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Landschaftsarchitektur: Corona zeigt, wie dringend wir Grünflächen brauchen

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Darum brauchen wir Parks und Grünanlagen

Wie man aus brachliegenden Gegenden wasserreiche Täler, Pfade und blühende Hügel macht, das zeigte Landschaftsarchitekt Peter Kluska mit dem Westpark München. Die Corona-Zeit macht klar, Grün in der Stadt ist wichtig, trotz aller Wohnungsnot.

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Von
  • Barbara Knopf

Er bekam den Zuschlag beim Wettbewerb zur IGA, der 1983 in München stattfindenden Internationalen Gartenschau. In einem Interview mit dem BR erzählt Gartenarchitekt Peter Kluska vor Jahren: "Die Idee, was man daraus machen könnte, die kam mir im Flugzeug. Ich bin zurückgekommen aus Frankfurt und sah in der Westschleife des anfliegenden Flugzeugs plötzlich dieses Gelände unter mir – dieser Unort, diese gähnende Leere, die da war, aber das öffnet einem auch die Augen für das Umfeld, für das städtebauliche Umfeld und die Straßen und die Autobahn, die da ist. Und da ist die Idee, der Gedanke plötzlich dagewesen, eine Tallandschaft draus zu machen."

Volksgarten down to earth

Eine Eingebung von oben also. Ein Gedankenblitz, den Kluska zu einem spektakulären Entwurf einer vom Verkehrslärm geschützten Landschaft ausarbeitete mit Tälern, Senken, Hügeln und Pfaden – und damit den Wettbewerb für die Internationale Gartenschau in München 1983 gewann. Ganz down to earth ist der Westpark ein Volksgarten geworden, ein gelungenes Beispiel, den so unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen einer diversen Stadtgesellschaft Raum zu geben, vom See-Sitzer bis zum Hardcore-Griller und allen dazwischen.

In diesen Tagen hat Peter Kluska die München Leuchtet Medaille bekommen. Eine persönliche Ehrung, aber hoffentlich auch eine politische Besinnung, denn nie war das Grün zwischen dem Stein der Städte wertvoller als jetzt in Corona-Zeiten. Im Lockdown wurde der Außenraum zum Fluchtraum, vor dem Nachbarn, dem Home-Office, sich selbst. Und nie war er bedrohter, da er im durchökonomisierten Stadtraum dem massiven Wohnungsdruck ignorant geopfert wird.

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Seesitzer im Westpark: Hier wird bayerisch und türkisch gekocht.

Erholung in der Mitte der Städte

Aber was steht da eigentlich auf dem Spiel? Eine seit ein paar Jahrhunderten entwickelte Sozialpolitik des Grünen. Im 18. Jahrhundert öffneten die Herrschenden Gärten und Parks: Kurfürst Karl Theodor wies seinen Hofgärtner Friedrich Ludwig von Sckell an, den Englischen Garten für das Volk, für die Münchner zu erbauen. Im Gartenreich Wörlitz war die ästhetische Idylle mit romantischen Ruinen durchaus vereinbar mit Obstanbau, Landwirtschaft und Viehzucht, ein frühes Beispiel für nachhaltiges Wirtschaften. In den industrialisierten Städten des 19. Jahrhunderts wurde klar: Freiraum hilft der Hygiene – und der Psyche. Grün ist heilsam. Ob der Central Park in New York oder der Olympiapark in München: Stolz haben Städte ihre demokratische Mitte zur Erholung aller freigegeben.

Aber das allein reicht nicht mehr. Wachsende Städte, shrinking green. Dabei zwingen Klimawandel und Corona-Epidemie wieder einmal gemeinsam zur Neubesinnung. Am besten wäre doch: viel fußläufig erreichbares Grün, Parks, Hinterhöfe, Bäume. Da gleicht der Stadtmensch der Erdkröte: Er braucht vernetzte Biotope. Und eigentlich auch einen Raum, in dem die Seele schweifen kann, meint der Landschaftsarchitekt und Erbauer des Münchner Westparks Peter Kluska: "Also ich spreche da ganz bewusst von Komposition. Ich habe Tag und Nacht über Höhenlinien nachgedacht und immer wieder korrigiert, weil es so wichtig ist, dass man Räume entwickelt und von Raum zu Raum später durchgehen kann und die Menschen nachher die nötige Freude und Erholung finden. Das geschieht ja in der Regel ganz unbewusst.

Das Grün am Anfang planen

Die Empfänglichkeit dafür scheint, insbesondere in der nervlichen Überreiztheit des Covid-19-Zustands, nicht immer vorhanden. Das Stadtgrün ersetzt in Corona-Zeit auch Fußballstadion, Bar, Rave, Restaurant oder Konzert. Und ist überfordert - durch Müll, Lärm, Rücksichtslosigkeit. Der einst zur Erholung gedachte grüne, zudem schrumpfende Raum steht vor der Ausbeutung.

Es ist zwingend Zeit, dass Städte nicht nur an den Bau von Wohneinheiten denken. Warum nicht das Grün zum Ausgangspunkt der Planungen machen, statt später übersichtliche Rasen-Implantate in Wohnblöcke hineinzupfropfen? Wohnungsbauträger müssen Autostellplätze garantieren – warum nicht auch mehr grünen Freiraum? Alles undenkbar, weil unbezahlbar? Eine Wertschätzung sozialer Bedürfnisse muss man sich leisten wollen. Monarchen, liebe Politiker*innen, liebe Kapitalist*innen, haben es vorgemacht.

Mehr öffentliches Grün also in der Zukunft, und mehr Raffinesse, mehr Verwunschenheit! Das ist für Landschaftsarchitektinnen und -architekten wie Peter Kluska keine Zauberei: "Wenn man dann nach Hause geht und zufrieden ist und glücklich ist über einen verbrachten Tag oder eine Stunde oder zwei Stunden, dann merkt man, dass ein Park eine große Wirkung hat auf die Menschen."

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