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Bildrechte: Georg Hochmuth/Picture Alliance

Sebastian Kurz.

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    "Dann gehört dir ein ganzes Land": Böhmermanns "Kurz-Predigt"

    Herbe Abrechnung mit den österreichischen "Zuständen": Der ZDF-Satiriker knöpfte sich die Alpenrepublik vor und beschrieb Sebastian Kurz als Kanzler, der "aus freien Medien kooperative Medien" mache und den "Ibiza-Traum in Reality" lebe.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Das dürfte trotz Eurovisions-Fanfare in Wien keine Begeisterung ausgelöst haben: In seiner letzten "Magazin Royale"-Sendung vor der Sommerpause kündigte ZDF-Satiriker Jan Böhmermann eine "türkise Shit-Show, so gehaltvoll, so dicht wie Pumpernickel und Brownie zusammen" an. In der folgenden halben Stunde ging es satirisch um "das Land, das uns Hitler schenkte und leider auch die Mozart-Kugel", nämlich Österreich: "Was uns hier in Deutschland noch droht, ist dort längst Realität." Regiert werde die Alpen-Republik nämlich von einem "Teenager mit Bausparvertrag, gefangen im Körper eines haargel-süchtigen Kindes", dem "Penatenkanzler" Sebastian Kurz.

    "So einen brauchen wir auch"

    "Ich bin doch nur ein unseriöser Psychopath mit Problemhaaren, dünnen Nerven und gelben Nikotinfingern, der von einem Compliance-Verfahren ins nächste stolpert", so Böhmermann ungewohnt bescheiden, aber "selbst ein angesehener Gentleman" wie BILD-Chefredakteur Julian Reichelt teile die allgemeine Begeisterung für Kurz, dem "GröLÖaZ, dem Größten Lebenden Österreicher aller Zeiten". Zum Beweis wurden neben einem O-Ton von Reichelt in der Redaktionskonferenz auch Schlagzeilen aus dem Springer-Blatt "Die Welt" über den österreichischen Kanzler eingeblendet: "Diesen Mut vermissen die Deutschen bei ihrer Führung" oder "So einen brauchen wir auch". Genug Grund für Böhmermann dem "hügeligen Miniatur-Wunderland rechts von Liechtenstein" mehr Aufmerksamkeit zu widmen: "Ist der österreichische TikTok-Kanzler in Wirklichkeit ein gefährlicher Erdapfel-Erdogan, ein Baby-Bolsonaro, ein Lego-Lukaschenko, ein Playmobil-Putin?"

    © Helmut Fohringer/Picture Alliance
    Bildrechte: Helmut Fohringer/Picture Alliance

    Kurz mit Immobilien-Unternehmer René Benko.

    Üblicherweise müsse ein Politiker, die "Regierung, Medien, Parlament, Justiz" im Griff haben, wenn er jeden Widerstand unterdrücken wolle: "Wenn du die Macht über diese vier Dinge hast, dann gehört dir ein ganzes Land, dann bist Du ein Autokrat oder vielleicht sogar ein Diktator." In Österreich geschehe das im Zeichen der RAL-Farbe 6034: "Türkis – das Blau für Coole, ein Lebensgefühl, das ansteckt." Das "Team Kurz" sei auch kein Team, sondern eine "treu ergebene Gefolgschaft". Und im ORF, so Böhmermann, fliege ein Beitrag über Kurz schon mal aus einer Satire-Sendung, "wegen der Ausgewogenheit".

    Strache mit Stahlplatte in der Unterhose

    Natürlich kam Böhmermann auf den früheren Regierungspartner von Kurz, den skandalumwitterten Rechtsaußen Heinz-Christian Strache zu sprechen: "Die FPÖ ist so was wie die NPD bei uns in Deutschland, mit denen hat Sebastian Kurz seine erste Regierung gebildet, da war er gerade mal neun Jahre alt – nein, Quatsch, 31." Der inzwischen weitgehend kalt gestellte Strache sei ein "ein größenwahnsinniger Zahntechniker, der sich fotografieren ließ, wie er den Nazi-Gruß zeigte". Allerlei bizarre Details aus der Strache-Berichterstattung der letzten Monate wurden aufgezählt: Er trage ein "Eigen-Urin-Amulett, das ihn vor Attentätern beschützen soll", habe sich "für 6.000 Euro von einer Wahrsagerin beraten lassen", monatlich 3.000 Euro mit der Partei-Kreditkarte für das Handy-Spiel "Clash of Clans" ausgegeben und bewahre eine "von einem Schamanen geweihte Stahlplatte in der eigenen Unterhose" auf.

    "Weißwein-Spritzer in der Prater-Sauna"

    Und noch ein "Team-Kurz"-Mitglied hatte seinen Auftritt: Der Immobilien-Zar René Benko, der "Top-Oligarch" von Österreich, das "Double vom Obi-Biber". Er habe den kroatischen Premierminister bestechen wollen, ein Geschäftshaus in Wien für 60 statt 95 Millionen Euro zugeschustert bekommen, wo demnächst nach dem Vorbild des Berliner 'KaDeWe' ein Einkaufstempel samt Hotel und Park auf dem Dach errichtet wird, und sich bei den großen Boulevardzeitungen "Krone" und "Kurier" eingekauft. "Sebastian Kurz lebt H.C. Straches Ibiza-Traum in Reality", so Böhmermann, denn er habe das ganze Land im Griff und gehe mit dem Chefredakteur der seriösen "Presse" einen "Weißwein-Spritzer in der Prater-Sauna trinken", wenn er unliebsame Schlagzeilen verhindern wolle: "Sebastian Kurz macht aus freien Medien kooperative Medien."

    Und den österreichischen Bischöfen, die sich 2019 gegen die strikte Asylpolitik von Kurz ausgesprochen hatten, drohte er mit finanziellen Konsequenzen, bis sie buchstäblich "blass" geworden seien. Dabei sei Kurz nur bescheiden und fliege mit der "Holzklasse nach Brüssel", wenn Fotografen dabei seien: In anderen Fällen habe er den Privatjet des ukrainischen Oligarchen Dmitrij Firtasch benutzt, eines Mannes, der von Wien aus gegen seine Auslieferung in die USA kämpft.

    © Hans Klaus Techt/Picture Alliance
    Bildrechte: Hans Klaus Techt/Picture Alliance

    Einstmals Partner: Kurz (links) und Heinz-Christian Strache.

    Böhmermann zeigte eine Gebetsveranstaltung für Kurz im Stil von US-Fernsehpredigern und kommentierte die Szene: "Deutschsprachige Menschen, die auf einer politischen Veranstaltung massenhaft gemeinsam die Hände heben für ihren Anführer, so sieht moderne Demokratie aus. Was soll da schon schief gehen?"

    "Hauptsache, nichts mit Menschen"

    Allerdings rief der Moderator gegen Ende der Sendung auch sein gesamtes Team zusammen, allesamt in Türkis, ein ganz spezielles "Gebet" aufsagend: "Vater, wir beten heute für die Republik Österreich. Für die Weisheit und die Kraft, die du ihr gegeben hast. Wir beten und wir danken dir für die 2.500 Dick-Pics, die du uns geschenkt hast. Ich wusste gar nicht, dass es überhaupt so viele Penisse gibt. Und danke für die 300.000 türkisen Chats, von denen wir erst einen Bruchteil ausgewertet haben und hatten jetzt schon so viel Fun. Und wir beten für den Kurz Sebastian und dafür - er ist ja noch so jung – dass er doch nochmal zur Uni geht oder ein Jahr auf Bali einlegt oder komplett umschult zum Investmentbanker, Altenpfleger oder TikTok-Influencer, Hauptsache, nichts mit Menschen, ganz weit weg von Verantwortung für eine stolze, demokratische Republik wie Österreich."

    © Sven Hoppe/Picture Alliance
    Bildrechte: Sven Hoppe/Picture Alliance

    Jan Böhmermann.

    Der umtriebige Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) wurde als dubioser Mittelsmann von "Spenden" hingestellt (er nahm als Präsident des Alois-Mock-Instituts Inserate an). Praktischer Weise wolle der Mann die "Wahrheitspflicht" in dem von ihm geleiteten Ibiza-Untersuchungsausschuss abschaffen und habe ein ungeklärtes Verhältnis zum Spielhallen-Betreiber Novomatic, eine Firma, die "viel Sponsoring für ÖVP-nahe Vereine" betrieben habe. Und an ein Treffen mit dem flüchtigen Wirecard-Topmanager Jan Marsalek konnte sich Sobotka "nicht erinnern", obwohl ein Foto zeigt (für das Wiener Blatt "Falter" ein Bild "wie ein Geständnis"), wie er mit dem Mann gemütlich bei einem Glas Wein am Tisch sitzt.

    Böhmermann erwähnte, dass Finanzminister Gernot Blümel mitunter "sechs Nullen" in seinem Haushaltsplan "vergisst" und seinen Dienst-Laptop von der Ehefrau im Kinderwagen spazieren fahren lässt, wenn Ermittler danach suchen. Unterdessen färbte sich der ZDF-Moderator immer türkiser und trat schließlich in einer Fantasie-Uniform mit Rubinen, Epauletten und Kordel auf, bewacht von Bodyguards im türkisen Tarnfarben-Look: "Das würde man ja merken, wenn Stück für Stück der Rechtsstaat zerfällt, jeden Tag ein kleines bisschen mehr."

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