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"Zumindest habe ich keine Lust, ein Corona-Lied zu komponieren" | BR24

© Audio BR/ Bild: dpa/picture alliance / Jazzarchiv

The Notwist-Sänger Markus Acher schreibt das Corona-Tagebuch fort

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"Zumindest habe ich keine Lust, ein Corona-Lied zu komponieren"

Hupende Autos, laute Fußballfans, Kneipenlärm: Markus Acher liebt solche Alltagsgeräusche. Der Corona-Lockdown brachte Stillstand. Im Corona-Tagebuch erzählt der Musiker und Sänger von The Notwist, wie die Pandemie ihn und seine Arbeit beeinflusst.

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Als das Ausmaß und die Konsequenzen der Pandemie klar wurden, war ich – wie die meisten anderen auch – natürlich erst einmal komplett perplex und gelähmt. Ich habe von meinen japanischen Freunden, mit denen ich in der Band Spirit Fest zusammenspiele, schon Anfang des Jahres besorgte E-Mails bekommen – mit der Befürchtung, unsere gemeinsame Tour Ende Mai/ Anfang Juni könnte eventuell nicht stattfinden. Da dachte ich immer noch, das ist etwas übertrieben. Das ist ja noch ewig lange hin, und bis dahin ist eh alles längst vorbei.

Und jetzt sitze ich hier täglich am Computer oder Telefon und versuche, die Tour in den November umzuverlegen. Mit der Ahnung im Hinterkopf, dass das dieses Jahr wohl eher nichts mehr wird. Zumindest ist da eine kleine Chance. Und wir würden uns alle noch mehr ärgern – falls dann tatsächlich wieder kleine Konzerte stattfinden könnten – wenn wir es nicht versucht hätten. Und irgendwie hat dieses komplett Ungewisse manchmal auch etwas Befreiendes. Man denkt über Sachen nach, die man sonst nie in Betracht gezogen hätte. Die Regeln des Musikbusiness sind ausgehebelt. Das gefällt mir eigentlich ganz gut.

Zum Musikmachen kann ich die Isolation jetzt kaum nutzen. Ich weiß nicht wirklich, wie das andere so machen. Das ist natürlich einerseits ein Zeitproblem: zwischen Hausaufgaben betreuen, kochen, Federball im Hof und so weiter ist wenig Zeit. Aber das Hinderlichste ist tatsächlich die Situation, in der meine Kollegen und ich jetzt stecken. Und das blockiert den Kopf: Alle Konzerte bis in den Herbst hin abgesagt und damit unsere wichtigste und oft auch einzige Einnahmequelle. Und so machen wir jetzt Telefonkonferenzen, helfen uns gegenseitig beim Anträge ausfüllen, überlegen über Konzepte, wie man irgendwie bis nächstes Jahr durchkommen kann. Was dann danach durch meinen Kopf geistert, ist nicht die beste Anregung für ein neues Stück. Zumindest habe ich keine Lust, ein Corona-Lied zu komponieren. Ich hoffe in erster Linie, wir alle und unsere Demokratie auch kommen da irgendwie gesund raus.

Aber jetzt sage ich etwas über das Hören in der Corona-Krise. Also das erste, das ich gehört habe in der Ausgangssperre war erst mal gar nichts: Ruhe überall. In den Tagen davor ist es schon still geworden, weniger Autos und Menschen überall, und mit einem Schlag gar nichts mehr. Das war zumindest mein Eindruck, weil ich hier an einer Straße mit so viel Kneipen, Restaurants, Imbissbuden, Baustellen, Betrunkenen, hupenden Autofahrern, Fußballfans und so weiter wohne, dass immer irgendwo irgendetwas zu hören ist. Und ich liebe das sehr.

Diese lähmende Endzeitstimmung hat für mich diesen ganzen Stillstand verkörpert, die Pause-Taste für alles. Langsam habe ich mich daran gewöhnt und genauer hingehört: das Geschirr-Geklimper nebenan, Vögel, die mir noch nie aufgefallen sind, und die Lieblingslieder der Nachbarn. "Save The Last Dance For Me" hatte zwar noch einen etwas seltsamen Beigeschmack, aber mehr und mehr hat es mir dann auch gefallen. Keine Flugzeuge, kein Gebohre, viele kleine Geräusche überall, Klavierspielen von irgendwoher und spielende Kinder.

Inzwischen reicht es mir wieder. Ich will meine Stadt zurück, Besoffene, die mitten in der Nacht monologisieren und laut telefonierende Immobilienmakler, Lärm, Konzerte, DJs, die so laut aufdrehen, dass man sich nicht mehr unterhalten kann. Das hilft mir tatsächlich mehr beim Komponieren als besinnliches In-mich-Hören. Langsam kommt jetzt auch tatsächlich das Leben wieder zurück in die Straße. So fange ich jetzt wieder an, Musik zu machen – weil die gerade kann, was ich nicht kann: nämlich raus in die Welt. Ich schickte sie zu meinen Freunden in München, Japan und sonstwohin. Und es fühlt sich sehr gut an.

Die Hochzeitskapelle ist Kult. Das Bandprojekt von Micha und Markus Acher, Evi Keglmaier, Mathias Götz und Alex Haas macht globale Musik im lokalen Gewand. Am Freitag spielen sie in der Münchner Goldmarie – ohne Publikum. Die BR Kulturbühne streamt das Konzert ab 20 Uhr.

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