BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Corona in der Puszta: "Gräfin Mariza" in Eggenfelden | BR24

© Theater an der Rott/Eggenfelden

Ganz in rot: Operettenseligkeit

Per Mail sharen

    Corona in der Puszta: "Gräfin Mariza" in Eggenfelden

    Vier Schweine auf Marmor-Sockeln und eine Fürstin auf Botox: Das Theater an der Rott zeigte Emmerich Kálmáns Ungarn-Operette sehr nostalgisch und konventionell. Das begeisterte das Publikum, obwohl nicht alle Darsteller begnadete Humoristen waren.

    Per Mail sharen

    Eigentlich hat die titelgebende ungarische Gräfin Mariza ja 20 000 Schweine im Stall, wie sie selbst behauptet, aber im Theater an der Rott spielen davon nur vier durchgehend mit. Die allerdings dürfen sich auf Marmor-Podesten fläzen und sind sozusagen fleischgewordene Denkmäler des hier vorgeführten landwirtschaftlichen Wohlstands. Vielleicht auch schweingewordene Operettenseligkeit. Das Borstenvieh ist aus der Puszta jedenfalls nicht wegzudenken, deshalb hat auch ein Marzipan-Schwein einen Kurzauftritt, ein Sparschwein in Nationalfarben und nicht zuletzt ein Stoff-Ferkel, das einen Heiratsantrag macht, von einem gewaltigen Schinken ganz zu schweigen. Regisseurin Elke Schwab beließ Kálmáns Erfolgsstück also da, wo es traditionell hingehört: Aufs ganz platte Land irgendwo zwischen Wien und Budapest. Und das fanden die Eggenfeldener Zuschauer offenkundig so überzeugend, dass sie am Ende begeistert klatschten. Ja, ländlich wirkte diese Inszenierung in jeder Beziehung, altmodisch auch, platt allerdings nicht.

    © Theater an der Rott/Eggenfelden

    Mariza zwischen Männern

    Fürstin ließ sich runderneuern

    Über knapp drei Stunden ist die Aufführung durchaus kurzweilig, es wird gewitzelt über Corona am Plattensee, darüber, dass der Tenor aussieht wie André Rieu und natürlich über Männer und ihre verhängnisvolle Neigung zum Reden ohne zu handeln. Eine achtzigjährige Fürstin Guttenstein im Goldlamé-Outfit darf sich glamourös zeigen, die sich in Amerika mit Hilfe von Botox und plastischer Chirurgie runderneuern ließ, ein theaterbegeisterter Kammerdiener darf mit Klassiker-Zitaten um sich werfen und ein Exkurs über politische Korrektheit ist auch dabei: "Zigeuner" ist danach nicht in jedem Fall eine rassistische Schmähung, vielmehr gebe es durchaus Menschen, die nichts dagegen hätten, so bezeichnet zu werden.

    © Theater an der Rott/Eggenfelden

    Happy End in Ungarn

    Das Problem der Inszenierung: Die Männer meistern ihre Rollen stimmlich und schauspielerisch geradezu bewundernswert, allen voran Tenor Clemens Kerschbaumer als Graf Tassilio Endrödy-Wittenburg. Er und seine Kollegen wirken auch in dieser betont konventionellen Optik nie betulich, altbacken und kapriziös. Harald Wurmsdobler als tanzbegeisterter Gutsbesitzer aus Varaszdin ist ebenso spielfreudig, entspannt und glaubwürdig wie Andreas Barth als martialischer rumänischer Uradeliger. Die Frauen haben es dagegen vergleichsweise schwer. Eva Maria Amann in der Titelrolle wirkte in der Titelrolle schauspielerisch überfordert, noch mehr die allerdings durch eine Verletzung eingeschränkte und auf einen Gehstock angewiesene Franziska Blaß in der Doppelrolle der jugendfrischen Seniorin Guttenstein und der wahrsagenden "Zigeunerin" Manja.

    Es hätte eine begnadete Komödiantin erfordert, die eitle Fürstin im Schönheitswahn zu karikieren, doch soviel Talent ist wenigen Operetten-Darstellern gegeben: Satire ist so ziemlich das Schwerste in diesem Metier und geht deshalb regelmäßig schief. Etwas glaubwürdiger war Frauke Burg als lebenslustige Lisa. Doch letztlich waren alle drei Sängerinnen nicht wirklich in der Lage, das wohl ironisch gemeinte Regie-Konzept auszufüllen. Vielmehr sagten sie ihre Sprechtexte eher hilflos auf, kicherten dazu bisweilen unmotiviert und markierten die geforderte adelige Hochnäsigkeit nur, statt sie zu entlarven.

    Ungarisches Bullerbü

    Ausstatter Florian Angerer hatte für die Verhältnisse des kleinen Theaters an der Rott aufwändige Kostüme und Kulissen entworfen, eine Art rot-weiß-grünes, ungarisches Bullerbü, das von Lichtdesigner Georg Ochsenbauer effektvoll in Szene gesetzt wurde. Warum soll Operette nicht mal pittoresk und märchenhaft sein dürfen? Es stimmt ja, was Elke Schwab im Programmheft sagt, dass es wenig Sinn hat, die "Gräfin Mariza" in unsere Gegenwart zu übertragen. Nun lässt sich natürlich fragen, warum das Stück dann auf dem Eggenfeldener Spielplan steht. Womöglich, weil es nicht nur hier eine tiefe Sehnsucht gibt nach solchen heimeligen Lesarten: Der deutlich moderner und politischer aufgezogene "Ball im Savoy" war im selben Haus beim Publikum jedenfalls nicht so erfolgreich.

    Musikalisch war es dank Dirigent Gerald Karl ein so schwungvoller wie farbenreicher Gute-Laune-Abend, der im Orchester sINNfonietta hier und da vielleicht etwas temporeicher hätte sein können. Doch die Choreographen Daniel Morales Pérez und Elias Morales Pérez sorgten mit Polonaise, Ringelreihen und Flamenco-Einlage auf der Bühne für putzmuntere Geschäftigkeit. So wurden die drei Stunden nicht lang, trotz der biederen Inszenierung und der vorhersehbaren Handlung. Es war, als ob jemand ein etwas verstaubtes Album öffnete, in dem sich überraschend farbenfrohe Bilder befinden: In Budapest schätzen sie diese Art Nostalgie bis heute.

    Bis 15. März 2020 im Theater an der Rott in Eggenfelden.

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

    Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!