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Lange waren sich deutsche Museen keiner Schuld bewusst, hatten sie westafrikanische Kunstwerke doch "legal" in London erworben. Doch die Objekte stammten aus britischer Kriegsbeute. Noch im April soll nun eine Lösung in der Rückgabe-Debatte her.

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"Da wollte man nicht ran": Debatte um Benin-Bronzen geht weiter

Lange waren sich deutsche Museen keiner Schuld bewusst, hatten sie westafrikanische Kunstwerke doch "legal" in London erworben. Doch die Objekte stammten aus britischer Kriegsbeute. Noch im April soll nun eine Lösung in der Rückgabe-Debatte her.

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Von
  • Peter Jungblut

"Die Kunsthistoriker waren fasziniert, die waren hingerissen, die haben gemerkt, die Objekte haben eine Qualität fast wie aus der europäischen Renaissance", so Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, über die erste Reaktion deutscher Fachleute beim Betrachten der westafrikanischen Benin-Bronzen: "Das ist Teil der Weltkunst heute und das sollte schon auch überall gezeigt werden. Aber welche Objekte und wie, klar, dass müssen wir jetzt gemeinsam mit den Nigerianern klären."

Es war eine Strafexpedition der britischen Truppen gegen das historische Königreich von Benin nach einer blutigen Niederlage. Am 18. Februar 1897 wurde die Hauptstadt erobert, die Soldaten der Kolonialarmee bedienten sich an den Kunstschätzen, vor allem Bronze-Figuren, und verkauften sie über London in alle Welt - rund 4000 Objekte. Ein Riesengeschäft, das jetzt vielen Museen schwer im Magen liegt.

"Prüfstein für den Umgang mit Kolonialismus"

Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters spricht gegenüber dem BR von einem "Unrechts-Kontext": "Der Umgang mit den Benin-Bronzen ist ein Prüfstein für den Umgang Deutschlands mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten, ganz generell. Das gilt für das Humboldt Forum, das wir demnächst für das Publikum eröffnen werden, aber das gilt natürlich auch für die anderen betroffenen Museen, die in der Trägerschaft von Bund, Ländern und Kommunen liegen. Es ist meines Erachtens wichtig, dass wir im intensiven Dialog mit den Herkunftsgesellschaften zu einer gemeinsamen Strategie kommen, die selbstverständlich auch Restitutionen einschließen sollte."

© Andre Held/Picture Alliance
Bildrechte: Andre Held/Picture Alliance

Widder-Figur aus Benin-City

Die einen sagen, an den Benin-Bronzen klebe Blut, es sei eindeutig Raubkunst, so die engagierte Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy. Es gibt aber auch Experten, die darauf verweisen, dass das Königreich Benin alles andere als friedlich gesinnt war, dort Hinrichtungen und Menschenopfer üblich gewesen seien. Täter und Opfer wären demnach nicht so ohne Weiteres auseinander zu halten. So die Göttinger Ethnologin Britta Hauser-Schäublin.

Und in Nigeria gab es lange Zeit wenig Interesse am Erbe von Benin-City: "Es war ja nicht so, dass die Gegenseite jährlich angeklopft hätte", so Hermann Parzinger. Nach der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten in den fünfziger und sechziger Jahren habe es zwar frühe Bestrebungen gegeben, geraubte Kunstwerke zurückzufordern, doch das sei dann "eingeschlafen".

"Gebt uns diese Objekte zurück"

Doch schon vor einigen Jahren forderte der nigerianische Museumschef Theophilus Umogbai in einem Interview mit der Deutschen Welle die Bronzen zurück: "4000 Objekte wurden 1897 geraubt, das ist ziemlich genau die Anzahl, die heute in Europa ist. Auch, wenn später vielleicht einige Objekte legitim erworben wurden, kann man doch nicht weg diskutieren, dass die große Mehrheit durch den Raub nach Europa kam. Gebt uns diese Objekte zurück, dann können wir meinetwegen auch über die Bronzen sprechen, die angeblich keine Raubkunst sind."

Es wurde viel geredet, wenig getan. Stattdessen sollte das Berliner Humboldt Forum im dortigen neu aufgebauten Stadtschloss mit einer Ausstellung eröffnet werden, in der auch Benin-Bronzen zu sehen gewesen wären. Ein Unding, so Kritiker, und ein Armutszeugnis für den deutschen Umgang mit dem Kolonialismus. Und selbst Jan Böhmermann wurde in seiner Satire-Show im ZDF aufmerksam: "Die Benin-Bronzen sind ganz klar geklaut, es ist Raubkunst, aber statt dass wir sie zurückgeben, stellen wir sie uns ins Museum, demnächst im Humboldt Forum, in unserem alten, neuen Berliner Schloss. Ein Schloss, das beweist, wir Deutsche können alles, sogar die Geschichte rückgängig machen, es sei denn, jemand bittet uns, geklaute Sachen zurückzugeben, dann können wir die Geschichte leider nicht rückgängig machen, aber immerhin gibt es da einen Raum der Stille im Museum, da kann man sich reinsetzen und über die Kolonialzeit mal gemeinsam schweigen."

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Herausragende Kunst: Kopf einer Benin-Bronze

Nun hat sich kein Geringerer als Außenminister Heiko Maas eingeschaltet und die Rückgabe der Benin-Bronzen diplomatisch, aber ziemlich deutlich angeregt. Wollte er auf die Museen Druck ausüben? Darunter sind immerhin Häuser in Hamburg, Stuttgart, Dresden und Leipzig. Und natürlich Berlin, wo der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, sich durch die Intervention der Bundesregierung nicht gemaßregelt fühlt: "Ich glaube nicht, dass der Außenminister damit beabsichtigt hat, den Museen Beine zu machen. Es ist so, dass ich vor einigen Wochen selbst die Aussage gemacht habe, dass es zu Rückgaben kommen wird. Wir sind zu Rückgaben bereit, es ist natürlich was anderes, wenn das der Außenminister sagt. Wir freuen uns ja, weil wir das ohne die Politik nicht können, wir können das ja nicht alleine entscheiden."

"Moralisch zählt das heute nicht mehr"

Die Universität Aberdeen fühlte sich mit einer Königsstatue aus Benin nicht mehr wohl und kündigte gestern die Rückgabe an. Hermann Parzinger verweist darauf, dass es eher um Moral als um Rechtsfragen geht: "Nach damaligen Verständnis sind die natürlich rechtmäßig erworben worden, weil Deutsche ja nicht bei den Plünderungen dabei waren, sondern man hat das auf dem Kunstmarkt in London erworben. Klar, moralisch zählt das heute nicht mehr. Das ist für uns ein Unrechts-Kontext, aber in diesen Gesprächen wird man gemeinsam eine Lösung finden, da bin ich vollkommen sicher, und natürlich werden wir nicht irgendwas 'großzügig' zurückgeben, so dass sich die Gegenseite damit abfinden müsste."

Museen wollen sammeln, nicht abgeben, das ist überall in der Welt so. Und auch Hermann Parzinger gibt freimütig zu, dass seine Vorgänger gern und hartnäckig abgewiegelt haben, wenn es um die Forderung nach Rückgaben ging: "Natürlich war vor vierzig Jahren die Haltung eine andere von deutschen und europäischen Museumsverantwortlichen. Das war für die ein Thema, da wollte man nicht ran, das hat man abgeblockt, für die war das klar. Auch mit Argumenten, die man heute keinesfalls mehr teilen würde, nach dem Motto, das würde dem neuen Nationalismus in den jungen, afrikanischen Staaten in die Hände spielen, sie könnten sich um die Objekte ja gar nicht kümmern, solche Argumente würde man heute keinesfalls mehr vorbringen."

Auch Weltkunst hat eine Heimat

Monika Grütters kündigte gegenüber dem BR an, dass sie noch im April die betroffenen Museumschefs und die zuständigen Landesminister zusammenrufen will, um über eine gemeinsame Position zu beraten. Da dürfte dann auch Thema sein, wie Nigeria geholfen werden kann, angemessene Ausstellungsräume für die Kostbarkeiten zu bauen. Immerhin geht es um Weltkunst, die überall ihren Platz, aber eben auch eine Heimat hat.

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