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Darum ist Bernardine Evaristo die Autorin der Stunde | BR24

© Audio: BR / Bild: Jennie Scott

2019 erhielt sie den Booker-Preis für ihren Roman "Mädchen, Frau etc.", ein Reigen an Biografien schwarzer "Mädchen, Frauen etc." aus Großbritannien.

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Darum ist Bernardine Evaristo die Autorin der Stunde

Bernardine Evaristo sollte von jedem gelesen werden und zwar: überall. Das sagt Elif Shafak und die Bestsellerautorin ist nicht allein mit dem Loblied auf Evaristo und ihren Roman "Mädchen, Frau etc.", der 2019 den Booker-Preis gewann. Zu Recht?

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Von
  • Marie Schoeß

Als Roman über race und gender wurde Bernardine Evaristos preisgekröntes Werk "Mädchen, Frau etc." oft besprochen. Doch die Autorin meldet Zweifel an: Natürlich gehe es um Rassismus und Gendergerechtigkeit, aber es handele sich nicht um einen didaktischen Roman, sondern um einen zutiefst menschlichen. Familienbunde, Liebesbeziehungen, erhebende und bittere Gefühle, die jeder Mensch kennt, stehen im Zentrum, sagt Evaristo, und der Roman gibt ihrer Einschätzung Recht.

Generationenkonflikte und Friedensangebote

Die Geschichte von Hattie kann das beweisen, eine resolute alte Dame ist das, die sich nicht scheut, Forderungen und Verletzungen der jungen Generation in eine größere Perspektive zu rücken. Hattie ist 93, "Tendenz steigend", wie uns die Erzählstimme mitteilt, was wiederum Grund dafür sein könnte, dass sich Hattie die Namen ihrer Enkel und Urenkel längst nicht mehr merken kann. Aber sie weiß ganz genau, wie gern sie Megan/Morgan hat. Als Mädchen geboren, schlüpfte Megan nur widerwillig in rosa Kleider. Heute versteht sich Morgan weder als Frau noch als Mann: "Sier", nicht-binär, erklärt Morgan, und ist verletzt, als die alte Dame, die kein Problem hat mit Morgans Leben, den sprachlichen Wandel zum nicht-binären Personalpronomen nicht mehr mitmacht.

Aber statt selbst verletzt zu sein, wäscht Hattie Morgan den Kopf: Sie sei in den Zwanzigerjahren geboren, sagt sie: "Du verlangst zu viel von mir, wenn du erwartest, ich könnte auch nur annähernd verstehen, was du da redest. Sei, wer du sein willst, und wir reden einfach nicht mehr drüber".

Schweigen – nur eines der familiären Friedensangebote, die uns Bernardine Evaristo in ihrem Roman vorstellt, in dem sie von zwölf schwarzen Menschen, Mädchen, Frauen aus Großbritannien erzählt. "Diese Charaktere repräsentieren für mich die Bandbreite, wer wir sind in dieser Gesellschaft", erklärt die Autorin und präzisiert, dass es nicht ihr Ziel sei zu definieren, festzuschreiben: "Einige Leute sagen: Dies ist das Porträt schwarzer Frauen in Großbritannien, so sind sie. Nein, nein, nein. Ich erkunde nur Möglichkeiten, wie wir in dieser Gesellschaft sein können."

Achtsame Erzählerin

Evaristo lässt ihre Leserin nie die Verbindung zu und sicher nicht: die Achtung vor den Charakteren verlieren, was schon eine Leistung ist, bei den unterschiedlichen Leben und Zeiten, zu denen Evaristo Zutritt gewährt.

Aber da liegt immer genug Kenntnis und Zugewandtheit, genug Ironie, aber auch Wärme im Blick, sodass weder die junge Figur, die um sprachlichen Wandel kämpft, ihrer Würde beraubt wird, noch die Großmutter, die entscheidet, schon genug Kämpfe ausgefochten zu haben.

Und so bleibt man dem Reigen an Lebensgeschichten einfach treu, freut sich, in einem Kapitel die Mutter, im anderen die Tochter und irgendwann noch die Großmutter zu beobachten: in ihrem Kampf um Freiheit, in ihrem Schmerz über den Rassismus, der in jeder Generation anders ins Leben dringt, aber auch beim Entdecken ihrer Körper und Gefühle. Wie sie in ihren Betten neue Haut und unbekannte Berührungen ausprobieren zum Beispiel oder wie sie sich auf ebendieses Bett werfen, weil die Tochter mit den Enkelkindern die Stadt verlässt.

© Cover: Klett Cotta / Collage: BR

Das Cover von Bernardine Evaristos Roman "Mädchen, Frau etc."

Dass der Leser gern mit Evaristo von einem Leben ins andere springt, liegt auch an der besonderen Form der Geschichten: eine fluide, freche Form. Fusion-Fiktion nennt Evaristo selbst sie, weil sie Genres miteinander verbindet: "Optisch sieht der Text fast aus wie Dichtung, aber ich verstehe ihn eher als experimentelle Prosa: Es gibt wenig Punkte, geht in Richtung Poesie, keine traditionellen grammatischen Sätze." Diese Form, so Evaristo, habe es ihr ermöglicht, die Frauen und ihre Leben auf eine Art zu erkunden, die traditionelle Prosa, traditionelle Sätze und Absätze nicht zugelassen hätten: "Das wäre wie ein Gefängnis gewesen für die Ideen, die die Geschichten dieser Frauen ausmachen."

Rhythmisch-treibende Zauberformeln

Die Form funktioniert: Wenn sich Gedankenknoten lösen, kommt auch die Sprache in Fluss. Wenn Sätze nur zögernd gedacht werden, trennt auch die Satzteile ein Zeilensprung. Das Denken darf in diesem Buch mitten im Satz beginnen, Jugendliche klingen, als hätte kein Lektor eingegriffen – ihr Pech, wie eine Figur bemerken würde. Und politische Bekenntnisse, die ins Didaktische kippen könnten, werden meist davor bewahrt, indem sie so treibend aufgeschrieben sind, dass sie sich eher schon wie rhythmischer Gegenzauber lesen.

Wenn Figuren leben

Zu Beginn begleitet die Lektüre die Sorge, vor allem Zeuge politischer Haltungen und Handlungen zu werden. Wer das Buch aber am Ende verlässt, erinnert sie sich an ganz anderes.

An die Mutter, die ihren Mann liebt und ihren Schwiegersohn begehrt. An die junge Frau, die ihrer Liebe, einer schillernd-schönen, feministischen, charismatischen Frau in die USA folgt, bis sie feststellt, dass ihr Kopf feststeckt wie in einem Schraubstock. Und natürlich an die Theatermacherin, bei der man vielleicht auch an die Autorin dieses Romans denken darf: im Herzen stets der rebellische Teenager, der nicht versteht, warum Ästhetik und Politik getrennte Wege gehen sollten, der kämpft für die Sichtbarkeit, Hörbarkeit schwarzer Frauen und – auch das – Lust hat, ihr Publikum herauszufordern.

Evaristos "Mädchen, Frau etc." ist bei Klett-Cotta erschienen und kostet 25,00 Euro.

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