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Cyrill Lachauer im Haus der Kunst: Landerkundungen im Bunker | BR24

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Ausstellung im Haus der Kunst: "I am not sea. I am not land" – Multimediakünstler Cyrill Lachauer erkundet das Wechselverhältnis von Mensch und Natur

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Cyrill Lachauer im Haus der Kunst: Landerkundungen im Bunker

"I am not sea, I am not land": Im Haus der Kunst in München erkundet Cyrill Lachauer das Wechselverhältnis von Mensch und Natur. Seine Multimediainstallation zeigt, dass es Umwelt in unendlichen Schattierungen gibt. Aber niemals ohne uns.

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Er halte Natur für eine Erfindung, erklärt Cyrill Lachauer im Gespräch, nur wenige Meter neben dem Eingang zum Bunker unterm Haus der Kunst, in dem seine Großinstallation "I am not sea, I am not land" zu sehen ist. Die erste Einzelausstellung, die an diesem Ort überhaupt gezeigt wird. Und Lachauer ist noch nicht fertig: "Diese Trennung von Mensch und Natur, diese Vorstellung, dass das zwei verschiedene Entitäten sind – das ist doch komisch?!"

Lebendige Landschaften

Und weil der Künstler das komisch findet, ist es auch nicht seltsam, dass das erste Bild seiner Installation, die doch eigentlich Landerkundungen verspricht, beides verwirrt: Mensch und Natur, Körper und Klippen. Die zwei Jungs, die Cyrill Lachauer fotografiert hat, so dass Schultern und Kinn kantig in den Himmel ragen, sehen aus wie Felskörper.

Das ist der Auftakt zu einer Multimediasause in Text, Ton, Fell, Film und Bild. Verteilt auf dreizehn Räume erkundet Lachauer das Wechselverhältnis von Mensch und Natur; fragt danach, was Landschaft eigentlich ist oder sein kann. Kleiner Spoiler: Ohne uns, ist sie nichts, noch nicht einmal denkbar.

© Cyrill Lachauer

Spurensucher: Cyrill Lachauer beobachtet das Zusammen von Mensch und Natur

Kein Land ohne Leute

Die Filmprojektion, die im ersten Raum über die Wand flimmert, entwirft das passende Symbolbild dazu. Ein visuelles Gedankenexperiment: Lachauer hat einen alten Dokumentarfilm neu geschnitten, hat sämtliche Szenen entfernt, in denen Menschen zu sehen waren. Was bleibt, sind die Bilder entvölkerter Küsten: Gischt und Gestein, grau in grau, ununterscheidbar, monolithisch. Wo der Mensch fehlt, löst sich auch die Umwelt auf, verliert ihre Bestimmung, verwässert im Ozean.

Konsequenterweise sind Lachauers Landschaftsbilder, entstanden auf Reisen durch Brasilien, Rumänien, Amerika oder Brandenburg, nie menschenleer. Mindestens ihre Spuren sind sichtbar. Das habe auch mit seinem Arbeitsprozess zu tun, erklärt Lachauer. Unterwegs treffe er immer wieder Menschen, die seine Landerkundungen begleiten würden: "Häufig sind das Leute, die ich dann immer wieder treffe und die immer wieder eine Rolle spielen in meinen Arbeiten. Die tauchen mal in einem Text auf, dann komme ich in zwei Jahren wieder und mache ein Foto, dann treffe ich mich mal so, ohne dass wir irgendwas machen. Also, das ist teilweise schon ein längerer Prozess. Aber natürlich sind sie in den Filmen dann auch Stellvertreter für etwas, einen bestimmten Zugang zur Natur etwa."

Beobachten reicht nicht

Cyrill Lachauer, immerhin studierter Ethnologe, hat die Brille des Feldforschers nie abgesetzt. Auch wenn inzwischen Kunst draufsteht. Seine Arbeiten interessieren sich für das Allgemeine im Besonderen; dafür, was das Weltverhältnis seiner Protagonisten ausmacht; für die Umwelten, die sie durch ihr Verhalten erst gestalten; und die er durch ihre Augen erst entdecke, so Lachauer. Nur zu beobachten, sich hinter der Kamera zu verstecken, reiche da nicht aus.

"Ich glaube schon, dass man den Dialog braucht, um Sachen aufzubrechen", so Lachauer weiter. Also ich komme ja auch mit einer Idee an und die verändert sich dann ganz stark beim Unterwegssein, weil ich ja dann in dem Erfahrungsraum diesen Leuten, Landschaften und Orten ausgesetzt bin."

© Cyrill Lachauer

Trapperflair in Brandenburg: Cyrill Lachauer begleitet den Exil-Amerikaner Barrit bei seinen Waldspaziergängen

Da ist etwa dieser Laubwald, durch den ein Mann in Jeans und Wildlederjacke stapft, ziellos aber revierbewusst. Überrascht liest man, der Wald befinde sich in Brandenburg. Dieser Mann, Barrit, den Lachauer mit der Kamera verfolgt, hat etwas anderes daraus gemacht: nordamerikanische Wildnis, ein Disneyland für Trapper.

Eine andere Geschichte erzählen die Hände jenes südafrikanischen Diamantsuchers, der den Mienenschutt nach Edelsteinen durchkämmt. Eine prekäre Existenz, die Lachauer in einer beinah zärtlichen Szene einfängt. Hier wird der Boden zur Quelle des Überlebens, vielleicht sogar des Reichtums. Und die Finger, die ihn geschickt, fast tänzerisch durchsieben, zu Instrumenten einer Beschwörung, geeignet ihm sein Geheimnis zu entlocken.

© Cyrill Lachauer

Der Erde so nah: Diamantsucher bei der Arbeit

Gezielte Verfremdungen

Klar, das kitscht gewaltig. Die Gefahr, dem eigenen Blick aufzusitzen beim Schauen solcher Szenen ist unmittelbar spürbar. Eine Gefahr, die natürlich auch den Künstler selbst betrifft. Seine eigene, weiße, westliche Perspektive sei ihm natürlich bewusst, stellt Lachauer klar. Und damit auch, das Repräsentationsproblem, das seine Arbeiten aufwerfen.

Lachauer begegnet ihm durch gezielte Verfremdungen, Irritationen, die den auf den ersten Blick dokumentarischen Charakter seiner Arbeiten brechen. Manche seiner Videos unterlegt er etwa mit Clubmusik. Eines zeigt einen Mann in Bärenkostüm, der zu technoiden Sounds auf einer Waldlichtung umherhopst. Ein altes, ostrumänisches Fruchtbarkeitsritual. In Kombination mit der Musik scheint es jedoch wie gemacht für die Katakomben unterm Haus der Kunst, diesen langgezogenen Schlauch, der auch einen Club beherbergen könnte.

© Cyrill Lachauer

Tanzender Bär und Technosounds: "The Rain Dancer" von Cyrill Lachauer

Das ist ein starker Moment, der klar macht: Hier is nix mit Authentizitätskitsch! Auch Lachauer inszeniert, seine Feldforschungen tragen den Stempel des Fiktiven. Das macht sie nicht unwahr. Im Gegenteil: Es hält ihre Interpretation in der Schwebe. Und es versetzt den Besucher dieser schillernd vielschichtigen Installation in eine ähnliche Position, wie sie auch der Künstler bei seinen Recherchen einnimmt: einen Zustand permanenter Annäherung.

Die Installation "I am not sea, I am not land" von Cyrill Lachauer ist eine Kooperation mit der Sammlung Goetz und kann noch bis zum 11. April 2021 im Bunker unterm Haus der Kunst in München besichtigt werden.

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