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Clarice Lispectors Momentaufnahmen von Rio: Aber es wird regnen | BR24

© Privat

Die brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector (Aufnahme von 1960) hätte am 10. Dezember ihren 100. Geburtstag

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    Clarice Lispectors Momentaufnahmen von Rio: Aber es wird regnen

    Der Verlag preist sie als die "Virginia Woolf Südamerikas" an: Clarice Lispector, die am 10. Dezember ihren 100. Geburtstag hätte. Jetzt ist erstmals auf Deutsch ihr Erzählband "Aber es wird regnen" erschienen.

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    Von
    • Margrit Klingler-Clavijo

    "Ich schrieb mehrere Sachen, ehe ich mein erstes Buch veröffentlichte. Ich schrieb Erzählungen für Zeitschriften, Zeitungen. Ich ging mit einer enormen Schüchternheit hin, einer couragierten Schüchternheit. Ich bin zugleich schüchtern und couragiert. Ich ging hin und sagte: 'Ich habe eine Erzählung, wollen Sie die nicht veröffentlichen?'"

    Vollmond-Flirt mit einem Alien

    So fing alles an, so erzählte es Clarice Lispector im Fernsehinterview mit Júlio Lerner bei TV Cultura. Schreiben lerne man vom Leben, das in uns oder rings um uns lebt, wusste die brasilianische Schriftstellerin 1968 in einer ihrer zahlreichen Chroniken für das JORNAL DO BRASIL. Und das bedeutet vom Atemrhythmus und Herzschlag auszugehen, sich und die Welt aufmerksam zu beobachten, die Grenze der Sprache auszuloten und unbequeme Fragen zu stellen. Und Benjamin Moser, Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber ihrer Erzählungen, sagte in Radio France Internationale: "Sie schreibt über häusliche Dramen, eine Frau, die das Abendessen zubereitet für die Schwägerin, die vorbeischaut, über Kinder, die von der Schule abgeholt werden, völlig banale Dinge, über die in Brasilien oder andernorts noch nie so geschrieben wurde. Sie verleiht den Dingen, von denen wir nicht einmal wissen, dass es sie gibt, eine Poesie, bis uns diese Welt offenbart wird, die wir vor Augen haben und nicht sehen."

    Neben ihren frühen, autobiografisch gefärbten Erzählungen über die Kindheit in Recife enthält der zweite Band "Aber es wird regnen" nun Erzählungen aus den 1970er -Jahren, scharf gestochene Momentaufnahmen von Alltagsbegebenheiten in Rio, Geschichten über Lust und Leidenschaft, die oft nur in der Vorstellung ihrer weiblichen Figuren existieren. Miss Algrave, eine züchtige Jungfrau um die dreißig, vergnügt sich bei Vollmond mit einem Alien, der sich als einfühlsamer Liebhaber entpuppt. "Sie verständigten sich auf Sanskrit. Seine Berührung, die so kühl war wie die einer Eidechse, ließ sie erschauern. Ixtlan trug eine Krone aus Nattern, die sich umeinander schlängelten, ganz zahm vor Angst, sterben zu können. Der Umhang, der seinen Körper bedeckte war von duldsamsten Violett, war böses Gold und geronnener Purpur."

    © ©Family History Photo Archive. Courtesy of Paulo Gurgel Valente

    Die brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector mit Perlenkette.

    Sehnsüchte alter Damen

    Genial sind die verschachtelten Erzählungen über die Liebessehnsüchte alter Damen. Die siebzigjährige Frau Jorge B. Xavier hat in ihrer Wohlerzogenheit keine Sprache für "das da" und träumt vor dem Fernseher von einem Rendezvous mit dem Sänger Roberto Carlos. Die sechzigjährige María Angélica der Titelgeschichte, die nur "Aber es wird regnen" sagt, nachdem sie der neunzehnjährige Liebhaber verlassen hat, der ihr Geld wollte.

    Zu Lispectors erzählerischen Glanzstücken zählt zweifellos die visionäre Chronik über Brasilía, der von Lúcio Costa und Oscar Niemeyer am Reißbrett entworfenen Hauptstadt Brasiliens, die Clarice Lispector 1962 besuchte. 1974 erfolgte ein zweiter Besuch. Daraufhin überarbeitete und ergänzte sie ihre erste Chronik und schrieb über die Hauptstadt, die seit 1964 der Sitz der Militärregierung war: "Ich habe mich gefühlt, als zeigte jemand mit dem Finger auf mich: als könnte man mich verhaften oder mir die Papiere wegnehmen, meine Identität, meine Wahrhaftigkeit, meinen letzten inneren Hauch. Ach, wenn mich die Funkstreife verhaftet und verkloppt! Dann benutze ich das schlimmste Wort, das es gibt: Bekloppte. Und da fallen sie tot um. Aber um deinetwillen, Liebling, nehme ich mehr Rücksicht und sage leise: bescheuert…"

    Verstörende Figuren

    Clarice Lispector zu lesen, in die verstörenden und wunderbaren Innenwelten ihrer Figuren einzutauchen, ist ein besonderes Erlebnis. Wahrscheinlich die größte Hommage zu ihrem Hundertsten Geburtstag, der am 10. Dezember diesen Jahres global gefeiert wird, Covid 19-bedingt weitgehend virtuell. Im Vorfeld lancierte der brasilianische Rocco Verlag die ersten Bände der Neuausgabe ihrer Romane, auf dem Cover Ausschnitte aus ihren in den 1970er-Jahren gemalten Bildern. Im gleichen Verlag erschien mit Todas as Cartas auch ihre gesamte Korrespondenz. Die Post gab eine Sonderbriefmarke mit dem Porträt von Clarice Lispector heraus, das ihre Enkelin gestaltet hat. Gespannt darf man schon jetzt auf Luiz Fernando Carvalhos Verfilmung ihres Romans "Die Passion nach G.H." sein.

    Clarice Lispector, Benjamin Moser (Hrsg.), Aber es wird regnen. Aus dem Portugiesischen von Luis Ruby, Penguin Verlag

    © Penguin Verlag/ Montage BR

    Cover: Aber es wird regnen von Clarice Lispecteur

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