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Corona: Wie wir in der Krisenzeit Ruhe und Zuversicht finden | BR24

© picture alliance / Zoonar | CH. HORZ

Ruhe finden in Zeiten von Corona: Nicht immer eine leichte Aufgabe

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    Corona: Wie wir in der Krisenzeit Ruhe und Zuversicht finden

    Corona hat vielen Menschen vor Augen geführt, wie fragil das Leben ist. Sie machen sich Sorgen um die Zukunft, suchen nach Sicherheit. Was kann man dem entgegensetzen? Experten geben Tipps, wie wir auch in der Krise zu Ruhe und Zuversicht finden.

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    Von
    • Rita Homfeldt
    • Martin Jarde

    Krisen sind Ausnahmezeiten. Irgendwann sind sie vorbei. Das gibt Hoffnung. Doch wenn die krisenhafte Situation lange anhält, wie im Fall der Corona-Pandemie, kann das zermürbend sein. Doch gibt es auch Lichtblicke? Kann man der derzeitigen Situation auch etwas Gutes abgewinnen?

    Routine und Vertrautes sind mit Corona verschwunden

    In der Krise Ruhe zu bewahren, gelassen und zuversichtlich zu bleiben, fällt vielen Menschen schwer. Routine und Vertrautes sind verschwunden: kein Büroalltag mehr, kein Gespräch in der Kaffeeküche, keine Begegnung ohne Maske und Abstand. Menschen sind, für sie ungewohnt, auf sich selbst zurückgeworfen, sagt die Psychologin Britta Hölzel.

    Ängste, Befürchtungen und Sorgen ploppen hoch, die sich früher durch Ablenkung immer wieder wegschieben ließen. Wenn im Außen nichts mehr geht, hilft der Blick nach innen. Was denken wir über die Welt, das Leben und uns selbst? Sich der eigenen Gedanken bewusst zu werden, ist der Schlüssel zu verstehen, wie Gedanken und Gefühle zusammenhängen. Gedanken können Freude und Zufriedenheit erzeugen. Oder aber Ängste und Sorgen. Die meisten versuchen, unangenehme Gefühle wie Angst nicht zu spüren. Das ist ein typischer Mechanismus, den wir Menschen haben, erklärt Britta Hölzel.

    "Ein Weg, damit sinnvoll umzugehen, ist, sich der eigenen Gefühle bewusst zu werden. Also wirklich klar zu wissen, wie fühle ich mich eigentlich gerade? Wo ist meine Angst?" Psychologin Britta Hölzel

    Wer seine Gefühle kennt, kann besser damit umgehen

    Wer seine Gefühle kennt, kann im nächsten Schritt versuchen, "wertfrei und freundlich damit umzugehen", sagt die Psychologin. "Also auf eine mitfühlende Art und Weise, innerlich damit in Kontakt zu treten. Man kann sich sagen: Das sind die Gefühle, die gerade da sind. Das sind die Ängste, die sind da. Und die dürfen auch da sein." Wenn man dies lange genug übt, hat man "die Möglichkeit, auch in eine andere innere Position damit zu kommen", so die Psychologin.

    Um dahin zu kommen, ist es wichtig zu wissen, dass wir die Vorstellungen, Bilder und Gedanken im Kopf selbst entwerfen. Wir sind die Regisseure unseres Kopfkinos. Dabei sind die Gedanken, die uns in den Sinn kommen, meist unbewusst und speisen sich aus dem, was wir von Kindheit an gelernt und erfahren haben. Und im Zusammenspiel mit Menschen und Situationen spult man automatisch ein Gefühls- und Verhaltensprogramm ab, das man sich unbewusst angeeignet hat.

    Angst bewirkt Stress im Körper

    Unsere Gedanken beeinflussen unsere Emotionen, auf die dann Worte und Handlungen folgen. Jeder kennt das. Gedanken, die einen beunruhigen, lösen Angst aus. Die Angst wiederum bewirkt Stress im Körper und lässt kein klares Denken mehr zu. Die Folge ist oft blindes Agieren. Um die Automatismen zu durchbrechen, hilft es, sich diese Zusammenhänge vor Augen zu führen, seine Gedanken zu kennen und vorhandene Gefühle anzunehmen, sagt Psychologin Britta Hölzel.

    " Wir müssen den Ängsten nicht hilflos ausgeliefert sein, sondern kommen in uns selbst hin zu einer Position, wo wir Wege finden können, damit konstruktiv umzugehen und uns auch nicht innerlich antreiben zu lassen." Psychologin Britta Hölzel

    Britta Hölzel hat über die Auswirkungen von Meditation auf das Gehirn geforscht und arbeitet als Achtsamkeitstrainerin. Sie weiß, dass es nicht einfach ist, aus den Automatismen auszusteigen und die alten Muster komplett hinter sich zu lassen. Denn auch wenn wir uns in der Achtsamkeitspraxis üben, kann es sein, dass wir in schwierigen Momenten wieder auf die ausgetretenen Pfade zurückkehren.

    In Stresssituationen fallen wir in alte Muster zurück

    Das liege zum einen daran, dass wir in unserer Kultur in der Schule nicht lernen, "sinnvoll mit unseren Gefühlen umzugehen", sagt Britta Hölzel. "Zum anderen ist es so, dass Menschen so gebaut sind, dass wir in stressigen und angstgeladenen Situationen in unseren alten Mustern hängen bleiben."

    Auflösen lässt sich diese Situation nicht über den Kopf, sondern über die Wahrnehmung der Gefühle und damit über den Kontakt zum eigenen Körper, so die Psychologin. Doch dieser Kontakt scheint vielen verloren gegangen zu sein. Oft spüren wir gar nicht mehr in den Körper hinein – stattdessen sind wir ständig mit unseren Gedanken unterwegs.

    Gefühle wie Angst, Wut oder Ohnmacht willkommen zu heißen, führt zu einer bejahenden und akzeptierenden Haltung. Mit jedem Atemzug können wir diesen Prozess unterstützen. Eine freundliche Haltung zu uns selbst und zu dem, was da ist – das macht den Unterschied, ist Britta Hölzel überzeugt.

    Perspektivwechsel: Angst zeigt mir, was mir wichtig ist

    Eine weitere Möglichkeit mit Ängsten umzugehen zeigt der Philosoph Michael Bordt auf. Von vorhandenen Ängsten und Sorgen kann man sich beeindrucken lassen, sich in Traurigkeit und Melancholie begeben. Oder man kann sich mit der Kehrseite der Angst und Sorge befassen, sagt der Jesuit, der an der Hochschule für Philosophie München lehrt.

    "Ich kann mich nur dann um etwas sorgen und um etwas Angst haben, wenn mir etwas wertvoll und wichtig ist", erklärt er. Darüber nachzudenken und sich dann kreativ Wege auszudenken, "wie man dieser ursprünglichen Liebe zu den Dingen" wieder näher kommt, sei eine echte Chance in der Pandemie.

    Tagesrückblick hilft, schöne Dinge zu entdecken

    Eine Übung, die einen Impuls für diesen Weg geben kann, ist der tägliche Tagesrückblick. Schon die Stoiker waren Fans davon. Und auch im Jesuitenorden gehört der Tagesrückblick zur Tradition, erzählt Michael Bordt. Jeder Mensch, ob religiös oder nicht, kann diese Übung machen und am Ende des Tages darüber nachdenken, was so alles passiert ist und welche Erfahrung er gemacht hat.

    "Es geht darum, am Ende des Tages zu merken: Es war nicht nur grau und nervig. Es waren auch Momente dabei, die mich tiefer erreicht haben." Jesuit Michael Bordt

    Dennoch kann es passieren, dass einen manche Gedanken nicht loslassen und nach unten ziehen - etwa, weil der Lockdown länger dauert als erhofft.

    Psychologin: "Wir müssen nicht alles glauben, was wir denken"

    Zu merken, dass man ins Grübeln kommt und sich selbst dabei wahrzunehmen, sind Schritte aus diesem Dilemma, sagt die Psychologin Britta Hölzel. Meditationen, Yoga oder auch Glaube und Frömmigkeit – das alles seien Wege zu lernen, dass wir mehr sind als die Gedanken, die wir haben. "Wir müssen nicht alles glauben, was wir denken", sagt Britta Hölzel. "Diesem Irrtum unterliegen wir aber oft. Wir nehmen unsere Gedanken für bare Münze. Wenn man sich bewusst macht, dass es eben einfach erst mal nur Gedanken sind, dann entsteht ein sehr wohltuender weiterer Raum, wo man sieht, okay, es gibt noch andere Möglichkeiten."

    Je bewusster wir uns dieser Prozesse sind, desto flexibler können wir damit umgehen. Gerade die Pandemie bietet die Möglichkeit, uns selbst in neuen Kontexten kennenzulernen.

    Hinweis: Die oben genannten Hinweise und Tipps gelten nur für gesunde Menschen. Sie können keine Therapie ersetzen. Sollten Sie sich in einer psychischen Ausnahmesituation befinden oder an einer Depression leiden, wenden Sie sich bitte an einen Arzt oder suchen anderweitig professionelle Hilfe.

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