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Christopher Rüping inszeniert „Hamlet“ | BR24

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Christopher Rüping inszeniert „Hamlet“

Christopher Rüping hat in Shakespeares Tragödie gründlicher gewütet als der Tod. Acht Leichen sind es am Ende des „Hamlet“, Rüping aber hat fast sämtliche Figuren eliminiert, alle bis auf eine: Horatio. Christoph Leibold war bei der Premiere.

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Horatio ist dafür gleich dreimal anwesend, um sicher zu stellen, dass der Rest eben nicht Schweigen ist, sondern dass Hamlets Geschichte weitererzählt wird.Bevor die drei Horatios zu erzählen beginnen, kippen sie aber erstmal kübelweise Kunstblut über den vergitterten Bühnenboden, aus dem es von unten neonlichtig leuchtet. Ein Live-Musiker mit Laptop und Synthesizer steuert den martialischen Sound zum Blutbad bei, während auf einer Leuchttafel nacheinander die Namen des gesamten Stückpersonals aufscheinen, um sodann durchgestrichen zu werden. Dieses Ausstreichen samt Blutkübelkippen wird sich später noch exzessiv wiederholen, wann immer Horatios Hamlet-Bericht an Punkte gelangt, an denen Figuren getötet werden.

Mehr Theaterblut - weniger Figuren der Handlung

Aus der Erzählung entwickelt sich bald ein Spiel, in dem die Toten wieder auferstehen. Mit Accessoires und Kostümen legen die Schauspieler zugleich Rollen an: eine Krone – und Walter Hess wird zu König Claudius, den Hamlet richten soll; ein luftiges Kleid – und Nils Kahnwald verwandelt sich in Hamlets Geliebte Ophelia. Für den Titelhelden selbst reicht ein schwarzer Kapuzenpulli, der reihum geht. Jeder Horatio darf mal Hamlet sein, egal ob er schon 77 ist wie Walter Hess oder eine Frau wie Katja Bürkle.Was für Hamlet sonst eine Last ist – den toten Vater zu rächen – hier ist es ihm eine Lust. Eine mords Lust. Dabei ist es äußerst zweifelhaft, dass Claudius den alten Hamlet überhaupt auf dem Gewissen hat. Der Geist des toten Vaters erscheint in Rüpings Inszenierung eher wie die fixe Idee eines Fundamentalisten. Und die Frage nach dem Sein oder Nicht-Sein ist eine rein rhetorische. Dieser Hamlet ist mit der finsteren Entschlossenheit eines Selbstmordattentäters auf Auslöschung programmiert.

Rüpings Hamlet: Kein Zauderer - ein fundamentalistischer Wüterich

Die Frage jedoch ist, was es bringt, Hamlet als Fanatiker vorzuführen? Der Zauderer wäre die nicht weniger aktuelle und am Ende die vor allem spannendere Figur gewesen. Radikale in aller Welt tragen den Hass auf die Straßen. Das, was Gerhard Schröder mal als den „Aufstand der Anständigen“ bezeichnet hat, kommt vergleichsweise schleppend in Gang. Hamlets Tatenlosigkeit ist also durchaus eine Schwäche auch dieser Anständigen, die sich – sei es aus Feigheit, Faulheit oder Lähmung – nicht aufraffen können, zu handeln – die aber wohl eher zumindest Teile des Theaterpublikums stellen, jedenfalls eher als Fanatiker, die dort in der Regel nicht anzutreffen sind . Die Zuschauer also mit dieser Lethargie zu konfrontieren wäre interessanter gewesen, als mit einem Fanatiker, von dem sie sich allzu leicht distanzieren können.