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Maßnahmen gegen Corona: Wie die Risiko-Ethik abwägen muss | BR24

© Audio: Bayern 2/Bild: picture alliance/Silas Stein/dpa

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Maßnahmen gegen Corona: Wie die Risiko-Ethik abwägen muss

Die politischen Maßnahmen gegen die Corona-Krise schränken das öffentliche Leben ein und sind auch ein ökonomischer Faktor. Welche Eingriffe sind gerechtfertigt oder geboten? Welche gehen zu weit? Fragen einer Risiko-Ethik an Julian Nida-Rümelin.

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Konzerte und Fußballspiele absagen, Schulen schließen, Reisen einschränken: Politik und Gesellschaft müssen sich in der Frage, wie eine sich ausbreitende Pandemie einzudämmen ist, auf Experten verlassen, die die Sachlage erklären. Und dann eine Abwägung von Risiken treffen, die auch eine ethische Komponente hat. Joana Ortmann hat mit dem Philosophen Julian Nida-Rümelin über die Corona-Krise und ihre Einordnung gesprochen.

Joana Ortmann: Welche Veranstaltung darf stattfinden, welche Institution muss geschlossen werden: Sind das auch Fragen für die Ethik, Herr Nida-Rümelin?

Julian Nida-Rümelin: Ja. Wir sind jetzt konfrontiert mit einer völligen Veränderung des gesellschaftlichen, des kulturellen, des ökonomischen und des sozialen Lebens. Und wenn das eine Maßnahme ist, die dann, wenn die Regierungspropaganda aus China stimmt, dazu führt, dass die Infektionskrankheit sich nicht weiter ausbreitet oder sogar völlig zum Erliegen kommt, dann ist das alles verkraftbar. Und dann kann sich die Gesellschaft darauf einstellen. Also Solidarität gegenüber den Schwachen und Menschen mit Vorerkrankung, die sind ja nun wirklich die Risikogruppen, nicht die Normalbevölkerung und vor allem nicht die Jüngeren. Aber wenn sich das hinzieht, über Monate, weil eben doch die Ausbreitung nicht gestoppt werden kann, weil wir zu spät eingegriffen haben, dann fürchte ich, dass wir einen dauerhaften Schaden erleiden werden, ökonomisch, aber auch kulturell und sozial. Menschen ziehen sich dann zurück. Die ängstlichen, die ohnehin dazu neigen, sich zurückzuziehen, werden dann möglicherweise erst recht in eine Art Depression verfallen. Das macht mir durchaus Sorgen.

Wir sind natürlich immer angewiesen auf das Urteil von Expert*innen, die ja die Grundlagen für eine solche ethische Entscheidung bereitstellen müssen. Das müsste ja eigentlich genau der Punkt sein, wo ein Risiko-Ethiker oder auch ein Entscheidungstheoretiker – auch dies ist ein Feld, das Sie beackert haben – ansetzt. Wie setzt er an?

In der Tat, das ist ein Spannnungsverhältnis. Auf der einen Seite verlässt man sich auf die Expertisen. Virologische Expertise ist ja erstmal nur: Wie testen wir das Virus, wann können wir möglicherweise sichere Impfungen entwickeln? Die zweite, schon schwierigere Expertise betrifft die Frage: Was ist der Gesellschaft zumutbar? Das wird manchmal als Stammtisch-Geschwätz abgetan, aber ganz so würde ich es nicht abtun. Die große Grippewelle 2017/18 hat ungefähr 25.000 Menschen in Deutschland das Leben gekostet. Und da ist es nicht völlig abwegig zu sagen, es gab damals keine übermäßige Aufregung, es gab keine Warnungen vor dem Zusammenbruch des gesamten Gesundheitssystems in Deutschland. Es betraf auch damals überwiegend die Älteren, diejenigen mit Vorerkrankungen, die Immunsupprimierten. Und deswegen ist es legitim, sich darüber Gedanken zu machen, welche Kosten jetzt der Versuch der Eindämmung hat.

Wenn die Bundeskanzlerin recht hat, nämlich dass 60, 70 Prozent der Bevölkerung vermutlich ohnehin von dem neuartigen Coronavirus infiziert werden, dann stellt sich die berechtigte Frage: Welche Kosten sind wir bereit, in Kauf zu nehmen? Ich will jetzt nicht das Drama überziehen, aber wenn wir durch die weltweiten Maßnahmen (Mobilitäts-Stopp, Absage von Flügen, Absage von Konferenzen, die Leute konsumieren nicht mehr) die nächste große Weltwirtschaftskrise auslösen – die von 2008, die indirekt auch sehr viele Todesfälle nach sich gezogen hat, ist gerade erst in den letzten Jahren überwunden worden – wenn eine labile Weltwirtschaft zum Kippen käme, weil wir über Monate hinweg das ökonomische und soziale Leben, das kulturelle ohnehin, praktisch unterdrücken, dann wäre dieser Preis zu hoch, wenn die Sterblichkeit nur unwesentlich höher liegt als bei gewöhnlichen Grippe.

© picture alliance/Geisler-Fotopress

Philosoph Julian-Nida-Rümelin

Das hört sich jetzt in meinen Ohren, auch wenn es sehr schlüssig klingt, eher wie die Argumentation eines Ökonomen an als die eines Ethikers.

Nein. Man darf ökonomische Aspekte nicht abwägen gegen Menschenleben. Aber man darf durchaus prüfen: Handeln wir kohärent? Es kann nicht sein, dass man versucht, bestimmte Risiken, die vielleicht viel niedriger sind als andere, unter extremen Kosten zu vermeiden, und andere Risiken als selbstverständlich hinzunehmen. Das geht nicht. Wir müssen schon eine ungefähr kohärente Praxis etablieren, und die Frage ist berechtigt, ob wir im Falle von Covid 19 diese Abwägung richtig vornehmen und vor allem dosiert genug einsetzen.

"Dosiert genug" das ist der nächste interessante Punkt: Denn wie restriktiv sollten wir da sein, wenn man jetzt von einer "Logik kollektiver Entscheidungen" ausgeht, wie der Titel eines Ihrer Bücher lautet?

Zu Beginn einer solchen Infektionskrankheit, die sich ausbreitet, ist das jeweilige Risiko, an dieser Krankheit für den Einzelnen zu erkranken, extrem niedrig. Es ist rational, es zu vernachlässigen. Das Problem dabei ist, dass durch diese anfängliche Vernachlässigung – eine eigentlich rationale Haltung – die Exponentialfunktionen in Gang kommen, dann entsprechend dieses Risiko steigt und steigt und steigt, während man es mit relativ geringen Kosten zu Beginn hätte unter Kontrolle bringen können. Es stellt sich in der Tat die Frage, ob Deutschland nicht jetzt schon zu spät dran ist, weil die Infektionswege, wer mit wem zusammen war, bei der Zahl, die wir jetzt schon haben, vermutlich nicht mehr vollständig nachvollzogen werden können, die Isolierung nicht mehr gelingt. Und wir damit allenfalls eine Verzögerung des Anstiegs erreichen, aber nicht mehr eine Blockade der weiteren Ausbreitung, wie sie – nach Regierungspropaganda – China jetzt für sich behauptet. Deswegen klingt es erstmal merkwürdig, dass Länder, die weniger betroffen sind als Deutschland, zum Teil drastischere Maßnahmen ergreifen. Das ist aber eigentlich ein Denkfehler. Das könnte absolut rational sein, weil es vielleicht in diesen Ländern dann erst gar nicht zu einer Pandemie kommt.

Ich nehme an, dass wahrscheinlich zwei Herzen in Ihrer Brust schlagen, eine Art Doppel-Expertise: einerseits als Denker, Philosoph, Theoretiker, andererseits waren Sie ja auch mal Kulturreferent und Staatsminister. In dieser Diskrepanz, in der die politisch Verantwortlichen ja jetzt auch stecken, kennen Sie sich wahrscheinlich aus ...

Ja. Dass gerade das öffentliche kulturelle Leben, die Begegnung, das Erste ist, auf dass wir gewissermaßen verzichten ... Ich bin jetzt auf einer Konferenz, da hatte ich auch gedacht, das wird natürlich abgesagt, es ist aber nicht abgesagt. Nur wenn dieser Trend anhält und am Ende der gesamte kulturelle und der wissenschaftliche Austausch jenseits der Expertenforen zum Erliegen kommt und das über Monate hinweg, dann muss man sich Sorgen machen. Denn dann werden wir sehr rasch merken, wie sehr die Qualität des Lebens in Deutschland von diesen Begegnungsmöglichkeiten und der wechselseitigen Bestärkung abhängt – es hat ja auch eine beruhigende Funktion, dass man unter anderen ist – und wie sehr wir das vermissen werden.

Von Julian Nida-Rümelin ist gerade in der Edition Körber der Band "Die gefährdete Rationalität der Demokratie. Ein politischer Traktat" erschienen.

© Edition Körber

Julian Nida-Rümelin: "Die gefährdete Rationalität der Demokratie. Ein politischer Traktat"

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