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"Corpus Delicti" an der Schauburg: Die Diktatur der Gesundheit | BR24

© Judith Buss/ Schauburg München

Der Alptraum einer perfekten Welt: "Corpus Delicti" an der Schauburg München

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"Corpus Delicti" an der Schauburg: Die Diktatur der Gesundheit

Ein gesundes Leben gegen totale Kontrolle: Julie Zeh beschreibt in ihrem Stück "Corpus Delicti" die Horror-Vision einer Gesundheitsdiktatur. Jetzt zeigt die Schauburg München diese Dystopie, in der beseitigt wird, wer Risiken eingeht.

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"Mitten am Tag. Mitten in der Stadt. In der Mitte des 21. Jahrhunderts. Dort beginnt unsere Geschichte. In einer Welt, in der die Gesundheit des Körpers das höchste Gut ist. Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik", heißt es zu Beginn dieses Theaterabends in der Schauburg München.

Deutschland im Jahr 2057. Der gesunde Menschenverstand hat gesiegt. Genforschung, medizinische Früherkennung und strenge Hygiene-Gesetze verhindern sogar den Ausbruch von Erkältungen. Dieser fiktive Staat, den Juli Zeh in "Corpus Delicti" beschreibt, wird von der unfehlbaren "Methode" regiert: "Die Methode ist eine Art Gesundheits-Diktatur," erklärt Regisseurin Ulrike Günther, "in der der Staat den Menschen verspricht, dass sie ein sehr langes, störungsfreies, schmerzfreies Leben haben. Und dafür willigen die Menschen ein, dass sie sich bis aufs Kleinste kontrollieren lassen."

In den Fängen des Staats

Ulrike Günther hat Juli Zehs Theaterstück für die Münchner Schauburg inszeniert, die Geschichte um die Protagonistin Mia Holl, die ihren Bruder Moritz an das totalitäre System verloren hat. Moritz liebte die Natur und genoss das Leben, samt Alkohol, Nikotin und Koffein – und wurde so zum Staatsfeind Nummer 1. Bald gerät auch Mia selbst in die Fänge der "Methode".

© Judith Buss/ Schauburg München

Gesundheit über alles: Janosch Fries, Julia Schmalbrock und David Benito Garcia in "Corpus Delicti" an der Schauburg München

Die Bühne ist ein steriler, weißer Tempel. Ein Ort der Macht. Die Seiten werden von vier Glaskästen flankiert, in denen sich eingefrorene Menschen befinden, die der Diktatur zum Opfer gefallen sind – ihre Körper scheinen noch intakt, nur der staatsfeindliche Geist ist längst aus ihnen gewichen. "Mens sana in corpore sano" prangt als Schriftzug über allem – nur in einem gesunder Körper wohnt auch ein gesunder Geist. Das ist das Credo der unfehlbaren "Methode".

Mittel totalitärer Herrschaft

Juli Zeh hat "Corpus Delicti" 2007 im Auftrag der Ruhrtriennale geschrieben. Das Stück war eine Parabel auf die verschärfte Sicherheitspolitik auch in Deutschland nach den Terroranschlägen in den New York, Madrid und London. Sicherheit und Gesundheit – dagegen ist ja erst einmal nichts einzuwenden. Doch was geschieht, wenn diese absolut gesetzt und nur noch als Vehikel einer totalitären Herrschaft benutzt werden? Das will Dramatikerin Juli Zeh in "Corpus Delicti" offenlegen, sagt Ulrike Günther: "Der Stoff ist sehr zeitlos, weil es nicht nur darum geht, einen Gesundheitsstaat als Zukunftsvision darzustellen, sondern jegliche Form von totalitärem System. Deswegen ist das total interessant, auch heute und gerade für Jugendliche."

Die Kriminalgeschichte "Corpus Delicti" ist eine beliebte Schullektüre: Herausfordernd und vielschichtig. Große Fragen, keine einfachen Antworten. Eine Dystopie, die in Zeiten der Digitalisierung noch einmal richtig Fahrt aufnimmt.

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