Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Der Film "Colette" ist weniger emanzipiert als seine Hauptfigur | BR24

© BR

Kinofilm über die französische Schriftstellerin "Colette"

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Der Film "Colette" ist weniger emanzipiert als seine Hauptfigur

Eine Frau schreibt erfolgreiche Romane, ihr Mann erntet die Lorbeeren: Vom Leben der französischen Literatin Colette erzählt der gleichnamige Film – und verweist klar auf die #MeToo-Debatte. Schade bloß, dass er nicht genug aus ihr gelernt hat.

Per Mail sharen
Teilen

Als sie noch nichts vom Leben verstand, hat er sie zu sich geholt. Als sie formbar schien, sich willig fügte, da wollte er sie. Das zischt Colette ihrem Mann entgegen. Ihre Zöpfe hatte sie da längst gegen einen frechen Kurzhaarschnitt eingetauscht. Und auch ihr Mann hatte sich verändert. Wenig ist übrig von seinem Charme, der Colette noch vor einer Weile vergessen ließ, was er immer auch war: ein Blender, Lügner, Nutznießer. Die Entwicklung vom Mädchen, das – ganz bukolisch – im Garten Beeren pflückt, zur selbstbewussten jungen Frau verfolgt der Film „Colette“. Akt 1: die Veröffentlichung des ersten Claudine-Buches. Geschrieben von Colette, gepriesen in ganz Paris, veröffentlicht unter dem Namen ihres Mannes, Willy.

Sie schreibt einen Bestseller, er lässt sich dafür feiern

Als sich Colette erste Worte des Protests erlaubt, ist schon einiges passiert: Ihr Ja zu Willy war auch ein Ja zu einem Alltag, dessen Rhythmus der Mann vorgibt. Willy betreibt in Paris eine Art literarische Fabrik mit streng verteilten Rollen: Die Schreiber liefern die Literatur, im Geheimen natürlich, und Willy etabliert den eigenen Namen mit exzentrischem Lebensstil als Marke, unter der sich die Unterhaltungsliteratur bestens verkaufen lässt. Colette gehört schnell zum Kreis dieser stillen Schreiberlinge, genießt zunächst sogar den gemeinsamen Erfolg, bis es ihr unerträglich wird, genügsam neben dem Mann zu sitzen, der als Claudines Erfinder gefeiert wird.

© dpa

Burschikos und behost: Colette begehrt gegen Klischees und Machtstrukturen auf.

Colette küsste öffentlich Frauen

"Es brauchte einen außergewöhnlichen Mann, um diese moderne Frau zu erfinden", heißt es im Film. Der Satz hallt nach, so leichtfertig ist er ausgesprochen und akzeptiert. Denn Kostüme und Kulisse hin oder her: Natürlich verweist das Thema des Films auf die Gegenwart. Auf die Frage, wie es heute um das Verhältnis von Autorschaft und Geschlecht bestellt ist. Etwas später folgt ein weiteres Gespräch, das ans Heute denken lässt: Colette hat da bereits ein paar Frauen geküsst und ist von einer Bekanntschaft nachhaltig fasziniert: Missy, immer in Hosen unterwegs und interesselos, was Make-up und Männer angeht, spricht aus, was der Zuschauer denkt: Dass die Gesellschaft eigentlich wissen müsste, wer Claudines Abenteuer erfunden hat. Und dass sich Colette dazu bekennen sollte, dass sie den Roman geschrieben habe.

Nichts Neues über alte Machtstrukturen

Regisseur Wash Westmoreland macht viel richtig: Er lässt eine vergangene Zeit aufleben und verweist dabei unaufdringlich auf die eigene. Er weicht hier und da von der historischen Vorlage ab, um ein Gefühl vom Wesen der Grand Dame der französischen Literatur zu geben, ohne das ganze Leben nacherzählen zu müssen. Und er verlässt sich mit Keira Knightley auf eine Schauspielerin, die das Ikonische und das Intellektuelle dieser Figur verkörpern kann und jeden Zuschauer spüren lässt, wie facettenreich dieses Liebes- und Machtverhältnis war – zu facettenreich jedenfalls, um vorschnell zu urteilen.

Trotzdem: Wirklich berühren kann dieser Film nicht. Vielleicht, weil er selbst mit den Mechanismen spielt, die er kritisiert: Die Kamera feiert das schöne Äußere Colettes und deren sehnsuchtsvolle Blicke zumindest mehr als die burschikose, behoste Geliebte, die so viel zu sagen hat. Vielleicht aber auch, weil der Film seinem Thema am Ende keine neue Facette abringt, nichts Neues zu erzählen weiß von Machtstrukturen und den Reaktionen auf sie. Gerade in Zeiten der #MeToo-Debatte erscheint diese besondere Geschichte damit nur wie ein weiterer Fall, der bestätigt, was ohnehin jeder weiß.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!