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"Wendejahre" von Daniel Biskup ist ein Tagebuch in Bildern | BR24

© Daniel Biskup / www.salzundsilber.de

Aus dem Fotoband "Wendejahre von Daniel Biskup"

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"Wendejahre" von Daniel Biskup ist ein Tagebuch in Bildern

Der Fotoband "Wendejahre" von Daniel Biskup dokumentiert den Alltag in Ostdeutschland nach der Wende. Eine Zeit, die für viele Ostdeutsche schwierig war. In den Fotos findet man auch Erklärungen für die Situation im Osten Deutschlands heute.

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Fotos vom Mauerfall gibt es viele, welcher Fotograf hätte sich solch eine historische Chance schon entgehen lassen! Doch wohl kein anderer Fotograf hat die Wende und vor allem die Jahre danach so gründlich im Bild festgehalten wie Daniel Biskup. 1962 in Bonn geboren, studierte er gerade Politik und Neuere Geschichte in Augsburg, als sich die Umwälzungen andeuteten. Biskup war aber nicht nur Geschichtsstudent, sondern auch Hobby-Fotograf. Als im Sommer 1989 Tausende Ostdeutsche nach Ungarn flohen, gab es für ihn kein Halten mehr. Als angehender Historiker war sich Biskup der epochalen Bedeutung der Geschehnisse von Anfang an bewusst – genauso wie der kommenden Schwierigkeiten.

Eine ungewisse Zukunft begann

"Das Zusammenwachsen Deutschlands, das war mir schon in der Umbruchphase klar, dass das nicht einfach sein wird. Mit der Einführung der D-Mark nahm das Schicksal seinen Lauf, weil da einfach viele Unternehmen nicht mehr mithalten konnten", sagt Biskup. Er habe einfach die Unternehmen fotografiert, wie sie aussahen: "Ich habe die Menschen in ihrem Alltag fotografiert, auf Märkten, ganz normale Alltagsszenen." Das seien damals ganz banale Bilder gewesen, etwa Schrottplätze von weggeworfenen Trabbis, die es überall in Ostdeutschland gab. So habe es einfach ausgesehen, für ihn sei das aber auch ein Zeichen dafür gewesen, dass bestimmte Sachen über Bord geworfen werden und eine ungewisse Zukunft bevor stehe.

Und das sind die Menschen in ihrem Alltag, wie sie Daniel Biskup fotografiert hat: die Jugend in den Clubs, Frauen bei der Arbeit im Friseur-Salon, Männer bei der dringend notwendigen Reparatur von Häuserdächern. Aber zum Alltag dieser Jahre gehört auch der Niedergang, allen großen Förderprogrammen zum Trotz: die unzähligen Firmen, die sich nicht mehr halten können, die Umweltverschmutzung der Chemie-Werke, deren Ausmaß erst jetzt ans Licht kommt, die bröckelnden Fassaden, an denen große Plakate Käufer anwerben sollen. Das Puppentheater hat dicht gemacht, Groß-Tankstelle und Commerzbank eröffnen bald. Eines der häufigsten Motive dieser Jahre: die wilden Schrottplätze mit alten Autos. Besonders anrührend: Ein Zettel hinter der verregneten Frontscheibe eines Trabbis: "Ich bin nicht kaputt – warte hier auf den TÜV – bitte nichts abbauen!"

© Daniel Biskup / www.salzundsilber.de

Aus dem Fotoband "Wendejahre" von Daniel Biskup

© Daniel Biskup / www.salzundsilber.de

Aus dem Fotoband "Wendejahre" von Daniel Biskup

© Daniel Biskup / www.salzundsilber.de

Aus dem Fotoband "Wendejahre" von Daniel Biskup

Die Menschen im Osten überrumpelt von den Ereignissen

"Das können wir uns im Westen nicht vorstellen, was da passiert ist," so Daniel Biskup, "Bei uns hat sich nichts geändert, aber der Osten musste alles von uns übernehmen, und niemand war darauf vorbereitet. Die meisten Menschen haben am 7. Oktober noch gedacht, das geht ewig so weiter in Ostdeutschland und auf einmal war das zu Ende. Und keiner konnte mit dieser Situation von heute auf morgen perfekt umgehen. Es gab vielleicht einige, die insgeheim irgendwann mal darauf gehofft hatten, dass es so kommen würde, aber die Mehrheit war überrascht, sie haben zwar gerufen "Kommt die D-Mark bleiben wir, kommt sie nicht, dann gehen wir!“, aber was das bedeutet, wenn die D-Mark kommt und von heute auf morgen das Unternehmen nicht mehr konkurrenzfähig ist und damit die Produkte nicht mehr verkauft werden können, diese Tragweite war keinem Menschen so richtig bewusst."

Die besondere Stärke des Fotobands: Daniel Biskup hat nicht nur in Berlin oder die anderen Großstädte fotografiert, sondern auch die Weihnachtsschmuck-Produktion in Seiffen oder die Proteste gegen die Schließung der Kaliwerke in Bischofferode. Interessant ist, dass von den 400 Fotos im Buch bisher nur fünf Bilder veröffentlicht wurden. Die Nachwendejahre standen bislang einfach nicht im Fokus, sagt Biskup.

Das Interesse an den Jahren nach der Wende wächst

Erst jetzt wird das Interesse größer, denn die Vermutung liegt nahe, dass in dieser Zeit manche Ursachen für aktuelle Entwicklungen in Ostdeutschland zu suchen sind. Das legen auch Daniel Biskups Fotos nahe. "Wie sollen wir es ohne Arbeit anpacken, Herr Kohl?" steht auf den Schildern der zahlreichen Entlassenen, Gekündigten und Weg-Rationalisierten auf unzähligen Demonstrationen dieser Jahre.

Auch das Gefühl, ein "Bürger zweiter Klasse?" zu sein, beschlich viele Menschen im Osten, erzählt Biskup: "Die Leute sind letztlich fremd im eigenen Land, sie sind wie Migranten. Denn nach der Wende galt das westdeutsche Lebensmuster, alles musste man vom Westen übernehmen um zu überleben. Man konnte nicht mit dem eigenen System weitermachen, das war ja gescheitert. Und dieses Scheitern des Systems ist oft auf die Menschen übertragen worden. Dadurch haben die Menschen gelitten, weil sie keine Anerkennung bekommen haben, ihre Biografien waren nichts wert, die Qualifikation mancher Studiengänge wurde ihnen abgesprochen und sie mussten weit unter Wert arbeiten und waren dann noch froh und glücklich, dass sie überhaupt einen Job bekamen." Eines der unscheinbarsten Bilder des Fotobands hat den vielleicht größten Symbolwert: Der Eingang zum "Klub der Werktätigen" in Chemnitz: Er ist mit Brettern verrammelt.

Tagebuch in Bildern

Daniel Biskups Fotoband ist eine Art Tagebuch in Bildern: der sogenannte Hauptstadtbeschluss, der Honecker-Prozess, die neuen Straßennamen, beschmierte Denkmäler, erste Aufmärsche rechter Gruppierungen, genauso wie die Demos gegen den Fremdenhass. Die Fotos zeigen ein Stück Zeitgeschichte, authentisch und unverblendet. Sie sind damit Dokumente von unschätzbarem Wert, die vielleicht wirklich manches verständlicher machen.

Der Fotoband "Wendejahre. Ostdeutschland 1990-1995" von Daniel Biskup ist bei Salz und Silber erschienen.

Daniel Biskup ist einer von vier Gästen bei "Gottschalk liest?", der neuen Literatursendung mit Thomas Gottschalk, die am 19. März um 22:00 Uhr im BR Fernsehen läuft.

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