BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Dankesrede aus dem Gefängnis: Geschwister-Scholl-Preis für Altan | BR24

© BR

Der türkische Schriftsteller Ahmet Altan erhält in diesem Jahr den Geschwister-Scholl-Preis. Allerdings kann er nicht selbst zur Verleihung nach München kommen. Er sitzt aktuell wieder in der Türkei im Gefängnis.

1
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Dankesrede aus dem Gefängnis: Geschwister-Scholl-Preis für Altan

Der diesjährige Träger des Geschwister-Scholl-Preises konnte die Auszeichnung nicht persönlich entgegennehmen. Der türkische Journalist Ahmet Altan sitzt seit drei Jahren im Gefängnis. Doch auch von dort kämpft er für Freiheitsrechte in der Türkei.

1
Per Mail sharen

Als Journalist und Autor schreckt der 69-jährige Ahmet Altan nicht davor zurück, auch pikante Themen wie den Umgang der Türkei mit der kurdischen Minderheit anzusprechen oder den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan zu kritisieren. Seit 2016 sitzt er im Gefängnis. Nun wurde er in München in Abwesenheit mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.

Altan wird in der Türkei vorgeworfen, am Vorabend des 2016 in der Türkei gescheiterten Staatstreichs unterschwellig Botschaften über den Putsch im Fernsehen verbreitet zu haben und der Gülen-Bewegung nahezustehen. Letztere soll laut Ansicht der türkischen Regierung hinter dem Putschversuch stecken. Dafür wurde der Autor zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt, aktuell beträgt die Strafe noch zehneinhalb Jahre.

Im November 2019 war Altan unter Auflagen freigekommen, nachdem ein Gericht dies angeordnet hatte, wenig später jedoch wieder verhaftet worden.

"Hässlichen Fratze des Nationalismus"

So war es nun seine Vertraute Yasemin Congar, die den Preis in München für ihn entgegennahm. Konkret wurde Altans aktuelles Buch "Ich werde die Welt nicht wiedersehen. Texte aus dem Gefängnis" ausgezeichnet. Es behandelt seinen eigenen Fall, aber auch die Geschichte von Mitgefangenen. Altan hat es hinter Gittern geschrieben und es zur Veröffentlichung kapitelweise als persönliche Nachrichten an Congar gesendet. Sie übersetzte die Texte anschließend ins Englische.

Auch seine Dankesrede in München trug nun die Vertraute an seiner Statt vor. Darin hieß es unter anderem: "Wenn Nationalismus, Hass, Schlechtigkeit und Dummheit in angereichertem Maße zusammenfinden, entsteht eine toxische Mischung. Gegen diese tödliche Krankheit wirken als Gegengift Mitleid, Güte und Klugheit, doch muss auch der hässlichen Fratze des Nationalismus die Maske der Heiligkeit abgerissen werden, hinter der dieser sich versteckt." Literatur sei mächtiger als Tyrannei, ist Altan sicher.

Altan macht weiter

Laut Yasemin Congar arbeitet Ahmet Altan auch aktuell im Gefängnis fest entschlossen weiter, liest und schreibt. Die Tatsache, dass viele Menschen auf der Welt seine Texte lesen und darüber sprechen, gebe ihm viel Kraft. Sein Buch aus dem Gefängnis wurde in 15 Sprachen übersetzt, auf Türkisch ist es allerdings nicht erschienen.

Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) kritisierte die türkische Regierung dafür, die Opposition "mundtot" machen zu wollen. Die Verhaftung und Verurteilung von Altan sei eine Farce. "Lasst ihn frei", rief er Ankara zu.

Jury: Altan verteidigt die Freiheit

Die Jury des mit 10.000 Euro dotierten Geschwister-Scholl-Preises fasste in ihrer Begründung der Auszeichnung zusammen: "Ahmet Altan spricht für alle die, die für die Wahrheit eintreten und die Freiheit verteidigen, gerade unter schwierigsten Bedingungen. Auf diese Weise verteidigt er selbst die Freiheit und erinnert an das Vermächtnis der Geschwister Scholl."

Der Geschwister-Scholl-Preis wurde in diesem Jahr zum 40. Mal verliehen und erinnert an die Geschwister Sophie und Hans Scholl, die sich im Dritten Reich als Studenten in München gegen die Tyrannei der Nationalsozialisten einsetzten und in der Folge im Jahr 1943 zusammen mit ihrem Kommilitonen Christoph Probst hingerichtet wurden.