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Monströses und Banales trennt oft nur ein Halbsatz | BR24

© Bild: Philine Hofmann / Audio: BR

Claus Peymann hat in Wien am Theater in der Josefstadt "Der deutsche Mittagstisch" von Thomas Bernhard inszeniert: grotesken Miniaturen mit scharfem Blick, Leichtigkeit, Witz, schwarzem Humor und leider immer noch brandaktuell.

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Monströses und Banales trennt oft nur ein Halbsatz

"Das Meer hat schon immer alle Probleme gelöst": Dieser Satz klingt, als wäre er von heute, ist aber 40 Jahre alt und stammt aus einem Dramolett von Thomas Bernhard. In Wien sind diese Dramolette jetzt zu sehen, inszeniert von Claus Peymann.

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Mahlzeit, die Suppe ist angerichtet. Claus Peymann hat sie für das Wiener Publikum abgeschmeckt und serviert sie brennend heiß, denn manche dieser 40 Jahre alten Dramolette wirken, als wären sie erst gestern geschrieben. "Naja, es ist so, dass die Politiker wirklich jeden Dreck mitmachen, wenn sie nur hoffen, dass sie damit Stimmen fangen können", sagt Regisseur Claus Peymann.

Bundeskanzler, Bundespräsident und Außenminister treten in einem Dramolett als Gäste einer Fernsehshow auf, müssen die Gewissens- und Gesinnungsfrage beantworten und kriechen für eine Wählerstimme und ein bisschen Applaus buchstäblich durch ein Jauchefass.

Bernhards böser Humor

Aus der harmlosen Plauderei zweier Kirchgängerinnen auf dem Friedhof quillt gallig Neid, Geiz und Missgunst hervor, und als sie sich über den eben verstorbenen Herrn unterhalten, der einem Türken unglücklich ins Fahrrad gelaufen ist, wird daraus blanker Hass. "Dieser Rassismus, den man ja immer verspürt und der wieder stärker geworden ist, das nimmt der Bernhard auf", so Peymann.

Das Monströse und das Banale liegt in allen Dramoletten nur einen Halbsatz voneinander entfernt, alle Maßstäbe verschwimmen, findet Claus Peymann: "Da der Bernhard so einen bösen Humor hat, ist das auch mit dem größten Vergnügen anzuschauen. Das ist das erhellende Lachen, ein Lachen der Aufklärung, der Entdeckung, des Aufdeckens."

© Raphael von Bargen

Jutta Ferbers, Claus Peymann und Miriam Lüttgemann bei den Proben im August.

Claus Peymann darf sich getrost auf den Text verlassen und auf jegliche Aktualisierung oder Anspielung verzichten. Denn da finden sich Sätze wie "Politiker sind die Spitze des Eisberges", "Das Meer hat schon immer alle Probleme gelöst" oder "Theater, Oper, Schauspielerei. Die Politik lässt sie fallen, wie sie noch nie gefallen sind": "Wir fühlen uns als Künstler, als Theaterleute allein gelassen. Und jetzt kommen die beschönigenden Sätze, nachdem man 750 Milliarden für die Rettung der deutschen Industrie ausgegeben hat. Da sind wir mit unserem paar Millionen. Das ist ja, das ist ja eine Peanut. Also ich finde, dass wir langsam aber sicher in eine Staatskrise hineingeraten."

Der Theatergott als Teufel

Über Achim Freyers grob gepinselter Bühne, eine Art Theater im Theater mit ins Unendliche reichenden Vorhängen, wacht ein gehörntes Bernhard Konterfei, teuflisch grinsend, mit rot glühenden Augen und in jeder Hand einen zerquetschten Engel. Der Theatergott Bernhard möge uns hold sein, sagt Peymann, dessen Ressentiments gegen das einstige Konkurrenz-Theater, dass er als Schnarch- und Schlaftheater bezeichnet hat, längst dahingeschmolzen sind.

"Das habe ich möglicherweise einmal gesagt, aber ich habe in meinem Leben so viel gesagt, dass ich den Überblick verloren habe", am liebsten, so Peymann weiter, würde er hier bleiben und weiter inszenieren: "Ich bin schon jetzt traurig, dass ich am Freitag wieder einsamer deutscher Theaterangestellter bin. Ich war ja lange Jahre König und hatte ein eigenes Haus, das ist jetzt vorbei. Und jetzt gehe ich wieder in meinen Gemüsegarten in Köpenick und denke mit Glück an diese schöne Arbeitszeit zurück. Also dafür bin ich dankbar."

"Der deutsche Mittagstisch" von Thomas Bernhard in der Inszenierung von Claus Peymann feiert am 17.09. Premiere im Theater in der Josefstadt in Wien.

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