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"Corona – und dann?" Über die Zukunft des Bauens | BR24

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Ist die Pandemie das Aus für Großraumbüros? Knut Cordsen im Gespräch mit dem Kemptner Architekten und Stadtplaner Jörg Heiler, der Mitglied im Vorstand des bayerischen Landesverbands der Architekten ist.

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"Corona – und dann?" Über die Zukunft des Bauens

Homeoffice statt Großraumbüro? Die Corona-Pandemie gibt Gelegenheit zu überdenken, wie wir unsere Lebenswelt künftig gestalten wollen. Architekt Jörg Heiler über nachhaltiges Bauen, Mehrfachnutzung, Bestandsschutz und unsere neue Wohn-Arbeitswelt.

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"Corona – und dann?" So fragt eine Mitteilung des Bayerischen Landesverbands im Bundesverband Deutscher Architekten dieser Tage, Untertitel: "Architekten stellen sich eine andere Zukunft vor". Der Kemptner Architekt und Stadtplaner Jörg Heiler ist Mitglied im Vorstand des bayerischen Landesverbands. Knut Cordsen hat mit ihm gesprochen.

Knut Cordsen: Herr Heiler, offenbar ist die Corona-Pandemie ähnlich wie der Klimawandel, über den ja derzeit wenig geredet wird, für Architekten, ein Anlass, den Häuser- und Städtebau althergebrachter Form zu überdenken – was könnte sich da ändern nach Corona?

Jörg Heiler: Unsere Intention war eigentlich, darauf hinzuweisen, dass das primäre Ziel, der Klimawandel, derzeit in den Hintergrund getreten ist. Die Konjunkturpakete, die jetzt, ausgelöst durch Corona, angedacht sind, gehen unseres Erachtens nicht in die richtige Richtung, was den Klimaschutz anbelangt und was das Bauen und die Architektur anbelangt. Wir glauben, dass für den ökologischen Wandel, der für den Klimaschutz erforderlich ist, andere Potenziale drin sind als mit einer "Weiter so"-Wirtschaft in Konjunkturpakete zu investieren. Uns geht es also nicht unbedingt um eine neue Architektur und einen neuen Städtebau, sondern um die große Aufgabe des Klimawandels, und um die Möglichkeit, da in die richtige Richtung zu investieren.

Neustart ist ja das Wort der Stunde. Wie sähe denn ein solcher Neustart auf architektonischer Ebene möglichst konkret aus? Können Sie das vielleicht mal anhand eines oder zweier Beispiele sagen?

Ja, wir müssen da unterschiedliche Maßstäbe betrachten in der Architektur: den großen Maßstab, den städtebaulichen Maßstab bis zum Material. Was den städtebaulichen Maßstab in großem Maßstab anbelangt, haben wir ja, und das hängt extrem mit dem Klimaschutz und Klimawandel zusammen, einen enormen Flächenverbrauch, der sich dann wieder negativ auf das Klima auswirkt. Hier müssen wir einfach Fläche und Boden schonen, Fläche sparen. Konkrete städtebauliche Maßnahmen gäbe es zum Beispiel im gewerblichen Bereich. Bei Gewerbebetrieben, die jetzt nur eingeschossige Gebäude sind und sehr viel Fläche verbrauchen, schlagen wir vor, dass wir zum Beispiel diese Gebäude aufstocken, dadurch Flächen sparen und hier auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dann gibt es noch eine andere Ebene, was die Baumaterialien anbelangt. In denen steckt sehr viel Energie drin, sehr viel CO2, und da ist es uns wichtig, dass wir Materialien verwenden, in deren Herstellung sehr wenig Energie oder keine Energie und kein CO2 steckt. Die auch recyclingfähig sind, die in Kreisläufe einspeist werden können. Das ist uns sehr wichtig.

Sie fordern ja Konjunkturpakete für städtebauliche und architektonische Maßnahmen, die aber an Voraussetzungen geknüpft sein müssen. Welche Voraussetzungen sind das? Sind das gerade diese ökologischen Kriterien, die Sie angeführt haben?

Förderprogramme müssen zum Ziel haben, grundsätzlich Maßnahmen zu unterstützen, die in Richtung CO2-Neutralität gehen, die Fläche und Boden schonen. Das müssen die Parameter sein. Das sehen wir auch nicht als Zwangsjacke, sondern wir sehen es ganz im Gegenteil als Innovationsmotor, dass diese Rahmenbedingungen sogar Innovation fördern werden. Es ist ganz klar, dass wir jetzt bei neuaufgelegten Konjunkturprogrammen einfach in Materialien investieren müssen, die diese CO2-Neutralität haben, die kompostierbar sind, wieder in natürliche Kreisläufe einspeist werden können und nicht die Deponien anfüllen. Statt Herstellen, Benutzen und Wegwerfen geht es um Herstellen, Benutzen, Wiederverwerten. Was auch noch ein ganz wesentlicher Punkt ist, dass wir viel sorgfältiger mit dem vorhandenen Bestand umgehen müssen als bisher. In bestehenden Gebäuden steckt ein großes Potenzial an sogenannter 'grauer Energie', also an Energie, die da drinnen gespeichert ist, durch Herstellungsprozesse, Bauprozesse und Transportwege. Das heißt, wenn wir die abreißen, verlieren wir diese Energie auch wieder und wir haben auch wieder ein Entsorgungsproblem. Deshalb wäre eine wichtige Voraussetzung für die Förderungsmaßnahmen, dass wir viel stärker in den Bestand investieren, den Bestand weiterentwickeln als den Neubau zu fördern. Das ist auf allen Ebenen sowohl im Wohnungsbau als auch im gewerblichen Bereich erforderlich.

Wenn wir vielleicht noch kurz auf die Innenarchitektur schauen, auf Großraumbüros. Auch dem letzten dürfte ja durch die Corona-Krise klar geworden sein, dass Großraumbüros neben der enormen psychischen Belastung, die sie für die Arbeitenden mit sich bringen, auch aus hygienisch-medizinischer Sicht alles andere als ideal sind. Werden in Zukunft womöglich weniger solcher Großraumbüros gebaut werden?

Diese Frage ist auch ein wesentlicher Teil unseres Papiers: Wie organisieren wir zukünftig Wohnen und Arbeiten? Was wir jetzt schon festgestellt haben, ist, dass durch diese Pandemie ein wesentlicher Schub gekommen ist, was die Digitalisierung und die Kommunikation beim Arbeiten insgesamt anbetrifft. Das heißt, plötzlich ist es möglich, von Zuhause zu arbeiten, also nicht mehr direkt am Arbeitsort zu sein. Es ist möglich, Konferenzen, die früher in einem Raum waren, im digitalen Raum abzuhalten. Das heißt, wir werden ein neues Verhältnis, eine engere Verzahnung von Wohn- und Arbeitsort bekommen. Wir werden neue Wohn- und Arbeitsformen deswegen bekommen, und ich glaube, das hat weniger was mit Großraumbüro-Strukturen oder kleinteiligen Strukturen zu tun. Ich meine, dass beide Strukturen organisierbar sind. Es gibt in beiden Strukturen gute und schlechte Beispiele. Räume, die gut sind für die Menschen und wo sie sich wohlfühlen und wo sie sich weniger wohlfühlen, das hängt immer von der Qualität der Gestaltung ab. Nicht allein davon, ob es nur ein Großraumbüro ist oder eine kleinteilige Struktur. Insgesamt werden wir, und das ist auch eine Chance, Wohnen und Arbeiten wieder stärker zusammenbringen. Und da liegt ein Potential, gerade auch, was die Mobilität im Pendlerverkehr anbelangt oder die Mehrfachnutzung von Gebäuden. Wir haben ja ganz viele Gebäude, die sind acht bis zehn Stunden am Tag genutzt, und dann stehen sie die restlichen 14 bis 16 Stunden leer. Das ist ja auch eine enorme Ressourcenverschwendung. Uns geht es darum, Gebäude-Strukturen zu entwickeln, die gemischt sind, die eine höhere Intensität der Nutzung haben, die auch diese Separierung von Wohnen und Arbeiten auflöst. Da kann die Digitalität unterstützen, aber es kann ja auch neue Wohnformen geben, wo ich zugeschaltet zu meiner Wohnung Arbeitsräume habe, die ich individuell und flexibel nutzen kann. Einen Teil meiner Arbeitszeit verbringe ich dann in der Firma, in der Arbeit, und einen Teil bin ich eben zuhause. Unseres Erachtens wird dies das Verhältnis zwischen Wohnen und Arbeiten wieder neu justieren, und es wird neue, spannende, gemischte Nutzungen zwischen Wohnen und Arbeiten geben, wo auch die Digitalität eine große Rolle spielen wird.

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