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Comics mit Schwerkraft | BR24

© Audio: BR / Bild: pa/dpa

Bei der Aufzeichnung unseres Radiointerviews via Telefon gab es technische Schwierigkeiten. Das hat Lisa Frühbeis zu dieser Skizze inspiriert.

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Comics mit Schwerkraft

"Busengewunder" heißen die feministischen Comic Strips der Augsburgerin Lisa Frühbeis. Anlässe zum Wundern, Ärgern oder Kichern findet die Zeichnerin in ihrem Alltag genug. Auch unser Radiointerview mit Pannen hat Frühbeis in einer Skizze verewigt.

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"Zu wissen, warum gesellschaftlich bestimmte Dinge entstanden sind, macht einen großen Teil von Emanzipation aus.", ist Lisa Frühbeis'überzeugt. In der Tat ist es ein großer Unterschied, ob der Mensch als Frau oder Mann durchs Leben geht. Frühbeis' feministische Comic-Kolumnen wurden im Berliner Tagesspiegel veröffentlicht und sind jetzt, zusammen mit Unveröffentlichtem, als Album "Busengewunder" erschienen. Judith Heitkamp hat mit der Augsburger Autorin über ihr Buch gesprochen.

Judith Heitkamp: Busengewunder – zum Beispiel wundert sich die Figur Lisa, die durch alle Geschichten führt, eine Kolumne lang über gezeichnete Brüste. Warum?

Lisa Frühbeis: Die Figur wundert sich in der Folge, warum die gezeichneten Brüste in Comics und in der Kunst oft so ausschauen, als würde sich die Frau auf dem höchsten Punkt eines Trampolinsprungs befindet oder als wenn immer jemand von innen 'rausboxt', weil gezeichnete Brüste so unnatürlich der Schwerkraft trotzen.

Während Lisa, die im übrigen auch Zeichnerin ist, einfach nur schlichte Halbkreise skizziert. Also werden sofort Klischees konkret, wie Körper sein sollen, wie Frauen sein sollen, und man ist gleich in der Gesellschaftskritik. Wo finden Sie Ihre Themen?

Es sind immer sehr persönliche Themen, oft ein Gespräch, eine Diskussion, ein Streit im Freundeskreis, das nehme ich dann mit nach Hause, recherchiere ... am Schluss ist sehr viel angesammelt und ich gieße das Ganze aufs Blatt.

Zum Beispiel über toxische Männlichkeit, über Damenschuhe, über die Frage, ob Frauen beim Heimwerken einen extra rosa Hammer brauchen oder über Lisas Projekt "Comic über Menstruation", wobei die Reaktionen auf dieses Projekt sehr verhalten ausfallen. Themen, an denen man aber auch sieht, dass die Provokation nicht mehr ganz so groß ist, wie das ein paar Jahrzehnte früher noch der Fall war, zum Beispiel bei den feministischen Cartoons von Claire Bretécher. Geht es heute noch um Provokation?

Claire Bretécher war natürlich die große Königin. Am Anfang sind meine Comics ja in der Zeitung erschienen und ich war sehr vorsichtig und habe immer bei der Redaktion nachgefragt. Das war aber toll, die haben sehr viel durchgewunken. Als reine Illustratorin wurde ich öfter zensiert – was heißt, man kann durchaus noch provozieren, selbst mit Details wie Gesichtsausdrücken. Ich möchte, glaube ich, weniger provozieren als Gedanken anregen und dabei gezielt das Bild einsetzen. Ich habe zum Beispiel einen Comic gemacht, ein kleines Experiment, wo ich die Begriffe gezeichnet habe, die wir umgangssprachlich verwenden, um Genitalien zu benennen, aufgeteilt nach männlich und weiblich. Also wenn wir zum Beispiel Zipfel sagen oder Perle, dann habe ich einen Stoffzipfel und eine Perle gezeichnet, und dann habe ich die beiden Gruppen gegeneinander gestellt und hoffe, dass alleine durch diese Verschiebung in der Kommunikation – nicht mehr Wort, sondern Bild – ein Blick auf die gravierenden Unterschiede zwischen diesen Begriffen angeregt wird.

© Lisa Frühbeis / Carlsen Verlag

Frühbeis will aufklären: "Zu wissen, warum gesellschaftlich bestimmte Dinge entstanden sind, macht einen großen Teil von Emanzipation aus."

Bei anderen Comics spielt Recherche eine Rolle. Einer fängt an bei der Frage "Was, wenn der einzige Sport-BH in der Wäsche ist?", und weitet sich aus zu einer Geschichte des Büstenhalters und seiner gesellschaftlichen Funktion. Wie wichtig ist Ihnen so etwas wie Aufklärung?

Zu wissen, warum gesellschaftlich bestimmte Dinge entstanden sind, macht einen großen Teil von Emanzipation aus. Wenn man diesen Hintergrund kennt, kann man sich auch klarer dafür oder dagegen entscheiden. Tatsächlich braucht jede meiner Episode etwa eine Woche Zeit, und davon sind zwei Tage allein Recherche.

Man soll auch was lernen.

Ja! Einfache Antwort – auf jeden Fall soll man etwas lernen, ich glaube, dass das zur Emanzipation dazugehört.

Gleichzeitig ist die Figur Lisa im Comic, ebenfalls eine Zeichnerin, offensichtlich das Alter Ego von Lisa Frühbeis, ihrer Schöpferin. Wie viel verraten Sie da von sich selbst?

Ich habe bei jeder Geschichte so viel verraten, wie die Geschichte braucht. Das Schöne bei einer autobiografischen Figur ist ja, dass ich mit ihr umspringen kann wie ich will. Tatsächlich ist es viel schwieriger, wenn man Figuren nach anderen realen Vorbildern zeichnet, weil man sich da immer ein OK holen muss. Aber Lisa ist total biegsam.

© Lisa Frühbeis

Die Figur Lisa im Comic, ebenfalls eine Zeichnerin, ist das Alter Ego von Lisa Frühbeis, ihrer Schöpferin.

Haben Sie dabei eigentlich den großen feministischen Diskurs im Kopf und auch ein Publikum, das an diesem Diskurs teilnimmt?

Ich stehe natürlich auf den Schultern von den feministischen Kämpferinnen der letzten Jahrzehnte. Aber die große Gruppe, die ich erreichen möchte, ist völlig frei. Ich hoffe, dass den Comic viele Leute lesen und nicht nur die kleine weibliche feministische Bubble. Es gibt auch viele Männer, die mir schreiben, dass sie viel lernen, dass sie lachen und es für sie schön ist, durch dieses kleine Fenster in die weibliche Perspektive hereinzuschauen.

Sie zeichnen auch live Bild-Protokolle, zum Beispiel bei Kongressen oder Tagungen, und setzen dabei die zentralen Botschaften in Bilder um: "Graphic recording". Wie muss man sich das vorstellen wie bei einer Gerichtszeichnerin?

Gerichtszeichner zeichnen, was sie sehen, weil im Gerichtssaal Fotoapparate verboten sind. Und ich zeichne, was ich höre – die Inhalte. Ich gehe auf Konferenzen, auf Workshops von Firmen, und zeichne live ein Wort-Bild-Protokoll. Das bedeutet, dass ich mir alle zehn Minuten einen Satz heraussuche, der den Inhalt gut zusammenfasst, und dann eine kleine Szene dazu zeichne. Am Ende der Veranstaltung habe ich dann vielleicht 40, 50 Bilder gemacht, die das Publikum sofort anschauen kann, drüber lachen kann, dabei vielleicht Aggressionen abbauen und sich den Inhalt besser merken kann.

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