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Corona-Zwangspause: Wie geschwächt ist "Fridays for Future"? | BR24

© dpa-Bildfunk/Karl-Josef Hildenbrand

Seit einem halben Jahr protestieren Aktivisten von "Fridays for Future" mit einem Klimacamp vor dem Augsburger Rathaus.

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    Corona-Zwangspause: Wie geschwächt ist "Fridays for Future"?

    Vor Corona gingen Jugendliche weltweit fürs Klima auf die Straße, Corona hat "Fridays for Future" ausgebremst. Mangelnde Ausdauer kann man den Aktivisten aber nicht vorwerfen. In Augsburg haben sie sich erfolgreich gegen eine Räumungsklage gewehrt.

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    Von
    • Barbara Schneider

    Mitten in der Corona-Krise haben Schüler und Schülerinnen vor dem Augsburger Rathaus ihre Zelte aufgeschlagen. Seit über einem halben Jahr protestieren sie hier für eine klimagerechte Zukunft. Bei Wind und Wetter, bei Regen oder Hitze und jetzt im Winter - bei Schnee und Minusgraden. Leon und Paula sind seit dem ersten Tag dabei.

    "Super viel Potenzial"

    Leon hat Respekt vor der Zukunft, vor extremen Wetterlagen oder neuen Krankheiten, die "nach Europa überschwappen" könnten. Er möchte gerne dazu beitragen, solche Szenarien zu vermeiden und in einer "anderen", "besseren" Zukunft leben. Auch seine Mitstreiterin Paula ist überzeugt, dass ihre Generation "super viel Potenzial hat", die Zukunft zu gestalten: "Ich kann nicht ganz verstehen", sagt sie, "warum man das so fahrlässig behandelt".

    Das Augsburger Klimacamp ist Teil der Fridays-for-Future-Bewegung, bei der Schüler und Schülerinnen seit 2018 weltweit für eine bessere Zukunft auf die Straße gehen. Darunter waren in den ersten beiden Jahren auch zehntausende Jugendliche in Deutschland. Mit großem Erfolg, denn die Jugendlichen haben durch ihre Proteste eine breite Aufmerksamkeit für den Klimaschutz erzielt.

    "Klimawandel betrifft unsere eigene Zukunft"

    Natürlich gab es auch vor "Fridays for Future" Klimaproteste. Doch bislang wurde das Thema eher als Problem von weit entfernten Regionen der Welt gehandelt, die bereits jetzt schon stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sind, sagt Sebastian Haunss vom Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik an der Universität Bremen. Er erforscht den Jugendprotest gegen den Klimawandel.

    Der bisherige Ansatz habe offensichtlich nicht gereicht, um massenhaft Leute für ein besseres Klima auf die Straße zu bringen. "Fridays-for-Future hat anders gefragt", so Sebastian Haunss: "Die haben gesagt: Klimawandel ist etwas, das unsere eigene Zukunft, unsere Möglichkeiten, ein gutes Leben zu haben, hier vor Ort in Frage stellt. Deswegen müssen wir jetzt und sofort etwas tun."

    Protestbewegung geschwächt

    Mit ihren Demonstrationen haben die Jugendlichen erreicht, dass der Klimaschutz ganz oben auf der Agenda stand - vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Die hat die Protestbewegung geschwächt. Demonstrationen waren plötzlich nicht mehr möglich. Das Virus hat die Jugendlichen vielerorts in eine Zwangspause geschickt.

    "Die Corona-Pandemie hat enorm geschadet, weil natürlich die großen Mobilisierungen, die großen Demonstration nicht mehr möglich waren. Jede Protestbewegung ist ja darauf angewiesen, ihre Anliegen in der Öffentlichkeit zu kommunizieren." Sebastian Haunss, Protestforscher

    Eltern und Großeltern demonstrieren mit

    Nach wie vor seien die großen Straßendemonstrationen das wichtigste Mittel, um auf ein Anliegen aufmerksam zu machen und Unterstützung zu bekommen, so Sebastian Haunss. Der Protestforscher hat auch untersucht, wie sich die Bewegung zusammensetzt. Denn längst gingen bei den Demonstrationen nicht mehr nur Jugendliche auf die Straße. An den Fridays-for-Future-Protesten beteiligten sich bald schon Erwachsene, Eltern, Großeltern. Die Bewegung ist diverser geworden.

    Haunss attestiert den Demonstranten ein "überdurchschnittliches Bildungsniveau", tendenziell kommen die Anhänger von "Fridays for Future" aus der Mittelschicht, sagt er. Den immer wieder vorgebrachten Vorwurf, die Bewegung sei elitär und abgehoben, eine Bewegung der Bessergestellten, will der Soziologe nicht stehen lassen:

    "Fridays For Future ist eine Bewegung, die eine unglaubliche Breite in der in der Fläche hat. Es haben teilweise an mehr als 500 Orten gleichzeitig Menschen protestiert. Es war auch nie eine Bewegung, die rein auf die Großstädte fixiert war." Sebastian Haunss, Protestforscher

    Klimacamp trotz Eiseskälte

    Auch in kleineren Orten habe "Fridays for Future es geschafft, Menschen zu mobilisieren". Mangelnde Ausdauer kann man "Fridays For Future" jedenfalls nicht vorwerfen. In Zeiten der Pandemie haben die Jugendlichen neue Protestformen gefunden: Online-Demos per Livestream oder eine Plakataktion vor dem Reichstag in Berlin etwa. Oder das Klimacamp in Augsburg, das inzwischen anderenorts Nachahmer gefunden hat. Trotz Eiseskälte und Corona machen die Jugendlichen in Augsburg weiter. Mitten in der Stadt, vor dem Rathaus.

    Leon möchte mit seiner Teilnahme am Klimacamp "den Druck aufrechterhalten." Und seine Protest-Kollegin Paula kann der Corona-Krise sogar etwas Positives abgewinnen: "Jede Krise macht auch eine Tür auf. Und ich glaube, durch diese Tür können wir jetzt gehen und sagen, okay, wie wollen wir eigentlich in Zukunft leben? Und wie wollen wir unsere Gesellschaft gestalten?"

    Gegen Räumungsklage gewehrt

    Aufgeben wollen die Jugendlichen in Augsburg jedenfalls nicht so schnell. Erfolgreich haben sie sich gegen eine Räumungsklage gewehrt. Sie machen weiter und haben eine Hoffnung: Nach der Pandemie wieder große Demonstrationen zu organisieren und so viel mehr Menschen für den Klimaschutz mobilisieren zu können.

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