BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Warum deutsche Fernsehserien so hoffnungslos altmodisch sind | BR24

© picture alliance/ dpa Themendienst

So funktionieren Stereotypen im Fernsehen: Kurz vor der Trauung verlassen - die Braut weint.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Warum deutsche Fernsehserien so hoffnungslos altmodisch sind

Ein Liebespaar, eine Rivalin, das sexy Biest: Deutsche Fernsehserien laufen meist nach dem gleichen Muster ab. Claudia Kaiser hat im Hörspiel "Die Schicksalsmaschine" ihre Erfahrungen als Serien-Autorin verarbeitet – die oft deprimierend sind.

Per Mail sharen
Teilen

Claudia Kaiser ist Autorin, Übersetzerin und Musikern (Die Moulinettes, The Sound of Money). Sie war viele Jahre lang im Bereich Daily Soap und Telenovela tätig. Jetzt hat sie ihre Erfahrungen in ihrem Hörspieldebüt "Die Schicksalsmaschine" verarbeitet: Sechs Autor*innen sitzen im Kreativ-Container und plotten die Telenovela "Amelie, eine Frau kämpft um die Liebe". Wie bedrückend die Rahmenbedingungen solcher Plot-Sitzungen sind und warum die Autor*innen für die Geschichten schnell ihre eigenes Leben ausschlachten, hat Claudia Kaiser im Interview mit Thomas Kretschmer erzählt – und auch, warum deutsche Fernsehserien so bieder sind.

Thomas Kretschmer: Für Ihr Hörspiel "Die Schicksalsmaschine" haben Sie sich die fiktive Telenovela "Amelie, eine Frau kämpft um die Liebe" ausgedacht. Welche Geschichte wird dort erzählt?

Claudia Kaiser: Ich habe das so angesiedelt wie Telenovelas in Deutschland klassisch sind, eher in einem Heimatfilm-Setting. Die Telenovela kommt ja aus Südamerika, da sind sie oftmals auch politisch, aufklärerisch und durchaus auch emanzipatorisch geplottet. Telenovelas in Deutschland spielen meistens in einem Heimat-Setting, deswegen habe ich für die fiktive Telenovela des Weingut Lindenfels gewählt. Es gibt die Hauptfigur, die dorthin kommt. Dann gibt es den Erben des Weinguts. Die beiden sind das Liebespaar, das über viele Hunderte Folgen zusammengeführt werden muss. Dann gibt es die Konkurrentin Isabella, und die böse Intrigantin Evelyn neben anderen Figuren.

Gibt es immer dieselben Figurenkonstellationen in so einer Telenovela?

Natürlich gibt es Unterschiede. Aber bei einer Telenovela braucht man das Liebespaar, man braucht eine Nebenbuhlerin, aber eben auch diese Figur der bösen Frau, das sexy Biest: Das habe ich eigentlich auch immer so angetroffen. Das ist eins der Rezepte.

Weshalb gibt es in Deutschland fast nichts Anderes als immer diese leicht biederen Heimat-Settings für solche Telenovelas?

Ich bin da selbst ein bisschen ratlos. Es wäre vielleicht auch interessant, sich zu erkundigen, warum der BR vor einigen Jahren "Dahoam is Dahoam" ins Programm genommen hat, was das ja noch mal wirklich stärker heimatlich verortet. Ich habe mir heute das Fernsehprogramm von ARD und ZDF angeschaut für diese Woche. Und es ist wirklich verblüffend: Es gibt eine Nonnen-Serie, die sehr erfolgreich ist. Am Freitagabend in der ARD läuft ein Film, der heißt "Der Ranger – Paradies Heimat". Der Hauptdarsteller ist Pilot und überwacht Brände in einem Naturpark. Und man sieht da wirklich ein Foto... Dieser Ranger könnte auch der Förster vom Silberwald sein! Vielleicht liegt es unter anderem an der Geschichte: Heimatfilm war ja wahrscheinlich das einzig generisch deutsche Filmgenre. Alles andere wurde mehr oder weniger übernommen. Und so etwas wie den Heimatfilm gibt es in dieser Ausprägung tatsächlich nur in Deutschland. Aber gute Frage, warum das bis heute so erfolgreich und so beliebt ist oder warum die Sender meinen, sie müssten immer wieder Heimatfilme produzieren.

Vermutlich, weil die Quoten ihnen sagen, dass die deutschen Fernsehzuschauerinnen und Fernsehzuschauer gerne "dahoam", gerne zuhause sind. Aber es ist trotzdem interessant, dass das Medium Fernsehen, das ja in anderen Zusammenhängen doch auch für Innovationen gesorgt hat, auch, was Frauenbilder betrifft, hier einem sehr altmodischen Bild anhängt.

Natürlich gibt es Zuschauer, die sich das anschauen. Aber es gibt auch sehr viele Zuschauer, die das nicht sehen wollen. Und da gerade ARD und ZDF ja immer darüber klagen, dass ihr Publikum zu alt ist: Ich glaube nicht, dass sich junge Menschen so etwas anschauen. Wenn man den Leuten anderes bieten würde, würden Sie das vielleicht auch annehmen. Oder liegt es daran, dass Fernsehsender vielleicht doch nicht sehr wendig sind und auf ihre alten Rezepte zurückgreifen? Es hat sicher auch mit Strukturen zu tun. Ich habe bei meiner Arbeit festgestellt: Viele der Autoren oder der beteiligten Redakteure sind nicht unbedingt Leute, die eine große Liebe fürs Fernsehen haben. In Deutschland gibt es eine sehr starke Unterscheidung zwischen "Highbrow" und "Lowbrow". Fernsehen wurde lange als Kulturform nicht ernst genommen. Eher das Theater, vielleicht noch der Film. Viele kamen auch aus dem Theater und waren nicht wirklich ausgebildete Fernsehleute. Das ist ein Unterschied im Vergleich mit anderen Ländern.

© Ulrike Kreutzer/ BR

Im Hörspielstudio (v.l.n.r) Hanna Scheibe, Oliver Stokowski, Michele Cuciuffo, Franziska Schlattner, Florian Karlheim, Xenia Tiling

Noch einmal zu "Amelie, eine Frau kämpft um die Liebe", die Telenovela in Ihrem Hörspiel: Sie haben auch sechs fiktive Autorinnen und Autoren. Und die Autorinnen in Ihrem Stück wollen zumindest teilweise den Frauen einen etwas moderneren, emanzipierteren Touch geben – scheitern damit allerdings kläglich. Ich vermute, da steckt auch ein Stück eigene Erfahrung und Wirklichkeit dahinter. Ist es genauso schwer, da irgendwie modernere Frauenrollen unterzubringen wie aus dem Heimat-Setting rauszukommen?

Ja, das ist schwierig, weil der ganze Rahmen nicht dafür gemacht ist. Und es gibt natürlich unterschiedliche Vorstellungen, auch unter den Autoren. Was ist ein modernes Frauenbild? Das versuche ich auch in dem Hörspiel vorzuführen, dass man durchaus verschiedener Meinung sein kann. Man führt da merkwürdige Diskussionen über Rollenbilder. Ich glaube, generell verändert sich im Moment im Fernsehen sehr vieles. Gerade in den Netflix-Serien gibt es völlig andere Frauenbilder. Und ich hoffe, dass das deutsche Fernsehen irgendwann nachzieht. Aber ich glaube eben, solange dieser Heimatfilm- Duktus bleibt, ist alles nur pseudomodern. Da ist dann vielleicht mal eine Nonne DJ. Das ist dann eine Art von Emanzipation, aber das trifft ja den Kern des Problems nicht wirklich.

Diese Arbeitssituation: sechs Menschen auf engem Raum in einem wahrscheinlich nicht gerade gemütlichen Container. Weil der Head-Autor, der Chef, Platzangst hat, muss auch die Tür immer offen stehen. Und gleichzeitig soll etwas Kreatives entstehen. Wie ist so etwas überhaupt möglich? Das ist ja von der Vorstellung, dass jemand alleine seinen Gedanken nachhängt und dabei etwas entwickelt, weit entfernt.

Das läuft eben über eine Art des gemeinsamen Brainstormings. Da gibt es auch eine leichte Konkurrenzsituation unter den Autoren. Jeder möchte seine Geschichte präsentieren oder eine gute Idee haben. Man will ja nicht immer abgeschmettert werden. Das führt dazu, dass man sich sehr schnell bei eigenen Lebenserfahrungen bedient. Krankheiten etwa sind ein beliebtes Thema. "Aus dramaturgischen Gründen muss diese Figur erkranken. Was würde sich denn da eignen für eine Krankheit?" Dann denkt man vielleicht: "Ja, ich habe Erfahrung. In meiner Familie hatte jemand diesen oder jenen Krebs." Das heißt, man kann sofort sagen, das funktioniert so oder so, und die Krankheit läuft so ab. Und man schöpft aus eigener Erfahrung. Oder man hat eine Scheidung durchlaufen. Und dann geht es bei einer Figur um Beziehungsprobleme. Das führt zu der interessanten Situation, dass man sehr schnell sehr viel an persönlichsten Dingen über seine Kollegen erfährt und auch selbst sehr schnell aus dem Nähkästchen plaudert.

Genau diese Entwicklung zeichnen Sie in der "Schicksalsmaschine", dass die realen fiktiven Figuren mehr und mehr die fiktiven fiktiven Figuren verdrängen, weil ihre Geschichten immer wilder werden. Und die angesprochenen Krankheiten kommen rein und das Verhältnis zur Frau oder zur Ex-Frau und zu den Kindern überlagert immer mehr die fiktionale Geschichte um Amelie. Daraus lässt sich vielleicht noch die Frage ableiten: Ihr Hörspiel handelt vom Fernsehen – das Fernsehen ist aber immer abwesend. Wie war das, fürs Radio über das Fernsehen zu schreiben, über das eine Medium im anderen Medium?

Das macht tatsächlich gar keinen so großen Unterschied. Wenn man Drehbücher fürs Fernsehen schreibt, hat man auch seine Figurenlinien, also die gedruckten Vorgaben, man jongliert die Informationen. Man ist ja als Autor nicht beim Dreh dabei oder am Set, sondern sitzt genauso zuhause am Computer. Insofern war das kein großer Unterschied. Interessanterweise kommt die Daily Soap ja aus dem Radio: Es war ursprünglich ein Radioformat, dass erst später ins Fernsehen kam. Für mich war das insofern ganz schön, weil ich mit Radio aufgewachsen bin. Wir hatten zu meinem großen Bedauern keinen Fernseher zuhause, was dazu geführt hat, dass sehr viel Radio gehört wurde. Sehr viele Hörspiele. Allerdings habe ich, als ich dann ausgezogen bin und einen Fernseher hatte, nur Fernsehen gesehen. Und habe viele, viele Jahre meines Lebens wahrscheinlich vergeudet mit dem Nachholen. Insofern hatte ich dann auch eine sehr große Liebe zum Fernsehen und das war jetzt für mich eine ideale Verbindung.