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"Gegen das Unwissen spreche ich Wünsche aus." | BR24

© Bild: Peter von Felbert / Audio: BR

Schriftsteller Thomas Lang in der Reihe Corona-Tagebuch.

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"Gegen das Unwissen spreche ich Wünsche aus."

Zahlen haben für Schriftsteller Thomas Lang nach vier Wochen Corona-Zustand ihre Kraft verloren. In unserer Reihe Corona-Tagebuch schreibt er darüber, warum Verbundenheit jetzt so wichtig ist und wieso jetzt die Zeit des Wünschens eingetreten ist.

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Von
  • Thomas Lang

Der seit vielen Jahren in München lebende Schriftsteller und Ingeborg-Bachmann-Preisträger (2005 wurde er in Klagenfurt für seinen Vater-Sohn-Konflikt-Roman "Am Seil" ausgezeichnet) schreibt heute unser kulturWelt-Corona-Tagebuch fort. Für Lang ist der Umgang unsere Gesellschaft mit Geflüchteten Teil einer noch umfassenderen Fragestellung: Wie halten wir es mit der Solidarität?

Seit Wochen habe ich nicht mehr gehört, dass München die nördlichste Stadt Italiens sei. Nachmittags auf der Piazza zu sitzen, mit den Nachbarn zu plaudern und einen Bitter zu genießen – dieses Bild war vielleicht früher schon etwas geschönt, und für die Nachahmung fehlte uns letztlich die Lebensart. Nun verschwindet aber das echte Italien in einem gierigen Schlund, der rülpsend die Knochen seiner Mahlzeit hochwürgt – leere Plätze, Bilder von Militärlastern und Ansammlungen nur noch von Särgen. Das war vor zwei Wochen. Von diesen Bildern haben wir uns abgewandt.

Auch von den Zahlen haben wir uns abgewandt, sie haben ihre Fähigkeit eingebüßt, unser Mitleid zu erregen, sie faszinieren uns nicht mehr. Die Europäische Gemeinschaft leistet ihren Offenbarungseid, indem sie um Milliarden zankt und ihre einzig übrige Idee die Wirtschaft ist. Sie zeigt sich unfähig, nur tausend Kinder aus Flüchtlingslagern aufzunehmen, wo selbst die Zigtausend, die auf den griechischen Inseln ausharren, in unseren Bevölkerungen unmerklich Platz finden würden.

Das Gebot der Stunde lautet Solidarität. Verbundenheit. Wie zeige ich sie und mit wem? Praktisch jede unserer Handlungen wird unter diesem Gesichtspunkt geschärft. Wie viele Lebensmittel kaufe ich ein und wie viel lasse ich für die anderen? Wie genau nehme ich es mit dem Abstandhalten? Schließe ich noch meine Kinder in den Arm, wenn ich ein Kratzen im Hals spüre? Mache ich meine Grillparty im Hof und hoffe, dass mich keiner verpfeift, oder lass ich es lieber bleiben? Diese Fragen sind keineswegs trivial. Lassen wir uns den Mund verbinden oder gleich verbieten? Muss ich mich dem Kollektiv überlassen oder darf ich noch eine individuelle Haltung pflegen? Was sind die Kosten?

Nehmen wir zum Beispiel die Schutzmasken, einfache Sorte, auch Mund-Nasen-Schutz oder MNS genannt. Das Robert-Koch-Institut schreibt, dass die Schutzwirkung dieser Masken nicht erwiesen sei. Dennoch könnten sie bei akuten Atemwegsinfektionen helfen, „das Risiko zu verringern, andere Menschen anzustecken.“ Das klingt nach einem naturwissenschaftlichen Jein.

Und so geht es mit einer unendlichen Reihe von Dingen. Was macht es mit Dementen, wenn ihre Nächsten sie nicht mehr besuchen dürfen? Wie bringt man sie dazu, nicht mehr in die Zimmer anderer Bewohner zu laufen? Aber auch: Warum haben wir Heime, in denen weit über hundert alte Menschen konzentriert sind? Was macht es mit unseren Kindern, ihre Freunde nicht mehr sehen zu dürfen und keinen geregelten Unterricht zu haben? Meine Jüngste ist schon zwei Monate nicht mehr zur Schule gegangen. Wie viel muss ich daheim sein, um sie unterstützen, und wie viel an meinem Arbeitsplatz, um sie mitzuernähren?

Was bedeutet Verbundenheit? Ich kümmere mich um meine Familie, das ist einfach. Aber schon hier kann es Risse geben, kleine Verteilungskämpfe oder abweichende Vorstellungen über die Frage, wie streng die Einschränkungen für Ausgehen, Einkaufen, Kontakt mit anderen Menschen einzuhalten sind. Wie stelle ich mich zu den Autorenkollegen, deren Bücher dieses Frühjahr im Nirgendwo stranden, kann ich ihnen beistehen, muss ich für sie zurückstehen und darf ich mich selbst noch äußern, ohne ihnen das Letzte an Aufmerksamkeit zu stehlen? Muss ich Gutscheine kaufen, damit geschlossene Geschäfte später wieder öffnen können, soll ich die immunschwachen Völker Brasiliens in den Blick nehmen oder lieber auf die Senioren in der Nachbarschaft Acht geben?

Das alles ist nicht neu, wir wägen Tag für Tag die Dinge ab. Neu oder besonders ist die Dimension. Denn eine falsche Abwägung kann Leben kosten. Und wir wissen nicht in jedem Fall, wo unsere individuelle Verantwortung beginnt und wo sie endet.

Gegen das Unwissen spreche ich Wünsche aus. Ich wünsche mir von der Politik, dass sie sich über das Symbolische hinaus solidarisch zeigt, gegenüber unsern Freunden in Italien und Spanien und weiter weg. Ich wünsche mir, dass wir nicht gespalten werden in eingesperrte Alte und Kranke hie und frei lebende Gesunde und Junge dort.

Ich wünsche mir, dass man uns Verantwortlichkeit zutraut, statt aus dem Smartphone eine elektronische Fußfessel zu machen. Ich wünsche mir, dass die Luft rein bleibt und mancher Jogger und Radler weniger stur wird. Ich wünsche mir, dass wir weiterhin die Vielen bleiben, die sich freundlich und leicht verlegen begegnen nach dem Motto: Nimm’s mir nicht übel, wenn ich einen Bogen um dich mache. Ich wünsche mir, dass wenig Leute sterben, vom Rhein bis an den Amazonas, den Hudson River, den Jang-Tse, den Kongo. Ich will an andere denken und ich wünsche mir, dass andere auch mich nicht vergessen.

Denn diese Zeit ist auch voll Hoffnung auf unsere Findigkeit und Kraft. Es gibt viel anzupacken, und sei es vorerst nur vom blöden Schreibtisch aus.

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