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Corona: Bayerische Kulturmagazine vor dem Aus? | BR24

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Selten haben große Zeitungen so viele Digitalabos abgeschlossen, öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten haben deutlich höhere Einschaltquoten als vor der Corona-Krise – aber die kleinen Kulturzeitschriften und Stadtmagazine kämpfen ums Überleben.

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Corona: Bayerische Kulturmagazine vor dem Aus?

Selten haben große Zeitungen so viele Digitalabos abgeschlossen, öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten haben deutlich höhere Einschaltquoten als vor der Corona-Krise – aber die kleinen Kulturzeitschriften und Stadtmagazine kämpfen ums Überleben.

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Seit dem ersten Tag ist Walter Sianos beim Augsburger Stadtmagazin "Neue Szene" dabei. So eine Situation wie im Moment hat der Chefredakteur in 29 Jahren Magazingeschichte noch nie erlebt.

"Das wurde einem von Tag zu Tag immer bewusster, wie dramatisch die ganze Situation wird. Wir als Stadtmagazin leben viel von Veranstaltungen und Gastronomiebetrieben, die es genauso hart getroffen hat wie uns." Walter Sianos, Chefredakteur "Neue Szene"

Mit 20.000 Exemplaren zählt die Zeitschrift zu den größten bayerischen Stadtmagazinen. Jedes Heft wird gratis verteilt. Die "Neue Szene" finanziert sich durch Werbeanzeigen. Die meisten Partner haben derzeit geschlossen. Sianos musste deshalb improvisieren: Statt in Clubs und Bars liegt die April-Ausgabe jetzt in Supermärkten, Apotheken und anderen Betrieben aus, die noch geöffnet haben.

"Neue Szene"-Mitarbeiter in Kurzarbeit

Die Krise hat Folgen: Zum ersten Mal in der Geschichte ist das Magazin nicht in vollem Umfang erschienen. Die fünf Angestellten der "Neuen Szene" sind in Kurzarbeit. Chefredakteur Walter Sianos hat Soforthilfe beantragt und bewilligt bekommen. Schwere Zeiten, aber Sianos sagt, er "werde einen Teufel tun und jetzt aufgeben. Für viele Augsburger ist die 'Szene' eine Institution".

© Walter Sianos

Erlebt viel Solidarität: Walter Sianos

Das spürt Chefredakteur Walter Sianos auch: Da sind zum Beispiel die freien Autoren, die jetzt weiterschreiben wollen – ohne Honorar. Oder der Vermieter der Redaktion, der die nächsten drei Monate auf die Hälfte der Miete verzichtet. Deshalb gibt es für Walter Sianos nur ein Thema für die kommende Mai-Ausgabe:

"Das nächste Heft wird ganz im Zeichen von Solidarität und Hilfe stehen. Wir wollen die Berichterstattung jetzt nicht in eine negative Richtung lenken, sondern ganz im Gegenteil: Wir müssen aus der Krise alle positiv und gestärkt hervorkommen." Walter Sianos, Chefredakteur "Neue Szene"

"Mit Vergnügen" improvisiert ohne "Daseinsberechtigung"

Nina Vogl berichtet beim Münchner Ableger des Stadtmagazins "Mit Vergnügen" über alles, was ihr und der jungen Community Vergnügen bereitet: Veranstaltungen, Restaurants, Kunst und Kultur. Und damit so ziemlich alles, was im Moment geschlossen hat. "Damit fällt eigentlich der komplette Inhalt und die Daseinsberechtigung weg", so Vogl.

Anstatt das neue Tapas-Lokal in der Maxvorstadt zu testen, schreibt Nina jetzt im Homeoffice über die 21 Restaurants und Cafés in der Maxvorstadt, die liefern oder Take-away anbieten. Da man sich draußen aufgrund der Ausgangsbeschränkungen nicht mehr richtig vergnügen kann, will die Redaktion das Vergnügen jetzt in die eigenen vier Wände tragen.

Zusätzlich liefern Nina Vogl und ihre beiden Kolleginnen jetzt mehr Inhalte an die Berliner Zentralredaktion zu. Das wirkt sich auf die Klickzahlen der Münchner Seite aus. Die sind zwar insgesamt gesunken, einzelne Artikel werden aber – dank Social Media – inzwischen doppelt so häufig geklickt. Und viel Feedback gibt es auch:

"Wir haben so viele Nachrichten bekommen wie schon lange nicht mehr. Leute, die dankbar sind, dass wir noch da sind, oder auch Vorschläge, Tipps und Ideen. Die Leute haben es sehr, sehr positiv angenommen, dass wir da so schnell reagiert haben." Nina Vogl, Redaktionsleiterin "Mit Vergnügen München"
© Nina Vogl

Macht weiter auch ohne "Daseinsberechtigung": Nina Vogl

Wie die "Neue Szene" in Augsburg ist auch das Online-Stadtmagazin "Mit Vergnügen München" kostenlos und finanziert sich über Werbung, Events und Partnerschaften. Mit einem Lieferservice wurde passenderweise schon vor der Corona-Krise eine Kooperation vereinbart. Andere bereits vereinbarte Kooperationen sind aufgrund der Krise nicht zustande gekommen. Nina Vogl und ihre beiden Münchner Kolleginnen sind jetzt vorläufig in Kurzarbeit. Und hoffen, dass die Krise bald vorbei ist:

"Wir sind trotzdem hoffnungsvoll, dass die Leute irgendwann wieder rausgehen können, dass wir uns da eben auch Schritt für Schritt wieder an unsere alten Themen wieder ran wagen können." Nina Vogl, Redaktionsleiterin "Mit Vergnügen München"

Die "MUH" ist Krisen gewohnt

Musik und Heimat – das ist die Ursprungsidee des vierteljährlichen bayerischen Kulturmagazins "MUH". Eine Krise sei nichts Ungewöhnliches für die "MUH", sagt Gründer und Redakteur Josef Winkler. Die Zeitschrift habe als Krisenprojekt angefangen.

"Wir haben von Null angefangen, mit nichts in der Hand. Wir sind 'ne dünne Decke gewohnt. Und das müssen wir schon irgendwie schaffen." Josef Winkler, Redakteur der "MUH"

Im Verkauf machen sich die Ausgangsbeschränkungen bereits bemerkbar. Neben den 4.000 Abonnements wird mit 9.000 Exemplaren der größte Teil im Einzelhandel, an Bahnhöfen oder Flughäfen verkauft. Die meisten Verkaufsstellen sind gerade geschlossen. Im aktuellen Newsletter appelliert Josef Winkler: "Bitte kaufen Sie uns dieses Heft ab (…) damit uns diese Krise nicht das Gnack bricht." Normalerweise schickt Josef Winkler ein bis zwei Newsletter im Quartal. Jetzt möchte er die Schlagzahl deutlich erhöhen:

"Da werde ich den Leuten auf den Keks gehen müssen, dass alle Bezieher des Newsletters dieses Heft kaufen. Wir brauchen wirklich Abverkäufe." Josef Winkler, Redakteur der "MUH"

Anzeigengeschäft unter Druck

Der Preis für die Ausgabe wurde gerade erst auf acht Euro erhöht. Der Einzelpreis hat das höchste Gewicht in der Kalkulation des kleinen Magazins, das Anzeigenaufkommen schwankt. Für die Sommerausgabe hatte das Team mit vielen Anzeigen gerechnet. Doch Josef Winkler bangt, gerade weil die meisten Anzeigen von Verlagen kommen, sich auf Filmstarts beziehen oder auf Veranstaltungen .

Die Arbeit für die nächste Ausgabe Ende Juni läuft gerade erst an. Am Thema Corona-Krise wird der "MUH"-Gründer trotz des langen Vorlaufs wohl nicht vorbeikommen. Allein schon, damit nicht wieder ein Coverfoto "anlasslos in der Luft hängt" – das aktuelle zeigt die Oberammergauer Passionsspiele, die auf 2022 verschoben wurden. Josef Winkler wäre schon froh, wenn er in ein paar Wochen ein Heft herausbringen könnte, "das noch irgendjemand interessiert".

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