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Corona legt offen, wie es um Gesellschaften bestellt ist. Für den Medizinhistoriker Malte Thießen nicht überraschend. Im BR-Interview zeigt er Parallelen zu historischen Seuchen - und erzählt, dass schon vor 100 Jahren Impfpässe gefälscht wurden.

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Corona - So sieht ein Medizinhistoriker die Pandemie

Corona legt offen, wie es um Gesellschaften bestellt ist. Für den Medizinhistoriker Malte Thießen nicht überraschend. Im BR-Interview zeigt er Parallelen zu historischen Seuchen - und erzählt, dass schon vor 100 Jahren Impfpässe gefälscht wurden.

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Martin JardeMartin JardeTilmann KleinjungTilmann Kleinjung
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"Seuchen sind die sozialsten aller Krankheiten." Dies hat der Medizinhistoriker Malte Thießen in einem Aufsatz geschrieben, der im Jahr 2015 erschienen ist - also lange vor Corona. Die Seuche als soziale Krankheit sei ein Problem, "weil wir die Gefahr am sozialen Verhalten festmachen", erklärt der Professor vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte Münster in der Sendung Theo.Logik auf Bayern 2.

"Das heißt, wir gucken sehr genau, wer sich wie in unserem Umfeld benimmt. Und das ist für uns dann ein Indikator für Risiken." Medizinhistoriker Malte Thießen

Viele Phänomene früherer Seuchen wiederholen sich bei Corona

Dass die Corona-Pandemie zu Zerwürfnissen in Teilen der Gesellschaft führt, überrascht Thießen nicht. Blicke man zurück, sehe man einige Parallelen oder Ähnlichkeiten zu früheren Seuchen. Erschreckend sei es für ihn aber dennoch gewesen, dass sich Vieles wiederhole, von dem man gedacht habe, man hätte es im 21. Jahrhundert längst überwunden: "die Stereotypen, die Ausgrenzung, die Verschwörungstheorien".

Das Verhalten des Einzelnen werde als potenzielle Bedrohung gesehen, so Thießen. Damit gehe dann einher, "dass wir mit Stereotypen und mit Verschwörungstheorien versuchen, uns ein Bild der Lage zu machen, um sozusagen die Seuche verorten zu können". Weil das Virus unsichtbar ist, versuchen Menschen, es auf andere Weise "greifbar" zu machen.

Es braucht Sündenböcke - irgendwer muss ja schuld sein

Seuchen produzieren Sündenböcke, jemand muss ja schuld sein an dieser Krankheit. Durch dieses im Fachjargon "Othering" genannte Phänomen, also den Versuch, das Virus Fremden zuzuschreiben oder die anderen zu Verursachern zu machen, habe man das Gefühl, "die Seuche kontrollieren und auch von sich wegschieben zu können", erklärt Malte Thießen.

Somit sei nicht nur die Seuche das Problem, sondern tiefsitzende Stereotype und Ängste, die durch die Seuche reaktiviert würden, so der Historiker.

Früher die Juden, heute die Chinesen?

So könne man aktuell das Erstarken von antisemitischen, aber auch rassistischen Zuschreibungen beobachten: "Zum Beispiel 2020, als chinesisch aussehende Menschen in Deutschland in der U-Bahn plötzlich angeblafft wurden." Migranten oder auch ärmere Menschen würden plötzlich als Bedrohung gesehen.

"Wir schreiben die Seuche sozusagen bestimmten Gruppen zu, um sie verorten zu können. Damit haben wir so eine Art Kontrollgefühl und ein Stück weit ein Sicherheitsgefühl." Medizinhistoriker Malte Thießen

Die eigentliche Bedrohung wird gerne übersehen

Ein trügerisches Gefühl der Sicherheit, da man für die eigentliche Bedrohung blind werde. "Man kann das zum Beispiel in der Corona-Pandemie bemerken, dass nach wie vor der soziale Nahbereich immer als eher ungefährlich gilt. Das heißt, die Menschen, die wir kennen, die wir mögen, die wir lieben, die sind eben nicht das Problem", sagt Malte Thießen.

Das mache das Zusammenleben im Nahbereich zwar einfacher, problematisch sei aber, dass dadurch die Infektionsgefahr im eigenen Nahbereich übersehen werde.

Pandemie als Leistungstest für den Staat

Die Pandemie legt aber nicht nur erbarmungslos die Defizite der Gesellschaft und des Einzelnen offen, sondern auch die des Staates. In der Pandemie bewahrheite sich die Krisenlösungskompetenz von Regierungen, so Thießen. Der Kampf gegen Pandemien sei immer politisch aufgeladen, "weil man es immer als Leistungstest versteht und damit natürlich auch zeigen will, dass man die Pandemie im Griff hat".

Dabei prallen zwei Welten aufeinander: die seit dem 19. Jahrhundert herrschende Vorstellung, dass der Staat eine Schutzpflicht gegenüber seinen Bürgern hat - und die Freiheiten des Einzelnen. "Im Pandemiefall geht es letztlich immer um das Verhältnis des Einzelnen zum Staat und damit um die Grundsätze der Gesellschaft", weiß Thießen. Deshalb seien Eindämmungsmaßnahmen auch so umstritten und emotional massiv aufgeladen.

"Druck, Ausgrenzung und Kontrolle helfe nur bedingt weiter"

Aus historischer Perspektive ist sich Malte Thießen nicht sicher, ob der Wunsch nach einem starken Staat, der in der Pandemie durchregiert, wirklich effektiv ist. Letztlich gehe es bei der Pandemiebekämpfung immer darum, "dass möglichst alle an einem Strang ziehen, dass jede Bürgerin, jeder Bürger die Pandemie-Bekämpfung zu seiner Sache macht."

Druck, Ausgrenzung und Kontrolle helfe nur bedingt weiter. Auch wenn es schwer falle zu glauben, sagt der Historiker, so seien die endlosen Diskussionen im Parlament "manchmal effektiver, weil wir dadurch zu Lösungen kommen, mit denen der Großteil der Gesellschaft leben kann und weil sie auch unserem Gesellschaftsmodell entspricht".

"Die Pandemie ist ja nicht nur ein Test auf unser Gesundheitswesen, sondern eben auch immer ein Test auf unsere Gesellschaft, auf die Form, wie wir zusammenleben wollen." Medizinhistoriker Malte Thießen

Schon im 19. Jahrhundert wurden Impfpässe gefälscht

Und es gibt noch eine weitere Parallele der Corona-Pandemie zu früheren Seuchen, die einen erstmal Schmunzeln lasse: Schon seit dem 15. Jahrhundert gibt es Gesundheitspässe, mit denen man als Reisender nachweisen konnte, dass man aus einem gesunden Gebiet in ein anderes einreisen kann - also eine Art Impfpass.

Das Lachen bleibe ihm aber schnell im Halse stecken, sagt Thießen. In historischer Perspektive könne man nämlich auch sehen, dass "mit den Pässen auch das Fälschungswesen sofort floriert", insbesondere bei der Impfpflicht im 19. Jahrhundert, die gegen die Pocken verhängt wurde. "Danach floriert der Handel mit gefälschten Impfausweisen, also auch das leider etwas, was einem doch heute ziemlich bekannt vorkommt."

Epidemien haben in der Vergangenheit zu Verbesserungen geführt

Doch es gebe auch einen Hoffnungsschimmer, wenn man sich die Geschichte von Seuchen anschaue. So seien diese Epidemien früher immer auch ganz starke Impulse für soziale Reformen und Verbesserungen gewesen. "Also beispielsweise wurde eingeführt, dass das Trinkwasser eine gewisse Qualität haben muss - bestimmte Hygienevorstellungen, die uns heute selbstverständlich vorkommen", erklärt Malte Thießen.

Eine Pandemie wolle er deshalb nicht herbeischreien, so der Medizinhistoriker. "Aber zumindest ist das ein Nebeneffekt, der uns vielleicht so ein bisschen optimistisch stimmen kann."

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Theo.Logik

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