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Das Virus und die Zerbrechlichkeit des Lebens | BR24

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Der Virus macht uns auf unsere Vergänglichkeit aufmerksam.

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    Das Virus und die Zerbrechlichkeit des Lebens

    Bislang hat unsere Gesellschaft vor allem versucht, die Corona-Krise organisatorisch und technologisch zu kontrollieren. Doch Kontrolle ist nicht alles – und das Leben lässt sich nicht vollständig kontrollieren.

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    Vivian Dittmar aus dem Chiemgau ist Gefühlsexpertin. Sie war am Corona-Virus erkrankt und hat währenddessen ihre Empfindungen aufgeschrieben. In ihren Notizen steht: "Was wäre, wenn wir alle in dem Bewusstsein leben würden, dass es die letzten zwei Wochen sein könnten? Und es gab dann einen Moment, an dem ich abends ins Bett gegangen bin mit dem Bewusstsein, der Körper macht jetzt was er macht, oder das Leben macht, was es macht. Entweder ich wache morgen wieder auf oder ich bekomme nachts Atemnot– was will man da machen? Und das hat eine große Ruhe in mir ausgelöst und eine große Hingabe."

    Der Tod ist immer noch ein Tabu

    Das Virus konfrontiert uns mit unserer Sterblichkeit und der Vergänglichkeit des Lebens, doch viele notwendige Gespräche werden gerade nicht geführt, sagt Vivian Dittmar. Der Tod sei immer noch ein Tabu. Leben müsse um jeden Preis verlängert und gerettet werden, so Dittmar: "Wir dürfen das gar nicht hinterfragen! Natürlich plädiere ich nicht dafür, Menschenleben gegen Geld und Wirtschaftsleistung aufzurechnen, das geht in eine unethische Richtung, ich finde die Frage viel spannender, was ist Leben eigentlich?" Es brauche mehr Bewusstsein, dass wir das Leben nie vollständig kontrollieren können.

    Wir können nicht alles kontrollieren

    Das ist auch der Kerngedanke von Hirnforscher Gerald Hüther. Seit Jahrzehnten befasst er sich mit dem Gefühl der Angst. Er sagt: "Es ist eine absurde Vorstellung, dass wir alles, was es auf dieser Welt an Problemen geben könnte, unter Kontrolle bringen können. Doch dieser Vorstellung sind wir verfallen. Wir bilden uns ein, wir könnten alles kontrollieren und es müsse nur noch besser gemacht werden." Aber was wäre ein Leben, das sich komplett kontrollieren ließe? Nur noch das Ablaufen eines Mechanismus.

    Gottvertrauen ist heute ein schwieriger Begriff

    Es gibt laut Gerald Hüther drei unterschiedliche Ressourcen, die einem dabei helfen können, durch die Angst zu kommen: Erstens, die Selbstwirksamkeit aktivieren, das Vertrauen auf die eigene Kompetenz. Zweitens, auf die Freunde zurückgreifen, nach dem Motto "gemeinsam sind wir stark". Die dritte Ressource ist das, was früher vielleicht Gottvertrauen genannt wurde, dass "alles gut ist". Alle drei sei für uns heute schwierig, sagt Gerald Hüther.

    "Wir haben unser Selbstvertrauen abgegeben, weil wir beinah alle Lebensvollzüge auslagern oder digitalisieren. Unsere sozialen Beziehungssysteme haben wir in der Wettbewerbsgesellschaft vernachlässigt. Und Gottvertrauen ist in der modernen Welt ein sehr schwieriger Begriff geworden" so der Angstforscher. "Das Vertrauen, dass alles gut wird, das ist uns in dieser Gesellschaft vielleicht am allerstärksten abhanden gekommen. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns noch einbilden können, wir selbst könnten dafür sorgen, dass alles wieder gut wird. Das ist schwierig, denn das Leben ist stärker."

    Viele Ärzte haben kein Verhältnis zu Tod und Sterben

    Kollektiv sind wir mit unserer Sterblichkeit konfrontiert worden. Sterben und Tod haben in der Medizin keinen Platz – viele Ärzte haben selbst kein Verhältnis zu Tod und Sterben. Allgemein gesellschaftlich bedeutet Sterben ja eher ein Versagen der Medizin. Das aber ist ein sehr mechanistisch-biologistisches Verständnis vom Menschen. Über unsere Sterblichkeit reden wir nicht mehr viel – denn es gibt keine kollektive Sinnerzählung mehr wie in früheren Epochen der Menschheit.

    Sich mit dem Tod zu beschäftigen, braucht Mut

    Doch der Mut, sich mit dem Tod zu beschäftigen, lohnt sich, sagt Nicole Rinder. Sie ist Trauerbegleiterin und Bestatterin bei "Aetas", einem sehr besonderen Bestattungsinstitut in München. Sie erzählt, wie oft Erwachsene bei ihr säßen, die ihre Eltern verloren hätten und so wenig wie möglich mit dem Tod zu tun haben wollten. Für Nicole Rinder ist das genau der verkehrte Weg. Man solle "wirklich jeden Schritt jetzt noch mal mitgehen und sich wirklich verabschieden und wirklich die letzten Dinge, die Totenfürsorge wirklich auch wörtlich nehmen und bis zum Schluss der Sohn bleiben oder der Ehemann oder die Ehefrau. Und das ist etwas, das haben wir verlernt, und das macht vielen Angst."

    Demut vor dem Leben

    Was wir in dieser Zeit vor allem lernen müssen, ist Demut, sagt Vivian Dittmar, und eine Rückbesinnung auf Lebendigkeit: "Ich empfinde das, was gerade geschieht als eine große Demütigung für unsere arrogante, technophile, mechanistische Weltsicht. Ich erlebe uns als Menschheit in einem Machtrausch, wir denken, wir können alles, bis hin den Mars zu besiedeln und den Tod zu überwinden. Das ist eine Demütigung. Und die kann zu einer neuen Demut führen. Demut vor dem Tod. Und damit auch Demut vor dem Leben."

    Dieses kleine Virus habe uns gezeigt, dass wir nicht allmächtig sind. Und daraus können wir lernen, so Vivian Dittmer: "Demut haben vor dem Leben – und auch vor dem Tod, das hängt für mich zusammen."