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Corona verschärft die Situation für Geflüchtete dramatisch | BR24

© dpa-Bildfunk/Alea Horst

Dramatische Zustände im bosnischen Flüchtlingscamp Lipa. Die Regierung hatte das Camp nicht winterfest gemacht.

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    Corona verschärft die Situation für Geflüchtete dramatisch

    Die Zahl der Menschen auf der Flucht ist so hoch wie nie zuvor. Im öffentlichen Diskurs spielen sie aber kaum mehr eine Rolle. Die Corona-Krise ist an die Stelle der sogenannten Flüchtlingskrise getreten. Mit dramatischen Folgen für die Geflüchteten.

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    Von
    • Simon Berninger

    Moria in Flammen – die Schreckensmeldung über den Brand in dem griechischen Flüchtlingslager auf Lesbos hat die Flüchtlingskrise im Corona-Jahr plötzlich wieder voll ins Bewusstsein gerückt.

    Infektionsschutz? Fehlanzeige!

    Die katholische Gemeinschaft Sant'Egidio engagiert sich seit Jahren für Flüchtlinge. Kurz vor dem Großbrand auf Lesbos war Matthias Leineweber, geistlicher Begleiter von Sant'Egidio, selbst in Moria und musste feststellen, dass es mitten im Corona-Sommer so gut wie keinen Infektionsschutz gab: "Wie will man Abstands – und Hygieneregeln einhalten, wenn für hunderte Menschen nur eine Dusche zur Verfügung steht?", so Leineweber. Die Mitarbeiter von Sant'Egidio hätten viel Aufklärungsarbeit betrieben, den Menschen erklärt, wie sie sich schützen können: "Viele hatten noch gar keine Information darüber, was man machen kann."

    So drohen die Flüchtlingslager an den Grenzen Europas zu Corona-Hotspots zu werden. Die akute Corona-Krise in den europäischen Ländern schreckt die Geflüchteten nicht ab, im Gegenteil, meint Matthias Leineweber. Denn in Europa sei das Gesundheitssystem besser:

    "Vielleicht kann man sogar sagen, dass Corona noch ein Grund mehr ist, nach Europa zu kommen, weil man weiß: Hier ist die Hilfe vielfältiger." Matthias Leineweber, Sant'Egidio

    So viele Menschen auf der Flucht wie nie zuvor

    Die Flüchtlingskrise ist laut Zahlen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) auf dem Höhepunkt – trotz oder gerade wegen Corona. Laut UNHCR waren im ersten Halbjahr 2020 80 Millionen Menschen auf der Flucht. So viele wie noch nie, sagt Martin Rentsch, Sprecher von UNHCR Deutschland. Die Zahlen hätten sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

    "Die Corona-Krise ist nicht die Ursache dieses traurigen Rekordwerts", sagt Rentsch, "sie hat aber die Situation von Flüchtlingen auf der ganzen Welt verschärft und das System des Flüchtlingsschutzes ziemlich unter Druck gebracht." Gleichzeitig habe Corona die Möglichkeiten für Schutzsuchende, in Sicherheit zu gelangen, ziemlich eingeschränkt, so Rentsch: "Zwischenzeitlich hatten 163 Länder die Grenzen geschlossen und in einigen Staaten besteht die reale Gefahr, dass Corona als Vorwand für die Aushöhlung des Flüchtlingsschutzes genutzt wird."

    Pandemie als Ausrede für Rettung

    Bei ihren Einsätzen im Mittelmeer hat die private Seenotrettungsorganisation "Seawatch" erlebt, wovor das UNHCR nachdrücklich warnt. Seawatch-Sprecherin Wiebke Weihe beobachtete etwa im April 2020, dass "Rettungskapazitäten komplett eingestellt worden sind". Von den Behörden habe es geheißen, dass man auf bestimmte Seenotrettungsfälle wegen der Corona-Pandemie nicht reagieren könne. Für Wiebke Weihe ist das nicht nachvollziehbar.

    "Wir sind auch ausgelaufen. Unter sehr vorsichtigen Corona-Maßnahmen. Und das hat uns ganz deutlich gezeigt, inwieweit die Pandemie auch als Ausrede genutzt wird, um dafür zu sorgen, dass kein Mensch europäischen Boden erreicht." Wiebke Weihe, Seawatch-Sprecherin

    Katastrophale Bedingungen in Bosnien

    Trotzdem registrierte das UNHCR 2020 knapp 95.000 Menschen, die in Europa Zuflucht suchten. Knapp 3.000 weniger als im Vorjahr. Seawatch Deutschland startete im Corona-Jahr vier Missionen auf dem Mittelmeer, darunter erstmals auch mit der "Seawatch 4", deren Finanzierung auf eine Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland zurückgeht. Nach ihrer Jungfernfahrt, bei der sie mehr als 350 Flüchtlinge aus dem Wasser rettete, haben die italienischen Behörden die "Seawatch 4" jedoch beschlagnahmt. Dagegen ist Seawatch gerichtlich vorgegangen: Es habe sie sehr erschreckt, sagt die Seawatch-Sprecherin, dass in der Pandemie immer wieder von Solidarität gesprochen wird: "Aber wenn es um Menschen geht, die keinen europäischen Pass haben, redet man plötzlich nicht mehr von Solidarität."

    Ein Missstand, vor dem auch die Kirchen warnen. Zu Jahresbeginn mahnte die Kammer für Migration und Integration der EKD, "Menschen nicht aus den Augen zu verlieren, die schon alles verloren haben." Im bosnischen Flüchtlingscamp Lipa ist das scheinbar der Fall: Kurz vor Weihnachten wurde es von der Internationalen Organisation für Migration geräumt, nachdem es die bosnischen Behörden nicht winterfest gemacht hatten. Eine Situation, die auch Klaus Pfuff, Direktor des Jesuitenflüchtlingsdienstes in Berlin, Sorgen macht. Die Menschen dort lebten unter katastrophalen Umständen, hätten keine Zelte und versuchten in den Wäldern zu überleben und irgendeine Chance zu bekommen weiterzuwandern, so Pfuff. Er fordert darum von den europäischen Regierungen, die Menschen vom Balkan aufzunehmen.

    Erschwerte Flüchtlingsarbeit wegen Corona

    Auch wenn die Corona-Einschränkungen hierzulande die Flüchtlingsarbeit erschweren. Asylverfahren kommen ins Stocken, weil zum Beispiel Rechtsanwälte nicht persönlich aufgesucht werden können oder Behörden nur online erreichbar sind. Das einzig Gute, so der Jesuit Klaus Pfuff, sei dass in der Corona-Krise das Wort von der so genannten "Flüchtlingskrise" seltener geworden ist. Das sei nämlich keine Krise der Flüchtlinge, sondern einer fehlgeleiteten Migrationspolitik. Auch und gerade wegen Corona.

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