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Verteilung eines Corona-Impfstoffes wirft ethische Fragen auf | BR24

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Auch wenn der Termin für die Markteinführung noch nicht feststeht - ein Impfstoff gegen das Corona-Virus ist in greifbarer Nähe. Doch es gibt ein ethisches Dilemma: Das Serum reicht nicht für alle. Wer wird zuerst geimpft?

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Verteilung eines Corona-Impfstoffes wirft ethische Fragen auf

Auch wenn der Termin für die Markteinführung noch nicht feststeht - ein Impfstoff gegen das Corona-Virus ist in greifbarer Nähe. Doch es gibt ein ethisches Dilemma: Das Serum reicht nicht für alle. Wer wird zuerst geimpft?

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Von
  • Barbara Schneider

Pharmakonzerne weltweit arbeiten mit Hochdruck daran, Impfstoffe gegen das Coronavirus zu entwickeln. Doch schon jetzt ist klar: Wenn es einen Impfstoff gibt, wird er zu Beginn nicht für alle reichen. Der Staat steht vor einem ethischen Dilemma.

Wer bekommt den Corona-Impfstoff zuerst?

Wer bekommt das Serum zuerst, wer muss warten? Das Recht differenziert da nicht. Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, sagt die Göttinger Medizinethikerin Claudia Wiesemann: "Wir haben alle gemeinsam als Individuen und Personen in dieser Gesellschaft einen Anspruch auf den Schutz des Staates unsrer Integrität und unseres Lebens."

"In dieser Hinsicht darf der Staat eigentlich keine Unterschiede machen, etwa durch eine priorisierte Vergabe von Impfstoffen." Medizinethikerin Claudia Wiesemann

Dennoch muss der Staat priorisieren. 83 Millionen Menschen in Deutschland zu impfen, ist allein logistisch nicht möglich. Soviel Impfstoff wird es nicht sofort geben. Deshalb machen sich Wissenschaftler schon heute Gedanken darüber, wie eine gerechte und rechtlich einwandfreie Verteilung des Impfstoffs aussehen könnte.

Risikopatienten und systemrelevante Berufe bevorzugen?

Dabei geht es vor allem darum, wer den Impfstoff am nötigsten braucht, sagt Claudia Wiesemann, die das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Göttingen leitet. Auf der einen Seite sei es naheliegend, diejenigen auszuwählen, die ein sehr hohes Risiko haben, ernsthaft zu erkranken und auch tatsächlich zu versterben, sagt Wiesemann. Andererseits könne man überlegen, "ob nicht vielleicht gerade die Personen, die selbst ein sehr hohes und zwar unvermeidbares Risiko eingehen, diese Erkrankung auf sich zu ziehen, nicht auch prioritär zu behandeln wären." Ärzte und Pfleger würden in diese Kategorie fallen.

Die ständige Impfkommission, der deutsche Ethikrat und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina haben einen Vorschlag gemacht: Risikopatienten und besonders gefährdete Personengruppen wie Ärzte und Pflegekräfte sollen zuerst geimpft werden. Darüber hinaus sollen diejenigen bevorzugt behandelt werden, die Staat und öffentliches Leben aufrechterhalten: Polizisten, Lehrer, Erzieher und Feuerwehrleute. Also diejenigen, die "systemrelevant" sind.

Bleiben Kassiererinnen trotz vieler Kontakte außen vor?

Warum ein Beruf als systemrelevant gilt, ein anderer jedoch nicht, lautet aber schon die nächste Frage. Man lese in der Empfehlung nichts von Verkäuferinnen oder Kassiererinnen, kritisiert der Erlanger Sozialethiker Peter Dabrock. Diese Menschen würden mit sehr vielen und unterschiedlichen Leuten zusammenkommen. Und das sei gerade für die Verbreitung des Virus eine besonders exponierte Stellung, so Dabrock. Er glaube, da müsste beispielsweise noch nachgelegt werden.

Man könnte auch umgekehrt fragen: Gibt es neben dem Recht auf einen Impfstoff, auch eine Impfpflicht? Müssen sich Krankenpfleger, Lehrer oder Polizisten, dann auch impfen lassen? Oder können sie frei entscheiden?

Keine generelle Impfpflicht - aber Ausnahmen möglich

Peter Dabrock lehnt eine prinzipielle Impfpflicht ab. Er fügt jedoch hinzu, es könne - wie bei der Masernschutzimpfung für Kinder - auch Ausnahmen geben.

"Eine Impfpflicht - wo die Ausgangslage auch noch so unklar ist, ob die Impfung dauerhaft hält oder nicht, ist mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht so gut vereinbar. Das Aber bezieht sich dann auf solche Berufsgruppen, die einem hohen Risiko ausgesetzt sind, selbst zu erkranken und die Erkrankung weiterzugeben." Sozialethiker Peter Dabrock.

Dabrock hat hier zum Beispiel Alten- und Krankenpfleger im Blick, die entweder unmittelbar mit Covid19-Patienten arbeiten oder in einem Pflegeheim gleich sehr viele Menschen anstecken könnten.

Impfung in Impfzentren und nicht bei Hausärzten

Dass der Impfstoff kommt, ist nur noch eine Frage der Zeit. In Deutschland laufen deshalb schon die Vorbereitungen, damit möglichst viele Menschen möglichst bald geimpft werden können. Nicht bei Hausärzten, sondern in großen Impfzentren. Aus gutem Grund, sagt Medizinethikerin Claudia Wiesemann.

"Würde man das nicht tun, müsste man vermutlich mit einem Chaos rechnen. Dann würden klassischerweise am ersten Tag Hunderte vor so einem Impfzentrum stehen, wo vielleicht noch geprüft werden müsste, ob sie einen Anspruch auf Impfungen (...) haben. Das wird nicht funktionieren." Medizinethikerin Claudia Wiesemann

Allein in Bayern sollen bis Mitte Dezember rund 100 Impfzentren entstehen. Momentan errichten Landkreise und Städte geeignete Standorte – in Turnhallen, Eishallen oder Messehallen.

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