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Armut, Elend, Gewalt - und jetzt verschärft die Coronakrise die Lage in Guatemala noch weiter

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Corona in Guatemala: Das Virus trifft die Ärmsten am härtesten

Die Vereinten Nationen warnen vor Hungersnöten biblischen Ausmaßes durch die Corona-Pandemie. Schon jetzt zeigt sich in den Armenvierteln Guatemalas: Das Virus trifft die Ärmsten am härtesten. Und die Prognosen sind düster.

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Von
  • Andreas Boueke

Reyna Gonzalez möchte arbeiten - egal was. "Ich brauche Arbeit, damit ich meiner Familie helfen kann. Sonst haben wir nichts zu essen." Reyna ist acht Jahre alt.

Eltern sorgen sich um ihre Kinder, aber nicht wegen des Virus

So wie Reyna und ihrer Familie geht es derzeit vielen Familien in Guatemala, sagt der katholische Sozialarbeiter Cesar Puac. Er betreut bedürftige Familien der Gemeinde des Heiligen Petrus Nolasco im Westen der Hauptstadt Guatemala-Stadt.

Im Viertel La Comunidad leben mehr als 70.000 Menschen - die meisten in Armut, viele in extremer Armut. In Zeiten der Pandemie würden sich viele Eltern um ihre Kinder sorgen - aber nicht wegen des Virus, sondern weil sie nicht mehr wissen, was sie ihnen zu essen geben können, sagt Puac.

Reynas Vater wäre an diesen Sorgen fast gestorben: Er wollte sich das Leben nehmen. Sein Sohn Edvin - er ist 14 - fand ihn. Trotz ihrer jungen Jahre haben Reyna und Edvin schon viel Leid erlebt: Elend, Gewalt, Hunger und Eltern, die alle Hoffnung verloren haben - all das gehört zum Alltag vieler Kinder in den Armenvierteln Lateinamerikas.

Strikte Quarantäne würde für viele den Hungertod bedeuten

Und jetzt treffen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie einige Ländern Lateinamerikas ganz besonders. In Guatemala halten sich die offiziellen Infektionszahlen auf hohem Niveau, wobei die Zahl der unerkannten Coronafälle vermutlich deutlich höher liegt. Die Sterberate ist die höchste aller Länder Mittelamerikas.

Einen Lockdown konnte die Regierung nie durchsetzen, auch weil eine strikte Quarantäne den Hungertod Tausender Menschen bedeuten würde. Doch auch die nur halbherzigen Eindämmungsmaßnahmen haben die schon zuvor labile Wirtschaft deutlich ausgebremst. Das Amt des Ombudsmanns für Menschenrechte in Guatemala geht davon aus, dass Anfang 2021 rund ein Viertel der guatemaltekischen Bevölkerung nicht genug verdienen wird, um sich ausreichend ernähren zu können. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warnt vor "Hungersnöten biblischen Ausmaßes".

Zu Essen gibt es höchstens noch Maistortillas mit Salz

Und das Kinderhilfswerk Unicef warnt vor einem drastischen Lockdown in Guatemala. Die Hälfte der guatemaltekischen Kinder gilt schon jetzt als chronisch unterernährt.

Die Krankenschwester Ludvi Santos hatte in den vergangenen Monaten deutlich häufiger mit unterernährten Kindern zu tun als mit Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Seit Beginn der Pandemie hat die Zahl der Hilfesuchenden in den Gängen des öffentlichen Gesundheitspostens von La Comunidad rapide zugenommen. Manche würden nur noch Maistortillas mit Salz essen. Das habe es auch schon immer gegeben. Aber jetzt sei es besonders schlimm.

"Wir sagen den Leuten: 'Schützt euch vor dem Virus und bleibt zu Hause.' Aber wir wissen ja gar nicht, in welchen Bedingungen sie dort leben." Schon vor der Pandemie hätten viele Familien nicht genug zu essen gehabt. "Jetzt wird das Problem noch schlimmer, weil so viele Erwachsenen keine Arbeit mehr haben und die engen Hütten nur selten verlassen."

Mit dem Hunger kommt die Gewalt

Pater Abel Villegas versucht hier zu helfen. Er registriert die Namen hilfsbedürftiger Menschen, die in der Hoffnung auf Unterstützung zu ihm kommen. Seit Beginn der Corona-Krise verteilt die Gemeinde des Heiligen Petrus Nolasco immer wieder Nahrungsmittel. In einem Saal neben dem Gebäude der Kirche stapeln sich Säcke und Kisten voller Lebensmittel - genug für etwa 400 Familien. Und doch reicht das nicht.

Denn der Pater weiß: Mit dem Hunger kommt die Gewalt - auch gegen kirchliche Mitarbeiter. "Es gibt hier Leute, die jemanden töten, um essen zu können." Viele seiner Mitarbeiter hätten Angst, in die engen Gassen zu gehen und dort vielleicht überfallen zu werden. "So können wir die ärmsten Familien nicht erreichen. Sie müssen zu uns kommen."

Raub, Mord, Kriminalität, wenig Schulbildung

In den vergangenen zwei Jahrzehnten konnten fast alle Länder Lateinamerikas bemerkenswerte Entwicklungserfolge erzielen. In Guatemala aber ist die Kindersterblichkeitsrate gestiegen und die Armut hat zugenommen. Eines der gravierendsten Entwicklungshemmnisse ist die alltägliche Gewalt. Und auf Hilfe der guatemaltekischen Justiz können die Menschen in den Armenvierteln nicht zählen. Nicht einmal jeder zwanzigste der vielen Morde wird aufgeklärt.

Die Prognose verdüstert sich zusätzlich. Seit Monaten findet an den guatemaltekischen Schulen kein Unterricht mehr statt. Für die meisten der rund anderthalb Millionen Kinder, war dieses Jahr an den öffentlichen Schulen ein verlorenes.

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