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"Zugewandtes Dranbleiben, das ist, was wir jetzt alle brauchen" | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bc

Aus dem Corona-Tagebuch, 3. Folge Björn Bicker

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"Zugewandtes Dranbleiben, das ist, was wir jetzt alle brauchen"

Homeoffice mit zwei Grundschulkindern: Da braucht es law & order und gute Nerven. Zahnschmerzen können das Fass zum Überlaufen bringen, doch Hilfe ist da - die Zahnärztin. Björn Bicker schreibt unser Corona-Tagebuch fort.

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Was Sache ist, das bekundet der in München lebende Autor, Dramatiker und Regisseur Björn Bicker gern - zuweilen laut und vernehmlich. In seinen Buch "Illegal: Wir sind viele. Wir sind da." beschäftigte er sich schon im Jahr 2009 mit Deutschland als Einwanderungsland. Zuletzt publizierte er den Chorgesang der Religionen: "Was glaubt ihr denn". Zur Zeit schreibt Björn Bicker an seinem zweiten Roman, wenn er denn dazu kommt, im Homeoffice mit seinen zwei Kindern. Für uns hat Björn Bicker das Corona-Tagebuch der Schriftsteller*innen weitergeschrieben.

Das erste freie Wochenende der neuen Zeit ist rum. Zumindest für meine beiden Kinder. Wir befinden uns jetzt in der zweiten Woche Homeschooling. Mit schulpflichtigem Nachwuchs ist die aktuelle Situation ziemlich kurzweilig. Das Homeoffice der Eltern muss unentwegt verteidigt werden. Ich bin dazu übergegangen mich mit Süßigkeiten und sehr großzügigen Film- und Videospielerlassen immer wieder frei zu kaufen, um wenigstens ein klein wenig an den Resten dieses ernsthaften Erwachsenenlebens teilnehmen zu können. Ein paar Zeilen schreiben, ein paar Telefonate, Anträge auf Steuerstundung. Muss ja irgendwie weitergehen.

So langsam finden wir unseren Familien-Rhythmus. Morgens ist law & order angesagt: Bis um 8:30 Uhr müssen alle aus dem Schlafanzug raus sein, fertig gefrühstückt, Zähne geputzt. Dann ist zwei Stunden Schule. Rechendreiecke mit dem Erstklässler, Wasserkreislauf mit der Viertklässlerin. Diese Lehrer sind der Hammer: schicken uns per Email die Aufgaben, ein paar Links zu Lernvideos und am Freitag Sport für die ganze Familie mit den tollen YouTube Tutorials von Alba Berlin. Damit wir auch nach der Krise noch kraftvoll eins und eins zusammen zählen können. Ich denke, genau diese Fürsorge, die die Kinder da erleben, dieses zugewandte Dranbleiben, das ist es, was wir jetzt alle brauchen. Auch wenn’s die Kinder natürlich nervt. Ich bin gespannt, ab wann sie es als Wohltat begreifen. Diese außergewöhnliche Normalität.

Am Freitagnachmittag habe ich Zahnschmerzen bekommen. Wahnsinn! Warum ausgerechnet jetzt? Die Zahnschmerzen sind das ganze Wochenende über nicht weg gegangen, trotz Schmerzmittel, das hat meine allgemeine Nervosität nicht unbedingt gemildert. Ich habe Angst bekommen. Jetzt muss ich womöglich noch zum Zahnarzt. Haben die überhaupt auf? Behandeln die mich? Sitzt dieser blöde Virus nicht genau da, im Rachen? Und nun müssen sie mir da drin rumfuhrwerken? Wie sollen wir da den Sicherheitsabstand einhalten? Das kann ich niemandem zumuten! Nach ausgiebiger Recherche und Analyse meiner Symptomatik, bin ich jedoch zu dem Schluss gekommen, dass es besser ist, mich bei meiner Zahnärztin vorzustellen. Nach einem bohrenden Telefonat mit der Arzthelferin, in dem sie sich verständlicherweise vergewissern wollte, ob mein Besuch auch wirklich nötig sei, habe ich einen zeitnahen Termin bekommen. Die Ärztin und ihre Mitarbeiterinnen haben mich nett und verständnisvoll empfangen. Auch wenn sie alle etwas angespannt wirkten. Ich habe mich entschuldigt: "Ausgerechnet jetzt, aber es tut halt wirklich weh...".

"Wir freuen uns, Ihnen helfen zu dürfen!", hat die Ärztin gesagt und ich bin auf dem Zahnärztinnenstuhl dahin geschmolzen... ich, der Angstpatient!

Diese Lehrer, diese Zahnärztinnen, diese Zahnarzthelferinnen, all die Leute, die jetzt so gewissenhaft ihre Arbeit verrichten, für andere da sind, diesen Leuten bin ich dankbar, diese Menschen rühren mich zu Tränen und ich möchte sie alle umarmen und ihnen das Allerbeste wünschen. Aus sicherer Entfernung natürlich.

Heute habe ich mir vorgenommen, keine Nachrichten zu schauen, nicht im Netz zu surfen und keine Krisenmeldungen an mich ran zu lassen. Ich werde weiter mein Homeoffice verteidigen und mich an einem Tag ohne Zahnschmerzen erfreuen. Und dankbar sein.

Und wenn der ganze Scheiß hier rum ist, dann fang' ich wieder an zu schimpfen und zu kritisieren. Ich schwöre!

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