BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

"DARK": Irgendwie fängt irgendwann irgendwo die Zukunft an | BR24

© Netflix

Verkehrte Welt? Jonas (Louis Hofmann) und Martha (Lisa Vicari) in der finalen Staffel der Mysteryserie "DARK".

Per Mail sharen

    "DARK": Irgendwie fängt irgendwann irgendwo die Zukunft an

    Eine Kleinstadt, verschwundene Jungs und ein geheimnisvoller Zeitspalt - damit wurde die komplexe deutsche Mysteryserie "DARK" zum internationalen Netflix-Hit. Das Serienfinale führt nun alle losen Fäden zusammen.

    Per Mail sharen

    "Alles wird auseinanderbrechen. Wieder und wieder." heißt es in der neuen und finalen Staffel von "DARK". Wieder und wieder? Die Welt der Serie "DARK" ist in einer Zeitschleife gefangen. Die Zeit folgt keiner festen Abfolge: es ist gleichzeitig 2052 und 2019, 1920, 1986, 1953 und 1888. Und überall ist der 27. Juni, Tag des schwerwiegenden Reaktorunfalls im örtlichen Kernkraftwerk. Der Tag, der die Zukunft unter verstrahlten Trümmern begraben wird, einen neuen Zyklus und die Ereignisse der kommenden 33 Jahre wieder in Gang setzt. So wie unendliche Male zuvor.

    Sie wissen jetzt schon nicht mehr, wo Ihnen der Kopf steht? Dann herzlich Willkommen in Winden, irgendwo in Durchschnittsdeutschland. Eine Kleinstadt wie jede andere, in der sich das Unbehagen hinter gepflegten Klinkerfassaden versteckt und es immerzu aus Eimern schüttet. Die Schicksalstragödie "DARK" nimmt genau hier ihren Lauf: Die Geheimnisse von vier Familien wurden in der ersten Staffel langsam über drei Zeitebenen und Generationen hinweg ans Licht gezerrt. Die zweite Staffel widmete sich den daraus resultierenden Konsequenzen, die nicht nur die Zukunft sondern auch die Vergangenheit nachhaltig beeinflussen. Und die dritte und finale Staffel zeigt uns jetzt, wer die Strippen gezogen hat und warum die Schicksale der Windener untrennbar miteinander verknotet sind.

    Im Zentrum der Geschichte steht der 17-jährige Jonas Kahnwald (Louis Hofmann) im Jahr 2019. Er wird unfreiwillig zum Zeitreisenden, als er einen Zeitspalt in den Felshöhlen beim Kernkraftwerk von Winden entdeckt.

    © Stefan Erhard / Netflix

    Entführte Jugendliche, merkwürdige Maschinen, finstere Gestalten. DARK wirft viele Fragen auf.

    Eine Serie, die man mehrmals schauen sollte

    "DARK" wird international für die erzählerische Weitsicht aber auch den Mut gelobt, das Publikum über Folgen zu verwirren und ratlos zurückzulassen. Das ist nicht negativ gemeint: Wir können uns darauf verlassen, dass in "DARK" nichts grundlos passiert. Aber die Serie anzuschauen ist Arbeit und kann richtig anstrengend sein. Anders als die kultisch verehrte Mystery-Serie "Lost" verliert sich "DARK" nicht in aufeinander getürmten Verschwörungstheorien: Alles was wir wissen müssen, wird uns auch gezeigt. Manchmal braucht es nur etwas länger – oder einen zweiten Anlauf, bis wir es auch erkennen können. Das fängt schon bei der Auswahl der Darsteller*innen an, die ein und dieselbe Figur in drei verschiedenen Lebensabschnitten verkörpern.

    Die Ähnlichkeit zwischen dem jungen (Louis Hofmann) und mittelalten Jonas ist verblüffend. Gespielt wird der von Andreas Pietschmann: "Gleich zu Beginn habe ich mir gedacht, mein Gott, Leute, das muss euch doch um die Ohren fliegen. Das ist so kompliziert!" erzählt er im Interview zum Serienfinale, "...um dann mit offenem Mund festzustellen: Unglaublich. Alles ist bedacht. Ich finde keinen logischen Fehler, alles findet Entsprechungen. Kleinste Hinweise in der zweiten Staffel rekurrieren auf Momente in der ersten Staffel, deren Bedeutung man dann erst versteht. Das ist eine solche intellektuelle Leistung auch, muss ich sagen, vor der ich wirklich den Hut ziehe."

    Griechische Mythen und philosophische Aphorismen

    Diese Schnitzeljagd nach Hinweisen führt uns in ein Labyrinth – wie Theseus, der sich dem Minotaurus stellt. Eine Analogie zu den griechischen Mythen, die die Serie immer wieder herbei bemüht. In "DARK“ wird Theseus vertreten durch den jungen Zeitreisenden Jonas. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Unglück aufzuhalten und den Kampf gegen die Zeit und sein altes, verbittertes Ich aufzunehmen, um die Welt vor dem drohenden Untergang zu bewahren. Die Ariadne, die Theseus mit einem roten Faden hilft, den Weg durch das Labyrinth zu finden, spielt Jonas Freundin Martha (Lisa Vicari) im Schultheater. Schon in der ersten Staffel deutet sie mit einem Monolog auf der Bühne den zentralen Konflikt der letzten an: "Von da an wusste ich, dass sich nichts ändert (...). Ein Schicksal geknüpft an das nächste. Ein Faden rot wie Blut. Man kann den Knoten nicht lösen. Aber schneiden kann man ihn. Und doch bleibt etwas zurück, das man nicht schneiden kann. Ein unsichtbares Band."

    Die Serienschöpfer Jantje Friese und Baran bo Odar haben den roten Faden der Ariadne bestens im Griff. Sie verweben die typisch deutsche Atomangst mit einer global ansprechenden Bildsprache und Zitaten von Nietzsche, Schopenhauer, Einstein und sogar Nena zu einer größenwahnsinnigen Serienmythologie. Die Figuren diskutieren über Zeitreise-Paradoxien, verbauen das Higgs-Boson-Teilchen in eine Zeitmaschine und spinnen versehentlich eine Familientragödie antikem Ausmaßes quer durch die Zeit – und schließlich sogar über Spiegelwelten hinweg.

    Kein Anfang und kein Ende

    Über all dem schwebt die berühmte Frage nach dem Ursprung: Huhn oder Ei - was war zuerst da? Das sogenannte Bootstrap-Paradoxon, eine Kausalschleife, führt dazu, dass Dinge immer wieder auf die selbe Weise geschehen, ohne einen Anfang zu haben. Und so haben auch die Familien in Winden keine Wahl: ihr Weg ist vorherbestimmt. Für die Serienschöpfer Baran bo Odar und Jantje Friese ein wichtiges Thema, erzählen sie im offiziellen Aftershow-Podcast zur Serie. Mit der Entscheidung zwischen Determinismus oder dem freien Willen müsse man sich automatisch beschäftigen, wenn man eine Zeitreisegeschichte erzählt, sagt Friese: "Weil wir generell eher Anhänger des kausalen Determinismus sind, fanden wir das die viel, viel spannendere und interessantere Art zu erzählen. Man ist auf einen geschlossenen Kreislauf zurückgeworfen in dem die Figuren die ganze Zeit versuchen auszubrechen und nach einem freien Willen zu leben. Das funktioniert halt überhaupt nicht und man rennt immer wieder gegen die Wand, löst Dinge aus, die einem später selber Schmerzen zufügen werden." So wie der Zeitreisende Jonas, der mit seiner Zeitreise auch den Tod seines Vaters verhindern will – und ihn durch sein Wissen überhaupt erst auslöst.

    Ein echtes "Goodbye"

    Trotz aller Komplexität: Das Ende von "DARK" berührt. Es ist ein würdiger Abschied von der besten und ehrgeizigsten Serie, die bisher in Deutschland produziert wurde. Eine Serie, die nicht auf die Anziehungskraft eines Bestsellerromans bauen konnte, wie etwa "Babylon Berlin"; die kein erfolgsgarantierender Krimi ist. Sondern eine epische, in sich geschlossene Tragödie, die ihr Publikum an dessen Grenze bringt. Das sieht auch Hauptdarsteller Louis Hofmann so: "Ich war sehr befriedigt mit dem Ende und auch diesen Charakter jetzt gehen zu lassen. Das ist natürlich auch anstrengend, über dreieinhalb Jahre hinweg so eine Figur immer so leicht an der Oberfläche zu lassen. Und Jonas ist jetzt keine leichte Figur, er ist eine schwere und sehr sensible und schmerzhafte Figur."

    Es lohnt sich, dran zu bleiben. Denn dem Finale von "DARK" gelingt etwas sehr seltenes: Es liefert abschließende Antworten. Sogar die auf die Frage nach dem ständigen Regen.

    Alle drei Staffeln von DARK sind bei Netflix abrufbar.

    Die neuesten Serien und die Geschichten dahinter werden Ihnen im BR-Serienpodcast "Skip Intro" vorgestellt. Zum Abo geht's hier entlang.

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!