Bildrechte: Website Wilco / CREDIT: Jamie Kelter Davis

Artisten im Studio: Mitglieder von Wilco posieren für Promo-Foto.

  • Artikel mit Audio-Inhalten

Crashkurs fürs Songwriting: Coole Tipps von Jeff 'Wilco' Tweedy

Auch Barack Obama outete sich als Fan der Chicagoer Rock-Band "Wilco". Deren Mastermind Jeff Tweedy hat nach einer Autobiographie nun ein Buch über das Songwriting geschrieben. Übersetzt hat diese "Lebenshilfe" der Münchner Philip Bradatsch.

Wie so etwas wohl entsteht? So ein Lied, Traumgebilde aus einer anderen Welt, Anrufung des Unbekannten? Songs sind Wort-Musik-Gespinste, die literarisch in die Abteilung Lyrik gehören, Geistersprache sind sie, wie Gedicht, Gebet, Fluch und Zauberspruch. Ein Song ist Gefäß für mündliche Literatur. Nur wie man so etwas erfindet oder schreibt, bleibt ein Rätsel. Gut, dass Jeff Tweedy, Kopf und Stimme von Wilco, der mit Grammy bedachten Alternative-Band, nun in einem Buch Auskunft gibt über das Metier. Tweedy, Chicagos guter Mensch von nebenan, weiß, wovon er spricht.

Philip Bradatsch hat das Buch übersetzt. Der Münchner Gitarrist, selbst Songschreiber, ist also Fan und vom Fach. Er hat Tweedys bewusst kumpelige Sprache in ein leicht dahinfließendes Deutsch gebracht, was der Sache entgegenkommt. Denn: Musikerinnen und Musiker, die selbst schreiben wollen, müssen erst einmal Hürden und Hindernisse nehmen, was Selbstwertgefühl und überhöhte Ansprüche angeht. Ins Liedermachen wird zu viel hinein geheimnist, weiß Tweedy.

Zwischen Kunst & Handwerk

Es verdankt sich nämlich nicht einem Musenkuss oder ist gar ein Göttergeschenk, songwritig hat viel mit schnöder Arbeit zu tun, die in den Alltag eingepasst werden will. Sprich: Dem kreativen Prozess muss Raum gegeben werden im Leben. Philipp Bradatsch erklärt: "Was ich auch ganz toll finde an dem Buch, ist, dass er auch ganz viel darüber schreibt, dass der Prozess des Songschreibens viel wichtiger ist als der fertige Song. Dass man sich wie ein Kind mit seinem Malblock für ein paar Stunden in einer anderen, vielleicht unterbewussten Welt verliert.

Tweedy erzählt locker wie ein Typ, den man abends an der Theke einer Kneipe trifft, was zu beachten hat, wer einen Song schreiben will - oder besser mehrere. So empfiehlt er, wenn es an Inspiration mangelt, Wortreihen aus unterschiedlichen Bedeutungsfeldern zu kombinieren. Was schwieriger klingt, als es ist. Er erklärt, gibt Tipps, verrät Kniffe und Tricks, wie etwa den, sich in andere Figuren hinein zu versetzen. So fiel ihm, als er seinen Kindern zum Einschlafen vorlas, auf: "Fast alle Kinderbücher sind aus der Sicht von Tieren oder Dingen geschrieben, wie zum Beispiel Raupen oder Zügen. Also fing ich an Songs zu schreiben, in denen ich ebenfalls den Standpunkt von Tieren einnahm."

Die Erzähl-Perspektive zu bedenken, kann – nicht erst seit David Bowie Erzähl-Figuren wie Ziggy Stardust schuf – ein Dreh sein für Songschreiberinnen und Songschreiber. Übersetzer Bradatsch sieht andere Stärken in Tweedys Leitfaden: "Ich hab fast schon das Gefühl, ich will jetzt nicht sagen Lebenshilfebuch, aber es geht ja auch ganz viel darum, dass Jeff Tweedy versucht, den Leuten nahezubringen, dass sie einfach kreativ sein sollen und dass sie mit ihrem Leben machen sollen, was sie eben gerne machen würden. Versuch Dich in diesem Prozess zu verlieren – das ist für mich eigentlich die wichtigste Aussage von dem Buch."

Blick in Songschreiber-Werkstatt

Tweedy verrät, wie er selbst arbeitet, wie er sich täglich ins Studio begibt, um hier Aufnahmen und Notizbücher durchzusehen, wie er gezielt nach Material forscht, aus dem sich eventuell Funken schlagen lassen. Das Buch kommt insofern einem vergnüglichen Crash-Kurs in Songwriting gleich, es erlaubt Einblicke in die ansonsten verschlossene Werkstätte eines erfahrenen Songschmieds, der für Lebensnähe und Direktheit plädiert.

"Wie schreibe ich einen Song?" - Jeff Tweedys kurzweiliger Ratgeber ist überaus lesenswert, nicht nur für Leute, die jetzt Lied-, Rap-Texte oder Balladen schreiben wollen, sondern auch für Wilco- und Tweedy-Fans. Denn der Leser erfährt einiges über den Künstler und Menschen Tweedy, seine Schreib-Blockaden und sein unerschütterliches Down-To-Earth-Bewusstsein. Es half ihm, schwere Krisen zu überstehen.

Jeff Tweedy - Wie schreibe ich einen Song, übersetzt von Philip Bradatsch, Heyne hardcore 2022, 160 Seiten, 19 Euro.

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!