen Original. Ausdrücklich nicht erst auf Sterben und Tod bezogen, sondern auf den Menschen als lebendiges Wesen: "Betrauerbar sein heißt angesprochen sein auf eine Weise, die mich wissen lässt, dass mein Leben zählt, dass sein Verlust nicht bedeutungslos ist, dass mein Körper als einer behandelt wird, der zu leben und zu gedeihen imstande sein sollte."

Eine Ethik, die auf Abhängigkeit fußt

Das Leben von seiner Verletzlichkeit her zu denken, macht für Butler vor allem tatsächliche Ungleichheiten sichtbar: Migranten, die im Mittelmeer ertrinken, ein schwarzer US-Amerikaner, der unter dem Knie eines Polizisten erstickt, Gefängnis-Insassen, denen medizinische Versorgung verweigert wird – das sind Körper und Leben, deren Verlust politisch weniger gilt.

Butlers Utopie dagegen lautet: "Radikale Gleichheit der Betrauerbarkeit" als Voraussetzung einer Ethik der Gewaltlosigkeit. Und noch etwas ist wesentlich für Butlers Entwurf einer solchen Ethik: Sie soll nicht individualistisch sein, ist sogar als Kritik des Individualismus konzipiert. Nicht der Einzelne ist die Leitidee, sondern seine Bindung an andere, seine Abhängigkeit: "Wir alle beginnen unser Leben, indem wir anderen überantwortet sind, eine Lage, die zugleich passiv und belebend ist. Das geschieht, wenn ein Kind geboren wird: Jemand gibt das Kind in die Hände eines anderen. Von Anfang an werden wir gegen unseren Willen gleichsam gehandhabt."

Selbsterhalt und der Erhalt des Lebens anderer

Zum Individuum wird man erst, die existenzielle Abhängigkeit wird man deshalb aber nicht los. Niemand ernährt sich, heilt seine Krankheiten, baut das Haus, in dem er wohnt, allein. Man kann das schlicht Arbeitsteilung nennen – was tröstlich nach Freiwilligkeit klingt. Für Judith Butler ist Abhängigkeit aber gar keine Kränkung, sondern eine Chance. Ihr Modell, das sie in Auseinandersetzung mit Michel Foucault, Freud und Walter Benjamin entwickelt, akzeptiert Abhängigkeit als Voraussetzung für Gleichheit. Eine Einsicht, die auch für die Hauptfrage des Buches nach der Gewalt entscheidend ist: "Gewaltlosigkeit wird zu einer bindenden ethischen Pflicht, eben weil wir aneinander gebunden sind. […] Die Pflicht, einander nicht zu zerstören, erwächst aus der irritierenden sozialen Form unseres Lebens […], und sie hält uns zum erneuten Nachdenken darüber an, ob nicht der Selbsterhalt an den Erhalt des Lebens der anderen gebunden ist."

Mit der Betrauerbarkeit des Lebens und seiner fundamentalen Abhängigkeit hat Butler zwei suggestive, auf Geburt und Tod bezogene Motive zur Hand. Sie zeigen die Grenzen eines Liberalismus auf, der gegenüber konkreter und manchmal brutaler Ungleichheit keine andere Antwort hat als eine abstrakte Freiheitsbehauptung. Doch es gibt ein grundsätzliches Problem mit Butlers Zentralbegriffen. Sie leisten nicht, was man von einer Ethik der Gewaltlosigkeit erwarten würde: Kriterien für Konfliktlösungen zu entwickeln. Das gilt besonders für die auf den ersten Blick so eindrückliche Kategorie der "Betrauerbarkeit" – die bei genauerem Hinsehen ihre theoretischen Tücken hat.

Ethische Konflikte sind schwer zu entscheiden

Trauer ist ohne Trauernde nicht denkbar, das heißt, man müsste zuerst fragen: Betrauerbar für wen? Es gibt keine "allgemeine" Betrauerbarkeit, sondern eher eine Konkurrenz von Trauer und Verletzlichkeit: Ein Homosexueller musste in den 80er-Jahren seinen an AIDS gestorbenen Geliebten ohne seine Familie betrauern, seine konservative Mutter betrauerte vielleicht unterdessen ihren verlorenen Sohn. Militante Abtreibungsgegner betrauern ungeborenes Leben, Feministinnen den Angriff auf die Entscheidungsfreiheit von Frauen. Zu diesem Beispiel schreibt Butler: "Eine Antwort […] auf die 'Pro Leben'-Position ist, […] zu zeigen, dass diese Position tatsächlich der Ungleichheit der Geschlechter verpflichtet ist. […] Einmal mehr werden Frauen hier zu Unbetrauerbaren."

Eine plausible Parteinahme – für die es allerdings andere Argumente gebraucht hätte. Denn gerade, wenn man Trauer in "radikaler Gleichheit" gelten lassen will, wie Butler es fordert, taugt sie eben nicht zur Entscheidung eines ethischen Konflikts. Und das ist dann doch eine empfindliche Leerstelle in einem Buch, das genau von solchen Konflikten, von Gewalt, Gewaltlosigkeit und dem Anspruch aller auf den Schutz ihres Lebens handelt.

Judith Butler, "Die Macht der Gewaltlosigkeit. Über das Ethische im Politischen", aus dem Amerikanischen von Reiner Ansén, erschienen bei Suhrkamp.

© Suhrkamp Verlag / Montage BR

Cover: Judith Butler: Die Macht der Gewaltlosigkeit