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Kirchen: Münchner "Querdenken"-Demo war kein Gottesdienst | BR24

© picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Jürgen Fliege, Ex-Fernsehpfarrer und Moderator, spricht bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen.

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Kirchen: Münchner "Querdenken"-Demo war kein Gottesdienst

Nachdem am Sonntag zu viele Menschen zur "Querdenken"-Demonstration auf der Münchner Theresienwiese gekommen waren, erklärten die Veranstalter die Demonstration kurzerhand zum "Gottesdienst". Die beiden großen Kirchen widersprechen dieser Auffassung.

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Von
  • Markus Kaiser
  • Arno Trümper

Rund 1.900 Menschen protestierten am Sonntag auf der Theresienwiese in München gegen die Corona-Maßnahmen. Zugelassen hatte die Stadt nur 1.000 Teilnehmer. Die Veranstalter der Initiative "Querdenken" wollten die Beschränkung mit einem Kniff umgehen und erklärten die Versammlung zu einem "Gottesdienst" - immerhin wurde als Redner auf der Bühne der ehemalige evangelische Fernsehpfarrer Jürgen Fliege erwartet.

War die "Querdenker-Demo" ein Gottesdienst?

Ein katholischer Gottesdienst war es nicht, sagt die katholische Kirche. Denn hierfür "gelten die liturgischen Vorgaben und gewisse Standards, die erfüllt sein müssen", so der Generalvikar des Erzbistums München und Freising, Christoph Klingan, auf BR-Anfrage.

Mit Blick auf die Initiative "Querdenken" spricht sich Christoph Klingan für die Einhaltung der Vorgaben der Staatsregierung zum Infektionsschutz aus. "Gerade als Kirche rufen wir zu verantwortungsvollem Handeln auf." Dazu gehöre der Mindestabstand und das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung. Maßnahmen, die von einzelnen Teilnehmern auf "Querdenker-Veranstaltungen" immer wieder missachtet wurden.

"Generell gilt in der Diskussion um geltende Regeln im Umgang mit Corona: Unsere Antworten als Kirche sind nicht Verschwörungstheorien, Schwarz-Weiß-Denken oder eine Instrumentalisierung von kirchlichen 'Formaten' für politische Zwecke. Unsere Antwort ist Gebet, Solidarität und schlicht verantwortungsvolles Handeln." Christoph Klingan, Generalvikar des Erzbistums München und Freising.

Gebet statt Verschwörungstheorien

Und auch die evangelische Kirche distanziert sich vom angeblichen Gottesdienst. Hätte Jürgen Fliege einen Gottesdienst abhalten wollen, hätte er dies im Vorfeld mit einer Gemeinde vor Ort absprechen müssen, so Johannes Minkus, Pressesprecher der evangelischen Landeskirche. Dies sei nicht geschehen. Die spontane Umbenennung einer Demonstration zu einem Gottesdienst bezeichnet Minkus als "Etikettenschwindel".

Der zuständige evangelische Regionalbischof Christian Kopp zeigte sich irritiert von der Veranstaltung auf der Thersienwiese. Was dort passiert sei, wäre nicht mit der üblichen Form eines Gottesdienstes zu vereinbaren. Im Übrigen bemühten sich in München tausende engagierter Christen um die Durchführung von Gottesdiensten unter Hygienebedingungen, was bei den "Querdenkern" nicht der Fall gewesen sei.

"Missbrauch der Religionsfreiheit"

"Es ist entlarvend, wie schamlos ausgerechnet angebliche Verteidiger der Grundrechte das Grundrecht auf Religionsfreiheit missbrauchen", schrieb Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter über die Umbenennung der Demonstration auf dem städtischen Twitter-Kanal. Ähnlich äußerte sich auch Petra Bahr, evangelische Regionalbischöfin aus Hannover und Mitglied im Deutschen Ethikrat: "Das ist ein abstoßender Missbrauch eines hohen Rechtsgutes."

Dass in Zukunft weitere Demonstrationen unter dem Label "Gottesdienst" stattfinden werden, sei allerdings nicht zu erwarten, sagt Evelyn Menges, Expertin für Staatskirchenrecht. Denn Gottesdienste können nur von anerkannten Religionsgemeinschaften durchgeführt werden. Und es sei nicht zu erwarten, dass sich die bestehenden Glaubensgemeinschaften von der Intiative "Querdenken" instrumentalisieren ließen.

"Das Ganze war als normale Versammlung angezeigt und dann wurde plötzlich behauptet, es sei ein Gottesdienst. Die Polizei hat das laufen lassen, aber ich will ganz klar sagen: Für eine Wiederholung eignet sich das nicht." Innenminister Joachim Herrmann

Ähnlich sieht das Staatskirchenrechtler Stefan Korioth von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er weist zwar auf das grundsätzliche Recht der Religionsfreiheit hin: Jeder dürfe seine Religion so ausüben, wie er oder sie es möchte. Allerdings müsse die Erklärung, warum eine Veranstaltung ein Gottesdienst ist, plausibel sein. Dass die Demo am Sonntag auf der Münchner Theresienwiese ein Gottesdienst gewesen sein könnte, das hält Korioth für nicht plausibel.

Ex-Fernsehpfarrer Fliege und die Organisatoren der "Querdenken"-Demo haben auf die Bitte um eine Stellungnahme vonseiten des BR bisher nicht geantwortet.

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