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"Lesen tut bei verordneter Stillhaltung gut" | BR24

© Audio: Bayern 2/Bild: dpa (Bearbeitung: BR)

Lesen ist in Zeiten wie diesen die einzige Möglichkeit zu reisen, wenigstens im Kopf. Die Autorin Dagmar Leupold entdeckt für unser Corona-Tagebuch Lesestoff aus ihrem Bücherschrank neu – und findet schon bei Kleist alternative Pandemie-Fakten.

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"Lesen tut bei verordneter Stillhaltung gut"

Lesen ist in Zeiten wie diesen die einzige Möglichkeit zu reisen, wenigstens im Kopf. Die Autorin Dagmar Leupold entdeckt für unser Corona-Tagebuch Lesestoff aus ihrem Bücherschrank neu – und findet schon bei Kleist alternative Pandemie-Fakten.

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Dagmar Leupold ist eine Autorin, die sich in ihren Zeitungsartikeln und Essays, auch im Bayerischen Rundfunk, in gesellschaftliche Debatten einmischt. Sie gehört zu den wenigen Schriftstellerinnen, die Mitglieder der Bayerischen Akademie der schönen Künste sind, zuletzt erschien ihr Roman "Lavinia". Leupold, die in München lebt, leitet in Tübingen das Studio "Literatur und Theater", aber wie viele andere auch ist sie derzeit vor allem in ihrer Wohnung. Ihre hat immerhin einen Balkon, jenen kleinen Raum zwischen Innen und Außen.

Wer wie ich einen Balkon hat, der nicht zur Straße, sondern zu einer ganzen Serie von Innenhöfen und -gärten hinausgeht, für den wird das Gebot der Stunde – distanziert euch! – akustisch konterkariert. Wie in einem Amphitheater ist jeder Laut, auch der geflüsterte, im gesamten Rund wunderbar deutlich zu vernehmen. Ich habe Nähe-Erlebnisse der intimsten Art, Stimmen werden mir vertraut, deren Träger ich nicht kenne, auch nicht erkennen würde, träfe ich sie im Supermarkt um die Ecke oder in der Eisdiele zwei Straßen weiter. Man wird zum – ja, wie nennt man die akustische Analogie zum Voyeur? – zum Ohrenzeugen.

Zum Ohrenzeugen von Corona-Erziehungsstrategien ("Power dein Kind aus!"), von Beziehungskisten und -dramen ("Mich kannst du nicht streamen!") und hilflosen Trostversuchen einsamer Großeltern am Telefon ("Du hast doch immer so gern Puzzle gelegt!"). Neben den hörbaren Stimmen gibt es aber auch stumme Gesellschaft: Auf dem wackligen Balkontischchen liegen drei Bücher, spielerisch-wahllos aus dem Regal gezogen, nein, eigentlich entliehen, denn die eigenen Bestände werden in dieser Zeit verheißungsvoll unbekannt wie die einer öffentlichen Bibliothek.

Zuerst greife ich nach Walter Benjamins wunderbaren autobiografischen Skizzen "Berliner Kindheit um 1900", "Loggien" lautet der Titel des Texts, der den Auftakt macht: "Nichts kräftigte [meine Erinnerung] inniger als der Blick in Höfe, von deren dunklen Loggien eine […] für mich die Wiege war, in die die Stadt den neuen Bürger legte. […] Alles wurde mir im Hof zum Wink." Das Tröstliche an Balkonen ist hier genau erfasst, sie gehören einerseits dem intimen, privaten Bereich – Wiege – an und sind doch gleichzeitig Teil des öffentlichen Raums, gewissermaßen sein Aushang: für die Bürger der Stadt.

Überhaupt Lektüren. Gerade wird überall das Loblied aufs Lesen gesungen – nicht zu Unrecht. Ist doch Lesen mobile Immobilität beziehungsweise im Sitzen reisen. Und das tut bei so hochdosiert verordneter Stillhaltung ausgesprochen gut. Und über das Lesen (und Wiederlesen) erweist sich auch der eine oder andere literarische Text als Blaupause für das Pandemie-Geschehen und, nicht weniger wichtig, dessen politische Verwaltung. Ein Geschehen, das wir mangels Erfahrung als singulär und überwältigend erleben.

Ich schlage das zweite Buch auf, Heinrich von Kleists Theatertexte, blättere und stoße auf "Robert Guiskard", ein Fragment gebliebenes frühes Drama, das vom Heerführer der Normannen, eben jenem Robert Guiskard, berichtet, der Byzanz erobern will, wo längst die Pest wütet. Er selbst hat sich bereits angesteckt, verschweigt dies allerdings, gerüchteweise wird dennoch davon geraunt, die Soldaten sind beunruhigt: "Guiskard lachend: Vom Pesthauch angeweht! Ihr seid wohl toll, ihr! / Ob ich wie einer ausseh, der die Pest hat? / Der ich in Lebensfüll hier vor euch stehe? / Der seiner Glieder jegliches beherrscht / […] / Mein Leib ward jeder Krankheit mächtig noch. / Und wärs die Pest auch, so versichr' ich euch: / an diesen Knochen nagt sie selbst sich krank!"

Ein frühes Lehrstück in Sachen alternative Fakten. Die Sonne ist gewandert und beleuchtet das dritte Buch, "Mohn und Gedächtnis", von Paul Celan. Der Titel des Gedichts? "Corona". Mit diesen Versen endet es: "es ist Zeit, daß man weiß! / Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt, / daß der Unrast ein Herz schlägt. / Es ist Zeit, daß es Zeit wird. / Es ist Zeit."

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