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Corona: Bayerns Kinderchören geht die Luft aus | BR24

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Corona: Bayerns Kinderchören geht die Luft aus

Die Coronabeschränkungen machen den Mädchen- und Knabenchören in Bayern arg zu schaffen. Sie dürfen nur in kleinen Besetzungen proben, können kaum um Nachwuchs werben - und vor allem fallen Einnahmen durch Konzerte aus.

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Von
  • Ulrich Trebbin

Der Tölzer Knabenchor hat in diesem Jahr wegen Corona schon ein Drittel seiner Konzerte absagen müssen - ein Verlust von einem beträchtlichen sechsstelligen Betrag. Das tut weh, denn die Hälfte ihrer laufenden Kosten müssen die Tölzer durch Konzerte einspielen.

Tölzer Knabenchor droht das Aus

Das ist aber erst der Anfang, denn die Hauptsaison für die Chöre kommt in der Weihnachtszeit. "Wenn wir wegen Corona wieder zahlreiche Konzerte absagen müssen, dann weiß ich nicht, ob es den Tölzer Knabenchor im nächsten Jahr noch gibt", sagt der Künstlerische Leiter, Christian Fliegner.

Fliegner ist nicht einverstanden mit der Linie von Bund und Freistaat. Er kann nicht einsehen, warum Flugzeuge vollbesetzt starten dürfen oder die Wiesn in den Wirtshäusern mit großem Hallo gefeiert werden kann. "Ist Kommerz wichtiger als Kultur?", fragt er sich. Dabei seien doch die Konzertsäle viel größer als etwa ein Wirtshaus und hätten viel höhere Räume, sodass sich das Aerosol viel besser verteilen kann. Außerdem bleibe das Publikum ruhig und mit Maske an seinem Platz - im Gegensatz zum Wirtshaus.

Chöre können nur in Kleingruppen proben

Ein anderes Problem sind die Proben. Fliegner kann nicht verstehen, warum der FC Bayern "Mann an Mann" ganz normal trainieren darf, aber die Mädchen- und Knabenchöre sich an strikte Vorgaben halten müssen: Die Chöre der unterschiedlichen Altersklassen des Tölzer Knabenchores müssen zum Beispiel bei den Proben zwei Meter Abstand halten.

Und das bedeutet, dass etwa von den 74 Buben des Konzertchors nur 30 in den Chorsaal passen. Mehrstimmigkeit könne man aber nicht nur in Kleingruppen proben, sagt Fliegner. Außerdem braucht man dafür doppelt soviel Personal. Wegen der finanziellen Einbußen musste der Chor aber einige Lehrer in Kurzarbeit schicken.

FC Bayern darf normal trainieren, die Chöre nicht

Der Chor hat dem Gesundheitsministerium vorgeschlagen, wie der FC Bayern zwei Mal in der Woche alle Buben und Lehrer auf Corona testen zu lassen, damit sie wieder normal proben dürfen. Die Antwort war abschlägig. Fliegner kann nicht einsehen, warum hier mit zweierlei Maß gemessen wird.

Das Bayerische Kunstministerium sieht zwar nach eigener Aussage die Not der Chöre, sagt aber nur allgemein, dass man den FC Bayern oder die Wirtshauswiesn nicht mit den Chören vergleichen könne. Warum genau man die Vorgaben für die Chöre nicht lockern kann, begründet das Ministerium jedoch nicht. Sie seien "mit Blick auf den Gesundheitsschutz (...) aktuell notwendig, um der Pandemie zu begegnen", heißt es unbestimmt in einer schriftlichen Stellungnahme.

Qualität der Chöre in Gefahr

Die anderen professionellen Chöre in Bayern haben dieselben Probleme. Auch die Regensburger Domspatzen ächzen unter einem sechsstelligen Defizit - von ihren zwölf Herbstkonzerten mussten sie alle bis auf drei absagen. Man könne die Konzerte zwar vielleicht teilweise im nächsten Jahr nachholen, aber der Jugendschutz erlaube eben nur eine bestimmte Anzahl von Konzerten pro Sänger und Jahr.

Außerdem ist die Laufbahn eines Sängerknaben kurz, sagt der Bamberger Domkapellmeister Werner Pees. Schließlich kommen die Buben heutzutage immer früher in den Stimmbruch. Wenn da ein halbes oder ganzes Jahr quasi ausfällt, ist das nur schwer aufholbar. In der Folge drohe die Qualität der Chöre zu leiden.

Sorgen um den Nachwuchs

Außerdem bangt Pees um den Nachwuchs. Nur sechs Sängerknaben konnte er in diesem Jahr aufnehmen in der Bamberger Mädchenkantorei sind es nur sieben Mädchen. Normalerweise kommen jedes Jahr insgesamt 25 Kinder dazu, sagt Pees. Ähnliche Nachrichten haben der Windsbacher Knabenchor und die Regensburger Domspatzen.

Beim Tölzer Knabenchor läuft die Akquise gerade erst an, aber wegen Corona dürfen die Chöre dieses Jahr nicht mit den Sängern an die Schulen gehen, um die Kinder mit kleinen Darbietungen fürs Singen zu begeistern. Wenn ein Chor-Jahrgang aber schwach besetzt ist oder gar ausfällt, dann ist das für die Chöre ein großer Rückschlag, sagen die Chöre unisono.

Chöre sind Kitt für die Gesellschaft

Zu leiden haben darunter am Ende das Publikum und vor allem die Kinder. Denn wer eine Chorprobe etwa beim Tölzer Knabenchor besucht, merkt sofort, dass die Kinder mit großer Begeisterung bei der Sache sind und dass das gemeinsame Singen einen großen Stellenwert in ihrem Leben hat.

Der Gewinn für sie ist weit größer als nur die Freude an der Musik, weiß Domkapellmeister Werner Pees aus 40-jähriger Erfahrung. Denn die Kinder lernen, aufeinander zu hören, Verantwortung zu übernehmen und Gemeinschaftssinn. Deshalb seien die Chöre ein wichtiger Kitt für die Gesellschaft. Er hofft sehr, dass die Politik nicht zulässt, dass große oder auch kleinere Chöre in den Gemeinden wegen Corona sterben.

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