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Corona-Kinderbuch: China ist sauer über Hamburger Verlag | BR24

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Druck aus Peking: Weil der Carlsen-Verlag in einem seiner Bücher behauptete, das Covid-19-Virus komme aus China und habe sich von dort weltweit verbreitet, schaltete sich das chinesische Generalkonsulat ein und forderte den "Rückruf" des Titels.

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Corona-Kinderbuch: China ist sauer über Hamburger Verlag

Druck aus Peking: Weil der Carlsen-Verlag in einem seiner Bücher behauptete, das Covid-19-Virus komme aus China und habe sich von dort weltweit verbreitet, schaltete sich das chinesische Generalkonsulat ein und forderte den "Rückruf" des Titels.

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Von
  • Peter Jungblut

Wenn es um die Ursachen der Corona-Pandemie geht, reagiert China sehr dünnhäutig. Wer behauptet, das Virus habe sich von Wuhan aus verbreitet oder sei gar aus chinesischen Laboratorien entwichen, muss mit diplomatischem Gegenwind rechnen. So hat das chinesische Generalkonsulat in Hamburg jetzt sogar Strafanzeige gestellt, weil der Hamburger Carlsen-Verlag im Kinderbuch "Ein Corona-Regenbogen für Anna und Moritz" behauptete, das "Virus komme aus China und habe sich von dort verbreitet". Die "Süddeutsche Zeitung" hatte darüber zuerst berichtet. Wörtlich heißt es auf der halboffiziellen Seite "German.China.org": "Die chinesische Gemeinde ist der Meinung, dass eine einfache Entschuldigung nicht ausreicht und fordert einen Rückruf des Buches."

Verlag sieht "untergeordnete Relevanz"

Der Carlsen-Verlag kam diesem Wunsch nach. In einer Stellungnahme gegenüber dem BR heißt es: "Die Zuschriften zu diesem Thema haben wir aufgegriffen und die Auslieferung des Buches gestoppt. Die Nachauflage ist bereits veranlasst. Da uns die Formulierung zur Herkunft des Virus mit Blick auf die Zielsetzung des Buches (bewusstes Verhalten im Alltag angesichts des Infektionsrisikos) von untergeordneter Relevanz erscheint und eine Auseinandersetzung um Indizien in diesem Zusammenhang als nicht angemessen, haben wir uns entschieden, den Satz aus dem Buch zu streichen."

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Bildrechte: Ng Han Guan/Picture Alliance

Die WHO in Wuhan: Ermittlungen über Pandemie-Ursache

Zur Begründung schreibt der Verlag, die Formulierung, das Virus "komme aus China" sei zum Zeitpunkt der Herstellung des Buches "Stand der Forschung" gewesen: "Heute würden wir diese Formulierung, deren Bedeutung sich als weitaus offener erwiesen hat, als wir es beabsichtigt hatten, nicht mehr treffen. Sollten durch die Formulierung Gefühle von Leser*innen verletzt worden sein, tut uns das sehr leid, und wir bitten die Betroffenen um Entschuldigung." Dem Verlag sei es "wichtig gewesen", im Frühjahr 2020 schnell ein kindgerechtes Buch zum Thema Corona anzubieten.

"Psychologisches" oder politisches Trauma?

Die chinesische Gemeinde in Deutschland sei "verärgert", heißt es auf der deutsch-chinesischen Info-Seite: "Das chinesische Konsulat in Hamburg teilte mit, dass es bei dem Verlag vorstellig geworden sei und warnte die Chinesen, dass Provokation, Diskriminierung und Hass nicht mit den Grundwerten in Deutschland vereinbar seien. Chinesische Bürger sollten vorsichtig und ruhig sein, wenn sie mit solchen Handlungen konfrontiert würden." Konkret hätten Chinesen "schlechte Bewertungen und Kommentare" über das Kinderbuch ins Netz gestellt, andere hätten sogar Anwälte eingeschaltet.

Ein ungenannter chinesischer Anwalt wird mit dem Satz zitiert: "Dies hat ein psychologisches Trauma in der chinesischen Gemeinschaft ausgelöst, insbesondere bei Kindern. Deswegen reagieren Chinesen in Deutschland stärker auf dieses Buch als gewöhnlich, da es rassistische Diskriminierung und Hass zur Folge haben könnte."

Chinas Begeisterung legt sich sehr schnell

Tatsächlich ist es wohl weniger ein "psychologisches" als ein politisches Trauma, das hier eine Rolle spielt. Gerade hat China seinen Künstlern einen Maulkorb verpasst und bedroht alle, die nicht absolut auf Regierungslinie sind, mit zeitweiligen oder lebenslangen Berufsverboten. Der internationale Dienst der BBC wurde wegen "gesetzeswidriger" Inhalte in China verboten. Auch da ging es um einen Fernsehbeitrag, in dem behauptet wurde, China wolle den Ausbruch des Covid-19-Virus in Wuhan "vertuschen". Weil daraufhin das "China Global Television Network" (CGTN) in Großbritannien abgeschaltet wurde, versuchte Peking, eine Sende-Lizenz in der EU zu bekommen.

Vielsagend ist auch der Umgang Chinas mit der Hollywood-Regisseurin Chloé Zhao, deren Film "Nomadland" mit Preisen überhäuft wurde und auch bei den diesjährigen Oscars Top-Favorit ist. Zunächst wurde Zhao, die 1982 in Peking geboren wurde, von den chinesischen Staatsmedien hymnisch gefeiert, als Rechercheure dann aber im Netz fündig wurden und auf kritische Äußerungen von ihr stießen, wonach China "voller Lügen" sei, legte sich die Begeisterung sehr schnell. Der Filmstart von "Nomadland" am 23. April scheint vom Tisch, alle Hinweise darauf wurden gelöscht.

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