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Bildrechte: Reprodukt Verlag

Ausschnitt des Covers von "Lehrjahre"

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Comic-Star Guy Delisle erzählt die Geschichte seiner Jugend

Seine Reportagecomics aus Israel und Birma haben den kanadischen Comiczeichner Guy Delisle bekannt gemacht. Jetzt hat er eine neue Reportage gezeichnet, die nach Québec in eine Papierfabrik und in die Jugend des Künstlers führt.

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Von
  • Niels Beintker

Guy Delisle, Jahrgang 1966 und aufgewachsen in Québec, erkundet die Welt gerne mit Zeichenstift und Notizbuch. Einem breiten Publikum bekannt wurde er mit seinen Reiseberichten und Reportagen in Comic-Form, etwa aus verschiedenen Ländern Asiens oder auch aus Israel. Er selbst tritt darin stets als Beobachter auf, gezeichnet in ein paar Strichen, mit einer markanten Nase und schwarzem Strubbelkopf. In seiner neuen Reportage steht er selbst zum ersten Mal im Mittelpunkt: Guy Delisle erzählt in dieser Graphic Novel die Geschichte seiner Jugend.

"Als würde ich meine Leserinnen und Leser in ein anderes Land mitnehmen"

Die Maschinen sind gewaltig, so groß wie mehrere Lokomotiven hintereinander: ein System aus riesigen, beständig kreisenden Rollen, aus Zellstoff entsteht hier Papier, etwa für den Druck der "New York Times". In der Halle ist es laut, es rattert, es raucht, die Temperaturen sind hoch. Mittendrin, mit den üblichen kargen Strichen gezeichnet: Guy Delisle, hier als angehender Kunststudent, kurze Hose, schwere Stiefel und ein T-Shirt in einer Farbe zwischen Gelb und Orange.

In den frühen 80er-Jahren arbeitete er in den Sommermonaten aushilfsweise in der Papierfabrik in Québec, vor allem nachts. Guy Delisle sagt dazu: "Für mich war es, als würde ich an einem meiner Reisebücher arbeiten. Die Fabrik ist ein aufregender Ort. Einzigartig! Ich wollte das Gefühl vermitteln, als würde ich meine Leserinnen und Leser in ein anderes Land mitnehmen – an einen Ort, an den ich nicht mehr zurückkehre und den sie niemals besuchen werden. Du triffst dort sehr besonderes Leute. Und für einen Künstler ist es herrlich, eine Fabrik mit Schornsteinen und Maschinen zu zeichnen."

Der Außenseiter in der lauten Welt der Maschinen

Die Maschinenwelt – tatsächlich ein tolles Thema für das Zeichnen – bestimmt Guy Delisles autobiographischen Comic "Lehrjahre" zu weiten Teilen. Man steht mit seinem gezeichneten Alter Ego oft an den ratternden Rollen und mächtigen Kränen, man folgt ihm beim Kampf mit zerrissenen Papier-Bahnen und mit den Schläuchen, beim Reinigen der Halle. Schnell wird klar: In dieser lauten Welt, aber auch unter den Beschäftigten – lauter toughen Arbeitern – ist der schmale, junge Mann ein Außenseiter. In den langen Nächten liest er klammheimlich John Steinbeck. Für die Kollegen ist er der Künstler.

"Als ich den Arbeitern erzählte, dass ich Kunst studieren würde, reagierten sie überrascht", sagt Guy Delisle. "Ich sollte sagen: Sie waren geschockt. Sie dachten: Was zum Teufel willst du mit einem Kunststudium machen! Ich wusste damals nicht, wie ich darauf antworten sollte. Ich sagte: Ich zeichne gerne. Und ich wäre happy, wenn ich etwas mit Zeichnen machen könnte. Dieser Gegensatz hat mich interessiert.

Komik und eine spürbare Melancholie

Zwischen den vielen Maschinen-Sequenzen – oft komisch, Chaplin lässt grüßen! – erzählt Guy Delisle von der Suche nach einem Weg für das eigene Leben: hier erster Liebeskummer, mit Musik von Neil Young, dort die Entdeckung der Comic-Welt, in einer Bibliothek in Québec, dann schließlich die nicht einfache Beziehung zum getrennt lebenden Vater.

Dieser ist als Ingenieur in der Papierfabrik tätig, hat mit der Arbeit an den Maschinen aber nur wenig zu tun. Guy Delisles Bilder, auch die über das Verhältnis von Vater und Sohn, erzeugen eine spürbare Melancholie. Guy Delisle sagt dazu: "Mein Vater taucht am Anfang und am Ende des Buches auf. Und ein wenig auch mittendrin. Und ich selbst suche ihn auf eine bestimmte Art, in der ganzen Geschichte. Vielleicht ist mein Vater am Ende die Hauptfigur. Das war aber nicht der ursprüngliche Plan. Es wurde einfach interessant für die Geschichte, um einiges zu erklären.

Guy Delisle erzählt nicht nur die Geschichte einer Jugend und eines vermutlich recht introvertierten Menschen. Die Graphic Novel "Lehrjahre" ist auch – und nicht zuletzt – eine gezeichnete Reportage über eine heute nicht mehr existente Arbeitswelt, über eine Zeit vor dem großen Strukturwandel. Der Comiczeichner berichtet immer wieder von den Arbeitern in der Papierfabrik, und das voller Sympathie. Da ist etwa Marc mit dem großen Bizeps und dem ständigen Drang, ins Fitness-Studio zu rennen. Er träumt davon, Polizist zu werden, bei der Motorradstaffel – auch ohne Schulabschluss.

"Erinnerungen, keine Tricks - die Leser sind mit mir unterwegs."

"Auch aus Erinnerungen kann eine Reportage entstehen. Ein Journalist wird vermutlich sagen, das ist nicht seriös. Aber in einem Comic-Buch geht das. Die Leserinnen und Leser wissen, wer die Geschichte erzählt und worauf sie basiert. Es ist die Erinnerung. Es gibt keine Tricks." Er lacht: "Die Leser sind mit mir unterwegs."

So viel Papier, auf gewaltigen Rollen, so viel Qualm, Lärm und Hitze. Und trotzdem ein leises Comic-Buch, nicht ohne Komik, aber eben doch auf eine berührende Art zurückhaltend, ohne großes Tamtam. Das ist die Kunst von Guy Delisle: So über Alltag, Leben und Jugend zu erzählen, dass die, die seinen Bildergeschichten folgen, überhaupt nicht das Gefühl haben, hier sei irgendetwas zu banal oder abseitig.

Guy Delisles Comic-Buch "Lehrjahre" ist im Reprodukt-Verlag erschienen, in der Übersetzung von Heike Drescher. Der Band kostet 20 Euro.

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Ausschnitt des Titelblatts des autobiografischen Reportagecomics "Lehrjahre" von Guy Delisle

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Ausschnitt aus dem Reportagecomic "Lehrjahre" von Guy Delisle

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Ausschnitt aus dem Reportagecomic "Lehrjahre" von Guy Delisle

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Ausschnitt aus dem Reportagecomic "Lehrjahre" von Guy Delisle

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Ausschnitt aus dem Reportagecomic "Lehrjahre" von Guy Delisle

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Ausschnitt aus dem Reportagecomic "Lehrjahre" von Guy Delisle

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Ausschnitt aus dem Reportagecomic "Lehrjahre" von Guy Delisle

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Ausschnitt aus dem Reportagecomic "Lehrjahre" von Guy Delisle

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Ausschnitt aus dem Reportagecomic "Lehrjahre" von Guy Delisle

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