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Bildrechte: Benjamin David

Corona hat die Kultur lahmgelegt, Künstlerinnen und Künstler antworten mit Kreativität auf die Krise. Zum Beispiel in München.

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Not macht erfinderisch: Kultur in Zeiten von Corona

Corona hat die Kultur lahmgelegt: Auftritte, Austausch, kreatives Miteinander – all das war von heute auf morgen nicht mehr möglich. Mit ungewöhnlichen Ideen versuchen Künstlerinnen und Künstler, aus der Not eine Tugend zu machen.

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Von
  • Flora Celine Roenneberg

Es klingelt. Das Telefon der bunt bemalten Telefonzelle auf der Wiese vor der Filmhochschule München läutet ein neues Projekt ein. Am Apparat Doris Dörrie: Im Sommer 2020 lauschte sie den Geschichten der Krise. Die Autorin und Regisseurin hat hier gemeinsam mit ihren Studenten ein Erzählprojekt ins Leben gerufen. Bei der Aktion "Zuhören", geht es um den Austausch und das Miteinander. Das, was in der Krise fehlt. Doch es geht vor allem um das Erzählen.

Geschichten gegen die Krise

Dies erkannte auch die Geschichtenerzählerin Momo Heiß, die gemeinsam mit Katharina Müller, der Gründerin des "Machwerks", ein Geschichtenprojekt ins Leben rief. Um den Alltag mit Poesie und Inspiration zu füllen, gerade in Zeiten der Pandemie, haben die beiden Künstlerinnen die Kunst- & Kulturkonserven geschaffen. Kleine bunte Dosen, die man für einen Euro an alten Süßigkeiten-Automaten in ganz München ziehen kann, laden dazu ein, zu lachen, zu basteln, zu diskutieren und mit anderen in Kontakt zu treten.

"Uns war es einfach wichtig, dass wir wieder zum Machen und zum Tun anregen. Und zum Austausch miteinander", sagt Momo Heiß. "Deswegen haben wir ja auch in allen Dosen immer die Möglichkeit, mit dem Projekt selbst zu interagieren." Geschichten werden gezogen, getauscht, neu-, weiter- und zu Ende erzählt. So hat vor einem Jahr im Lockdown die Flüsterpost der Kunst und Geschichten begonnen, und wird täglich weitergegeben.

© Momo Heiß
Bildrechte: Momo Heiß

Inspiration aus dem Automaten: Kunst- und Kulturkonserven in München

Musik gegen die Krise

Es ist still geworden in München. Diese Stille können viele Musiker nicht länger ertragen. Um Livemusik am Leben zu erhalten, haben sich 17 Münchner Bands zusammengetan: Sie bilden ein Künstlerkollektiv, für München, Monaco, in Zeiten von Corona – so kam der Name "MonaCorona" zustande. Ziel der Initiative, die Nathalie Aguilar und Tobias Eichhorn ins Leben gerufen haben, ist es, auch in Zeiten der Pandemie Musikerinnen und Musikern die Möglichkeit zu geben, wieder auftreten zu können. Dafür wurde eine mobile Pop-up-Bühne konstruiert: Damit endlich wieder gesungen wird.

Und in der Stille wird auch neu komponiert, sagt Nathalie Aguilar. "Wäre die Pandemie nicht, wäre 'MonaCorona' nicht, hätte ich nie die Songs, die ich jetzt gerade im Hintergrund schreibe." "MonaCorona" vereint verschiedene musikalische Genres: Pop, R&B, Synthpop, Disco, Rock, spanische Musik, lateinamerikanische Musik, Hip-Hop und Jazz. Es geht darum, Künstler zusammenzubringen und eine gemeinsame Stimme zu finden. Die Krise hat die Musiker zusammengeführt, und dadurch ist etwas ganz Neues entstanden. Dafür hat "MonaCorona" sprichwörtlich die Bühne bereitet.

© MonaCorona
Bildrechte: MonaCorona

Tobias Eichhorn und Nathalie Aguilar protestieren gegen die Stille

Auch der Münchner Kulturlieferdienst bringt Musik auf die Straße – und bis vor die Haustür. Der Veranstalter Benjamin David nutzt hier eine rechtliche Lücke, um auch in der Krise Konzerte im öffentlichen Raum organisieren zu können: "In der bayerischen Gesetzeslage gibt es einen ganz interessanten Aspekt, und zwar ist es so, dass Demonstrationen jetzt auch während der Pandemie bis zu einer Teilnehmerzahl von 200 Personen zugelassen sind, anfangs waren es 50", erklärt er. Der Kulturlieferdienst nutzt diese rechtliche Lücke sehr verantwortungsvoll und ermöglicht so Konzerte im öffentlichen Raum: unter freiem Himmel, mit viel Abstand "verwandeln wir quasi Autostraßen in Konzertsäle", so David.

© Kulturlieferdienst Vica Halt
Bildrechte: Kulturlieferdienst Vica Halt

Straßentheater auf Stelzen – und auf Abstand

Das Projekt "Coupon-Concerts" bringt die Musik sogar bis ins Wohnzimmer und in den Garten. Die Musikerinnen und Schwestern Alice und Anne Weber haben das Projekt gemeinsam mit Freunden ins Leben gerufen, um Auftrittsmöglichkeiten zu schaffen. Die Idee: Das Konzert wird nach Hause geliefert: "Irgendwie muss man die Zeit doch jetzt nutzen", meint Alice Weber. "Man muss wirklich mal was anderes machen, was aufbauen. Auf die Idee von 'Coupon Concerts' sind wir dann aufgrund dieser Gutscheinplattform gekommen, die es für Cafés und Restaurants gab. Und dann haben wir gesagt: So was brauchen wir auch."

Experimente gegen die Krise

Distanz und Nähe – das betrifft uns alle in Zeiten der Pandemie. Nähe und Distanz – das ist auch das Thema der Münchner Künstlerin Susanne Schütte-Steinig. Sie spürt Räumen nach, sie erkundet das Unsichtbare, eine Forscherin im Zwischenraumlabor. Als Tänzerin und Architektin will sie in ihrer Arbeit körperliche und geistige Grenzen überschreiten. Sie erklärt: "Also, mich berührt Kunst dann, wenn sie meine Perspektive auf mich selber und auf die Welt verändert." Bei ihren Begegnungs-Experimenten stülpen sich die Teilnehmer seltsam geformte durchsichtige Rüsselhelme über den Kopf und bewegen sich aufeinander zu. Es geht um Kontakt, um Kommunikation – und um die eigenen Grenzen.

© Flora Roenneberg
Bildrechte: Flora Roenneberg

Experiment mit Helm: Die Künstlerin Susanne Schütte-Steinig

Um Grenzen geht es auch bei dem Virtual-Reality-Projekt des Staatstheaters Augsburg. Wenn man die Vorstellung schon nicht im Saal erleben kann, dann eben zu Hause im Wohnzimmer. Das Theater nutzt VR-Brillen, um dem Zuschauer das Bühnenerlebnis auch in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Theater per Post, ein VR-Erlebnis der besonderen Art.

Digital gegen die Krise

Die Grenze zwischen realem und digitalem Erleben von Kultur wird uns in der Krise täglich vor Augen geführt. Livestreams von Konzerten, Lesungen, Talks, Museumsbesuchen, Theater und DJ-Sets aus dem Harry Klein oder dem Goldenen Reiter, #kulturretter-Konzerte oder Hochkultur mit den Kammerspielen und dem Staatsoper TV zeigen, wie die Pandemie für viele den Wandel zur Online-Bühne bereitet. Das DOK.fest München @home 2020 stellte dies mit mehr als 75.000 Zuschauern erfolgreich unter Beweis.

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Bildrechte: BR

Eine besondere Theatererfahrung: Die VR-Brille macht's möglich

Die eigenen Grenzen, sich selbst zu spüren, darum geht es auch beim Tanz. Auch wenn digitale Tanzprojekte wie das Münchner Senioren-Projekt DanceOn@Home zeigen, wie man generationsübergreifend über den Bildschirm die Hüften schwingen kann, fehlt den Tänzerinnen und Tänzern in München die Bühne. Denn wer tanzt, braucht Raum, und der fehlt im Lockdown. Das Festival "Hier=Jetzt" bietet diesen Raum. Wie viele Kulturprojekte in der Krise wagte es den Sprung ins Digitale. Die Initiatorin Johanna Richter erklärt: "Ich glaube, dass jetzt in dieser Corona-Zeit Tanz etwas ist, was uns auch wieder mit dem verbindet, was uns sicherlich, seit es uns gibt, Kraft gegeben hat."

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Bildrechte: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Laurent Paillier

In der Pandemie muss sich die Kunst ganz schön verbiegen...

"Hier=Jetzt" bietet Tänzerinnen und Tänzern eine Bühne für ihren langersehnten Auftritt. Ein Experiment ohne Anspruch auf Perfektion, das Motto #unperfektperfekt gibt ihnen die Möglichkeit, ihre Stückideen online aufzuführen. Ins Leben gerufen wurde das Projekt der Tanztendenz-Initiative von Johanna Richter und Brigitta Trommler. Durch die Online-Aufführungen können vor allem Nachwuchstänzer ihre Ideen ausprobieren und sich mit dem Publikum digital austauschen. Es geht um Bewegung und Begegnung in Zeiten des Stillstands.

Kreativ gegen die Krise

All diese Kunstprojekte machen deutlich, was uns in Zeiten des Stillstands fehlt: Berührung, Begegnung, Bewegung und Austausch. Sie zeigen, wie die Münchner Kunstszene neue kreative Ideen umsetzt, um der Krise die Stirn zu bieten. Auch das Kulturreferat der Stadt bemüht sich um Unterstützung solcher Projekte und Ideen. Für den Kulturreferenten Anton Biebl ist die Pandemie ein Lernprozess: "Was ich da als Erstes gelernt habe, dass es eine unheimlich große Flexibilität gibt, andere Aufführungsorte und auch den Weg ins Digitale zu finden. Das Zweite ist, dass man sich natürlich mit dem Thema Pandemie, Nähe und Distanz stärker auseinandersetzt als bisher. Und das Dritte, das ist auch das Thema Digitales. Wir haben natürlich über das Digitale viel mehr Besucherinnen und Besucher, werden international stärker tätig".

Die digitale Brücke, die geschlagen wurde, hat vieles zugänglich und möglich gemacht. Aber ein Ersatz für das gemeinsame Erleben von Kultur ist sie nicht. Dennoch zeigen die kreativen Konzepte der unterschiedlichen Kulturbereiche, wie erfinderisch die Pandemie gemacht hat, was Kunst in der Krise bedeutet, und wie Künstler der Krise immer wieder neu die Stirn bieten.

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