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Darum boomten tödliche Sekten in den 1990er Jahren | BR24

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Jonestown, Heaven’s Gate oder die Sonnentempler: Immer wieder gab es Sekten, die von einer friedlichen Gemeinschaft zur tödlichen Gefahr für ihre Anhänger wurden. Gerade in den 1990ern kam es gehäuft zu Massentötungen. Könnte dies wieder passieren?

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Darum boomten tödliche Sekten in den 1990er Jahren

Jonestown, Heaven’s Gate oder die Sonnentempler: Immer wieder gab es Sekten, die von einer friedlichen Gemeinschaft zur tödlichen Gefahr für ihre Anhänger wurden. Gerade in den 1990ern kam es gehäuft zu Massentötungen. Könnte dies wieder passieren?

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Es hatte alles so friedlich angefangen bei den "Branch Davidians", einer amerikanischen Religionsgemeinschaft, die in den 1950er Jahren von ehemaligen Mitgliedern der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten gegründet worden war.

Dramatische Fälle bei Sekten in den 1990er Jahren

In den 1990er Jahren allerdings nahm die Geschichte der Sekte ein dramatisches Ende, als die Gruppe sich auf Geheiß ihres damaligen Anführers, David Koresh, in der sekteneigenen Siedlung Mount Carmel Center in Texas schwer bewaffnet verschanzte. US-Behörden wollten gegen die Davidianer wegen illegalen Waffenbesitzes ermitteln. Außerdem hatten Aussteiger David Korresh wegen Kindesmissbrauchs angezeigt. Bei der gewaltsamen Erstürmung des Anwesens leisteten die Davidianer bewaffneten Widerstand: 82 Menschen starben.

Ähnlich dramatische Fälle ereigneten sich beispielsweise bei der Gruppe Heaven’s Gate - ebenfalls in den USA oder bei den französisch-schweizerischen "Sonnentemplern" - alle in den 1990er Jahren und alle mit einer ähnlichen Ausgangssituation, sagt Sabine Riede. Seit über 30 Jahren beobachtet die Pädagogin das Treiben der unterschiedlichsten religiösen Gemeinschaften beim Verein Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V., einer Beratungs- und Informationsstelle, die vom Familienministerium NRW gefördert wird.

Oft narzisstische Persönlichkeitsstörungen bei Sektenführern

"Dass das Stichwort innere Ausweglosigkeit eine Rolle gespielt hat, das war zumindest ganz deutlich bei den Davidianern der Fall im April 1991", ist sich Riede sicher. Die Farm der Sekte sei 51 Tage belagert und dann gestürmt worden. Der Sekten-Führer habe einerseits die Endzeit gepredigt, andererseits habe es einen Strafbefehl gegen ihn wegen "Sexorgien" mit Minderjährigen gegeben. Korresh habe Angst gehabt in Haft zu kommen, so Riede, "dann ist das für narzisstische Persönlichkeiten eben eine Lösung, gleich mit mehreren Menschen in den Tod zu gehen."

Narzisstische Persönlichkeitsstörungen seien typisch für die quasi kultisch verehrten Anführer sektenartiger Gemeinschaften, erklärt Sabine Riede. Eine ähnliche Drucksituation dürfte auch im Fall der sogenannten "Sonnentempler" eine Rolle gespielt haben: Bei Massensuiziden beziehungsweise rituellen Tötungen in den 1990er Jahren starben insgesamt 74 Menschen.

Sonnentempler: Esoterik gemixt mit Ufoglauben

Auch die Sonnentempler waren, wie die Branch Davidians, stark apokalyptisch geprägt und glaubten an das bevorstehende Weltende und einen endzeitlichen Kampf von Gut und Böse, erklärt Sabine Riede: "Da gab es auch wieder Predigten von einem bevorstehenden Weltuntergang und hier wurde es aber nicht mit christlichen Elementen, sondern mit sehr esoterischen Elementen gemixt und es gab einen ausgeprägten Ufoglauben."

Der Ufoglaube, wie ihn die Sonnentempler lebten, spielte in den 90er Jahren bei vielen Gemeinschaften eine Rolle. In Kalifornien gründeten die beiden Sektenführer Marshall Applewhite und Bonnie Nettles, der Sohn eines presbyterianischen Predigers und eine Krankenschwester, gemeinsam die neureligiöse Gruppierung "Heaven‘s Gate". Die Mitglieder von Heaven’s Gate fieberten einem gewaltsamen Ende des Planeten Erde entgegen, das sie als "Recycling" bezeichneten und das sie mittels Evakuierung auf außerirdischen Raumschiffen überleben wollten.

Sekten-Expertin: Selbsttötungen in den 90ern waren Zeitgeist geschuldet

Dass sich die Selbsttötungen von religiösen Gemeinschaften ausgerechnet in den 1990er Jahren so stark häuften, sei vor allem dem Zeitgeist geschuldet, sagt Sektenexpertin Riede: "Zum einen rückte die Jahrtausendwende näher und was mit den 90ern stark begonnen hat: Dass der Fortschrittsglaube erschüttert war. Mit den Gedanken an Ozonloch, Wassermangel, Bevölkerungsexplosion, Ökokrise wurde verbunden, dass jetzt bald etwas ganz Schlimmes geschehen würde."

Auch heute kommt es durchaus noch vor, dass die Berater der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen die Polizei verständigen, zum Beispiel wenn alle Mitglieder einer endzeitlich geprägten Gemeinschaft auf einmal auf einem Grundstück versammelt werden oder wenn es Hinweise aus der Bevölkerung gibt. Ein Massaker wie 1978 unter den Mitgliedern des Peoples Temple um den US-amerikanischen Pastor Jim Jones mit über 900 Toten, wäre heute aber kaum noch denkbar, sagt Sabine Riede, dafür seien die Menschen zu kritisch, zu gut aufgeklärt, zu vernetzt.

Menschen heute egoistischer - Gefahr von Massentötungen geringer

Und, so Riede, die Menschen seien heute insgesamt egoistischer geworden: "Wir sehen ja, dass besonders der Bereich der Esoterik boomt. Und hier geht es häufig um die schnelle Hilfe für mich selber. Es geht nicht darum, dass ich ein Gemeinschaftserlebnis haben will oder mit allen Menschen diese Erde retten will. Es geht um Lebenshilfe, Wunderheilungen: Das sind die Sachen, die im Moment mehr im Vordergrund stehen."