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"Corpus Christi" ist auch ohne Oscar eine Wucht | BR24

© Bayern 2

Der polnische Regie-Shooting-Star Jan Komasa ging mit seinem Hochstapler-Drama im Kampf um den Auslands-Oscar leer aus. Die wahre Geschichte um den Ex-Sträfling Daniel, der sich monatelang als Priester ausgibt, hätte den Preis aber verdient gehabt.

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"Corpus Christi" ist auch ohne Oscar eine Wucht

Der polnische Regisseur Jan Komasa ging mit seinem Hochstapler-Drama im Kampf um den Auslands-Oscar leer aus. Die Geschichte um den Ex-Sträfling Daniel, der sich monatelang als Priester ausgibt, hätte den Preis aber verdient gehabt.

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"Jeder von uns ist ein Priester Jesu": Das lernt der 20-jährigen Daniel im Jugendgefängnis. Und es macht ihm Hoffnung, dass es eine Zukunft gibt für ihn, wenn er schon bald aus dem von Gewalt und Unterdrückung geprägten Arrest entlassen wird. Warum der Protagonist des polnischen Dramas "Corpus Christi" eine Freiheitsstrafe verbüßen muss, bleibt lange Zeit ungewiss. Was das Publikum jedoch schnell lernt, ist, dass Daniel von seiner Vergangenheit verfolgt wird und dass christliche Läuterung allein keinen Neuanfang bedeutet.

Manchmal allerdings sind die Wege des Herrn absolut unergründlich. Und so landet Daniel kurz nach seiner Entlassung in einer abgelegenen Gemeinde und wird am Tag nach seiner Ankunft zum Dorfpriester ernannt.

Keine Feel-Good-Komödie

Auf dem Filmplakat von „Corpus Christi“ sieht man einen strahlenden jungen Pfarrer vor lachenden Gemeindemitgliedern. Auch wenn die Szene tatsächlich vorkommt – man sollte nicht dem Trugschluss erliegen, dass es sich hier um eine Feelgood-Komödie in der Tradition von „Sister Act“ handelt.

Denn das Interesse von Regisseur Jan Komasa und seinem Drehbuchautor Mateusz Pacewicz gilt psychologischen und gesellschaftlichen Aspekten. Einerseits beleuchten sie den realen Hintergrund ihres Films und ergründen die Frage, wie ein ganzes Dorf auf einen jungen Mann hereinfallen kann, der sich als Priester ausgibt – eine Geschichte, die sich im Jahr 2011 in der kleinen Gemeinde Budziska wirklich zugetragen hat und in den Jahren darauf in Polen eine kleine Trittbrettfahrer-Welle losgetreten hat.

Guter Priester, böser Priester?

Im fiktiven Part der Handlung ergründen die Filmemacher andererseits einen ganzen Fragekatalog rund um die Themen Schuld und Sühne, Bigotterie und Vergebung. Zentrale Figur ist der Straftäter Daniel. Er will sein altes Leben hinter sich lassen, will nicht nur etwas darstellen und ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft sein, sondern wirklich Relevantes leisten. Auch wenn manche ihm den Bruch mit den Traditionen nachtragen: Seine unkonventionelle Denkweise öffnet dem falschen Pfarrer den Weg in die Gemeindeherzen. Er predigt nicht von oben herab, sondern lässt seine eigenen Erfahrungen in das Gespräch mit den Gläubigen einfließen.

© Arsenal Filmverleih

Daniel (BARTOSZ BIELENIA) beim feiern.

Statt fünf Ave Maria und zehn Vater Unser verordnet er nach der Beichte etwa einen gemeinsamen Fahrradausflug, damit eine überforderte Mutter die Beziehung zu ihrem aufsässigen Zwölfjährigen auffrischt. Mit anderen Gemeindemitgliedern, die bei einem tragischen Autounfall ihre Kinder verloren haben, praktiziert er auf offener Straße die im Gefängnis erlernte Urschreitherapie.

"Vergib mir Vater..."

In dieser Nebenhandlung offenbart sich ein dunkles Geheimnis der Dorfbewohner. Nach und nach findet Daniel heraus, dass auch die Christlichsten unter den Gemeindemitgliedern das Prinzip der Nächstenliebe nicht zwingend befolgen. Seine Mission ist fortan, ihnen den Weg zur Vergebung zu weisen.

© Arsenal Filmverleih

Daniel (BARTOSZ BIELENIA) tanzt mit der Dorfgemeinschaft.

Der Pfad wiederum, auf den Regisseur Komasa und sein Drehbuchautor ihren Protagonisten schicken, ist lang, steinig und schmerzhaft. Und er brennt sich nicht nur der Filmfigur, sondern auch dem Betrachter nachhaltig ins Gedächtnis. Denn am Ende wird Daniel tatsächlich für viele zum Erlöser – und nimmt dafür, seinem biblischen Vorbild ähnlich, in einer wuchtigen Schlusssequenz das Opfer in Kauf, seinem Schicksal nicht entkommen zu können.

"Corpus Christi" läuft ab dem 03. September im Kino.

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