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Da steppt das Känguru: "Ball im Savoy" in Nürnberg | BR24

© Bettina Stöss/Staatstheater Nürnberg

Daisy Parker und ihr "Orientale"

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Da steppt das Känguru: "Ball im Savoy" in Nürnberg

Eine Frau übt Revanche und geht öffentlich und demonstrativ fremd, weil ihr Mann untreu ist. Paul Abraham scheute in seiner jazzigen Erfolgs-Operette von 1932 keine Tabus. In Nürnberg gelingt eine rasante Sause mit Travestie und "unkorrektem" Humor.

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Früher sagten sich die Feierbiester: Ein Modetanz, den der Vatikan verbietet, der kann nicht ganz schlecht sein. Das erklärt den Siegeszug des Foxtrott, aber auch anderer tierisch unterhaltsamer Rhythmen, wie etwa den Horsetrott, den Turkeytrott, den Bunny Hug, den Grizzly Bear und den Känguru-Hop. Alles Tänze, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg in den USA entstanden und in den zwanziger Jahren nach Europa kamen, wo diese Ragtime- und Jazz-Nummern endlich den betulich gewordenen Walzer ablösten. Begeistert und inspiriert vom amerikanischen Schwung, war der ungarische Komponist Paul Abraham damals in Berlin der Mann der Stunde: Hoch bezahlt, sensationell erfolgreich, auch mit seinem rasanten "Ball im Savoy".

© Bettina Stöss/Staatstheater Nürnberg

La Tangolita (Andromahi Raptis) sorgt für Verwirrung

"Tierisch" lustige Sause mit Känguru

Sein Pech: Die Operette kam 1932 heraus, kurz bevor die Nazis an die Macht kamen und Jazz-Tänze mit wesentlich mehr Entschlossenheit als der Vatikan bekämpften. Welch furiose Unterhaltungs-Tradition damit in die Brüche ging, wie viele hoffnungsvolle Künstlerleben dadurch zerstört wurden, das wurde einmal mehr gestern Abend bei der umjubelten Premiere von "Ball im Savoy" am Staatstheater Nürnberg deutlich. Regisseur Stefan Huber, Choreograph Danny Costello und Dirigent Volker Hiemeyer wuchteten einen fast dreistündigen, herrlich unkorrekten, temporeichen und prickelnden Schabernack voller Wortwitz auf die Bühne, eine wirklich "tierisch" lustige Sause, in der natürlich auch der Känguru-Hop seinen Platz hatte.

Gebetsteppich als Einsteck-Tuch

Klar, Humor ist Geschmackssache, nicht jeder findet Männer als strassbehängte Bauchtänzerinnen unterhaltsam, genauso wenig wie Türken-Parodien, bei denen der islamische Gebetsteppich als dekoratives Einstecktuch mit Fransen dient. Und auch an der hier gezeigten Travestie dürften sich die Geister scheiden: Die fernsehbekannten Geschwister Pfister besetzten die Hauptrollen. Ursli alias Christoph Marti spielt die quirlige Jazz-Komponistin Daisy Parker, Andreja Schneider ist als übergewichtiger osmanischer Diplomat namens Mustapha Bei zu sehen. Tobias Bonn gibt den frivolen Marquis, der zwar frisch verheiratet ist, aber trotzdem am ersten Tag nach seinen zwölfmonatigen Flitterwochen mit einer Geliebten im Séparée verschwindet. Ergänzt wird dieses fulminante Trio von Musical-Darstellerin Frederike Haas.

© Bettina Stöss/Staatstheater Nürnberg

Ehe-Probleme (Frederike Haas, Andreja Schneider)

Hier funktionieren die Gags und der Wortwitz

Schauspielerisch und tänzerisch ist das in jeder Hinsicht überzeugend, stimmlich wird trotz Mikrofonen vor allem bei den Geschwistern Pfister deutlich, dass hier keine ausgebildeten Operetten-Sänger am Werk sind. Das schmälerte den Erfolg jedoch in keiner Weise, im Gegenteil. Wie oft radebrechen sich deutsche und nicht-deutsche Sänger durch Sprechtexte, die dadurch jeden Witz verlieren! Hier funktionieren die Gags des Librettos der beiden damaligen Superstars Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald, hier stimmen Timing, Ironie, Blickkontakte und Anspielungen: "Eine Null mehr auf dem Scheck, und die Frau ist weg!". Die Pfisters sind eben gestählt auf Varieté-Bühnen und spielen nicht vor, sondern mit dem Publikum. Eine zu Recht mit ausgelassenem Beifall gewürdigte Gesamtleistung! Timo Dentler und Okarina Peter hatten einen Art-Deco-Salon der 1930er Jahre entworfen: Vier üppige, faltenreich bespannte weiße Säulen, die Grand-Hotel-Atmosphäre verbreiteten, was durch Bauhaus-Lüster noch betont wurde.

© Bettina Stöss/Staatstheater Nürnberg

Daisy Parker (Christoph Marti) wird umschwärmt

Sorgsam rekonstruierte Original-Fassung

Danny Costello hatte als Choreograph alle Mitwirkenden in richtige Champagner-Seligkeit versetzt, nicht nur das Tanzensemble, auch den bestens gelaunten Chor. Der versprühte soviel Lebensfreude, dass der Flitterregen am Ende fast schon überflüssig wirkte. Gut, dass Paul Abraham seit ein paar Jahren wieder präsent ist auf deutschen Spielplänen, und zwar nicht mit weich gespülten, verfälschten Partituren aus der Nachkriegszeit, sondern in sorgsam rekonstruierten Original-Fassungen. Die traurige Ironie: im Exil in Amerika fiel er trotz seiner Liebe zum Jazz beim dortigen Publikum durch und landete in der Nervenklinik. Er soll dort mit weißen Handschuhen ein unsichtbares Orchester dirigiert haben.

Wieder am 23. und 27. Januar 2019, weitere Termine.

© Bettina Stöss/Staatstheater Nürnberg

Daisy Parker lüftet ihr Geheimnis

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Weitere Information zur Verweildauer

© BR

Dass Operetten einmal sehr witzig, politisch, frech, erotisch und musikalisch äußerst komplex sein konnten, zeigt eine Premiere heute Abend in Staatstheater Nürnberg. "Ball im Savoy" - des jüdischen Komponisten Paul Abraham.