BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Corona-Auflage: Aussage des Kunstministers verärgert Intendanten | BR24

© BR
Bildrechte: BR

Leeres Theater: Das droht allen Theatern in Bayern. wo bei einem Inzidenzwert von 100 nur noch 50 Menschen bei Kulturveranstaltungen erlaubt sind

Per Mail sharen

    Corona-Auflage: Aussage des Kunstministers verärgert Intendanten

    Die Theaterchefs des Freistaats zeigen weiter wenig Verständnis für die verschärften Corona-Auflagen. Irritationen gab es um Aussagen von Kunstminister Bernd Sibler, der am Wochenende von einem Einlenken auf Intendantenseite berichtet hatte.

    Per Mail sharen
    Von
    • Christoph Leibold

    Bayerns Verschärfung der Corona-Auflagen hat für Empörung unter den Intendanten im Freistaat gesorgt. Die neuen Regeln laufen darauf hinaus, dass in Theatern bei einem Inzidenzwert über 100 vor fast leeren Rängen gespielt werden muss. In einigen Städten ist das bereits der Fall. Am Wochenende erklärte Kunstminister Bernd Sibler aber, er habe mit "fast allen" Intendanten über die Maßnahmen gesprochen und "mehr Verständnis" registriert. Das ist so nicht der Fall, wie einen Recherche des BR zeigt: Weder hat Sibler "fast alle" Intendanten erreicht, noch ist das Verständnis für die Maßnahmen gewachsen. Unverständnis und Verärgerung haben eher zugenommen.

    Münchner Kammerspiele: "Wir empfinden diesen Erlass als Willkür"

    Vergangenen Mittwoch hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder einen neuen Schwellenwert beim Inzidenzwert eingeführt. Demnach dürfen Kulturveranstaltungen in Städten oder Landkreisen, in denen 100 oder mehr Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen gemeldet wurden, nur noch vor maximal 50 Zuschauern stattfinden. Wo dieser Wert nicht erreicht wird, sind derzeit noch 200 Zuschauer erlaubt.

    Augsburg hatte den Inzidenzwert von 100 schon vergangene Woche überschritten. München erreichte ihn am Wochenende. Die 50-Zuschauer-Regelung ist in diesen beiden Städten also schon in Kraft getreten. Die Münchner Kammerspiele bringen ihr Unverständnis für die Regelung schon auf der Startseite ihrer Internet-Präsenz zum Ausdruck: "Wir empfinden diesen Erlass als Willkür", heißt es dort.

    Intendanten in Bayern pochen auch "Sonderkonditionen"

    Bereits am Freitag hatten sich zehn Bayerische Intendanten in einem offenen Brief an Ministerpräsident Söder gewandt und auf die funktionierenden Hygienekonzepte der Theater verweisen: Es bestehe "keine Infektionsgefahr, da der Mindestabstand von 1,50 m und der Frischluftaustausch im Zuschauerraum bei uns allen gewährleistet ist. Bisher hat es keine nachweisliche Infektion durch einen Theaterbesuch gegeben."

    In ihrem Brief "insistieren" die Intendanten daher auf "Sonderkonditionen für unsere besondere Kunst". Ein Abrücken von dieser Forderung schien angesichts des besorgten Tenors des Schreibens nicht wahrscheinlich. Gleichwohl suggerierte Sibler am Tag drauf am Rande der Münchner Demo "Aufstehen für die Kultur" im BR-Interview, es habe ein Einlenken der Intendanten gegeben.

    © dpa/picture alliance
    Bildrechte: dpa/picture alliance

    Intendantin Kathrin Mädler bezweifelt die "Sinnhaftigkeit" der verschärften Corona-Maßnahmen von Ministerpräsident Söder .

    Wohl nicht alle Intendanten von Sibler kontaktiert

    Regensburgs Intendant Jens Neundorff von Enzberg zeigt dafür wenige Verständnis: "Ich ärgere mich extrem über diese Aussage", sagt er, der nach eigenem Bekunden nicht zu "fast allen" Intendanten zählt, die Sibler kontaktiert haben will. Dabei wäre Neundorff von Enzberg als Sprecher der bayerischen Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein eigentlich ein natürlicher Ansprechpartner.

    Ebenfalls nicht vor Siblers Statement am Samstag kontaktiert wurden nach BR-Recherchen Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele und ihr Münchner Volkstheater-Kollege Christian Stückl sowie Kathrin Mädler, Intendantin des Landestheaters Schwaben, Stefan Tilch vom Landestheater Niederbayern und Knut Weber vom Stadttheater Ingolstadt.

    Kritik der Intendanten an Corona-Maßnahmen

    Die Pressestelle des Kunstministers räumte auf Nachfrage ein, Sibler habe mit "fast alle" die Intendanten der Staatstheater gemeint, etwa Andreas Beck vom Residenztheater in München und Jens-Daniel Herzog vom Staatstheater Nürnberg. Doch auch die städtischen Theater, die dem Freistaat nicht direkt unterstehen, sind von der Verordnung betroffen und zeigen sich verärgert, dass sie nicht zu "fast alle" zählen. André Bücker, Intendant des Staatstheaters Augsburg (der übrigens ebenfalls nicht kontaktiert wurde), sagte dem BR, er habe seine Haltung gegenüber den Maßnahmen keineswegs revidiert. Auch Kathrin Mädler vom Landestheater Schwaben bezweifelt die "Sinnhaftigkeit" der Maßnahmen.

    Verständnis äußern die Theater nur in einem allgemeinen Sinn: "Natürlich gibt es grundsätzlich ein Verständnis für besondere Maßnahmen bei stetig steigendem Inzidenzwert“, erklärt die Pressestelle des Münchner Residenztheaters, und ergänzt dann: "Warum aber den nachweislich funktionierenden Hygienekonzepten aktuell nicht weiter vertraut wird und bei den Maßnahmen nicht je nach Veranstaltungsorten differenziert wird, ist für uns nicht nachvollziehbar."

    Reduzierung des Publikums stellt Theater vor Probleme

    Das Münchner Volkstheater kritisiert die Maßnahmen als unverhältnismäßig. Und Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele, schreibt in einer Stellungnahme: "Ich habe großes Verständnis für die außerordentliche Situation, in der wir uns als Gesellschaft befinden (…) Die Corona Krise ist aber nicht nur eine medizinische und wirtschaftliche Krise. Unsere Gesellschaft steht unter massivem Druck. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist gefährdet. Und gerade deshalb brauchen wir jetzt kulturelle Angebote. Wir müssen über die Zukunft und das Zusammenleben unserer Gesellschaft sprechen. Das ist die Kernaufgabe von Kultur und Theater. Und dies können wir unter Einhaltung der Hygieneregelungen tun."

    Nürnbergs Staatsintendant Jens-Daniel Herzog verweist auf gravierende organisatorische Folgen und die Verantwortung der Theater für ihr Publikum: "Eine Reduzierung des Publikums auf nur 50 Personen stellt uns, allein schon was die Karten-Rückabwicklung bei bereits ausverkauften Veranstaltungen betrifft, vor große Herausforderungen. Und: Wir enttäuschen damit große Teile unseres Publikums, das trotz der Pandemie und trotz aller damit verbundenen notwendigen Einschränkungen, für die wir grundsätzlich natürlich vollstes Verständnis haben, weiterhin gerne zu uns ins Theater kommen möchten. Es wäre wünschenswert, auch bei steigenden Infektionszahlen noch für möglichst viele Menschen einen Zugang zu Kunst und Kultur offen zu halten."

    Vorbildliche Lösung in Baden-Württemberg

    Der Blick vieler geht nun nach Baden-Württemberg. Dort wurde die Teilnehmerzahl bei öffentlichen Veranstaltungen zwar ebenfalls stark reduziert. Den Theatern aber wurde unter Anerkennung der funktionierenden Hygiene-Konzepte eine Ausnahmeregelung gewährt – genau das, was sich auch Bayerns Intendanten dringend wünschen würden.

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

    Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!