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Bildrechte: Oliver Berg/dpa

Die Rede von der Solidarität in der Corona-Pandemie ist für den Münchner Soziologen Stephan Lessenich eher rhetorische Floskel denn Handlungsaufforderung. Am Umgang mit der Pandemie übt er Kritik.

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Corona-Kritik: "Solidarität ist nicht mit einem Klick getan"

Die Rede von der Solidarität in der Corona-Pandemie ist für den Münchner Soziologen Stephan Lessenich eher rhetorische Floskel denn Handlungsaufforderung. Am Umgang mit der Pandemie übt er Kritik. Die Sozialpolitik habe ihre Aufgabe nicht erfüllt.

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Von
  • Antje Dechert
  • Veronika Wawatschek

Stephan Lessenich, Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München, stellt der Politik während der Corona-Pandemie ein schlechtes Zeugnis aus: "Die Sozialpolitik hat bislang nicht ihre Aufgabe erfüllt", so Lessenich im BR-Interview. Man habe es versäumt, "diese vermeintlich gemeinsame Betroffenheit zu übersetzen in politische Programme, die die Chancen für alle erhöhen, mit der Pandemie gut umzugehen". In der Breite sei nicht geschaut worden, wo die sozialen Problemlagen sind.

Soziologe: "Solidarität ist nicht mit einem Klick getan"

Vor allem der Begriff der Solidarität ist nach den Worten des Soziologieprofessors eher eine "rhetorische Formel" gewesen. Solidarische Praktiken, vor allem das, was politisch initiiert worden sei, sei eher Mangelware gewesen. Konkret habe sich wenig getan, ob es nun um die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften oder von Kassiererinnen und Kassierer ging oder um die Bedingungen in der Schule. "Da gibt es einige Solidaritätsdefizite, die sich akkumuliert haben in den letzten Monaten", so Lessenich. Wer im Sinne der gesamten Gesellschaft solidarisch handeln wolle, müsse sich selbst organisieren und entsprechend handeln. "Solidarität ist eben auch Arbeit und ist nicht mit einem Klick getan oder mit einmal auf den Balkon treten."

Lessenich: Zu wenig Diskussion, zu viel Verordnungen von oben

Insgesamt sieht Lessenich Defizite in der Debattenkultur während der Pandemie: Es sei eine Paradoxie, dass diejenigen auf die Straße gingen, die eigentlich weniger Demokratie haben wollten. Das liege auch daran, dass in der letzten Zeit die öffentlichen Räume gefehlt hätten, wo man diskutieren hätte können. "Wer ist bedürftig, wer braucht unsere Solidarität? Das ist ja alles in gewisser Weise von oben entschieden worden." Die Parlamente haben nach Meinung des Soziologieprofessors nicht ausreichend diskutiert.

Soziologe: Soziale Dimension des Virus vernachlässigt

Darüber hinaus seien sozialwissenschaftliche Erkenntnisse, die es bereits aus anderen Ländern gab, in Deutschland kaum berücksichtigt worden, kritisiert Lessenich weiter: Im Laufe der Pandemie hätte sich eingebürgert, dass ältere Menschen die vulnerabelsten Personen seien. Sozialwissenschaftliche Studien würden aber zeigen, dass sozial schwache Gruppen besonders stark von der Pandemie getroffen werden. "Von daher müssten eigentlich die untersten Einkommensgruppen und die ärmsten Rentner und Rentnerinnen ganz vorne im Raum stehen in der Impfhierarchie. Aber wir haben diese soziale Dimension kaum thematisiert."

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